Eine Naturkatastrophe am anderen Ende der Welt. Entsetzen. Elend! Das Erdbeben in Nepal ruft wieder einmal diese beschämend routinierte Ohnmacht hervor: Weil wir nur tatenlos Bilder der Zerstörung betrachten können, während in Kathmandu und Umgebung der Mangel und das Durcheinander weiteres Leid anrichten und die Zahl der Opfer immer weiter steigt. 4.000 Tote meldeten die Behörden bei Redaktionsschluss. Erst in Wochen wird man es endgültig wissen.

Was wie die Willkür einer grollenden Erde erscheint, ist, geophysikalisch gesehen, unausweichlich, sobald man es auf der Zeitskala von 50 Millionen Jahren betrachtet. So lange schon drückt sich die indische Kontinentalplatte unter die asiatische. Mit einer Kraft, die, angetrieben von der Höllenglut des Erdinneren, das höchste Gebirge des Planeten aufgetürmt hat, den Himalaya. Zwei Fünftel der nepalesischen Landesfläche liegen höher als unsere Zugspitze, mehr als 3.000 Meter über Meereshöhe. Um jährlich anderthalb Zentimeter schiebt die Kollision der Kontinentalplatten den Mount Everest (8.848 Meter) und seine Nachbargipfel in die Höhe – und baut zugleich im Untergrund unvorstellbare Spannungen auf.

Die entladen sich nur scheinbar aus heiterem Himmel. Im 20. Jahrhundert haben Erdbeben 11.000 Nepalesen getötet. Drei besonders schwere Beben ereigneten sich im 19. Jahrhundert (nämlich in den Jahren 1810, 1833 und 1866), und der älteste historisch verzeichnete Erdstoß kostete im Jahr 1255 vermutlich ein Viertel bis ein Drittel der damaligen Bevölkerung das Leben.

Die Zeugen vor Ort berichten jetzt, die Menschen in Nepal seien auf derart schwere Erdstöße nicht vorbereitet gewesen. Zu lange hätten die verheerenden Beben der Vergangenheit schon zurückgelegen, um noch im kulturellen Gedächtnis präsent zu sein und um zu Vorkehrungen für den Fall der Fälle mahnen zu können. Darin sind Menschen nicht besonders gut. Und in einem Entwicklungsland lenken existenziellere Probleme der Gegenwart davon ab, sich gegen eine Katastrophe zu wappnen, die vielleicht erst die Urenkel trifft.

Was haben menschliche Siedlungen in einem Erdbebenrisikogebiet (Teile Nepals haben die höchste Gefährdungsstufe) überhaupt zu suchen? Aus so einer aus dem Bauch heraus gestellten Frage spricht weniger Hartherzigkeit als vielmehr Ohnmacht. Es ist ein Reflex, den Schrecken angesichts der Naturgewalt zu rationalisieren: Eigentlich ist die Katastrophe ja ein Ausnahmefall, als Naturereignis unvermeidbar. Aber die Leute dort hätten doch darauf gefasst sein müssen.

Psychologisch mag das nachvollziehbar sein. Faktisch ist es falsch.

Wenn Forscher auf Karten besondere Naturgefahren einzeichnen (von Erdbeben über tropische Wirbelstürme bis zu Tsunamis und Sturmfluten)und so die Ungunstregionen auf unserem Planeten einfärben, dann springt gleich ins Auge: Wir Menschen siedeln besonders gerne dort, wo auch geophysische oder meteorologische Gefahren lauern. Egal, ob in Istanbul (Erdbeben), auf Okinawa (Taifun), am Golf von Neapel (Vulkan) oder an der Nordsee (Sturmflut) – die nebenstehende Karte mit ausgewählten Gefahren zeigt es.

Aktuell leben drei Viertel der Weltbevölkerung in Gebieten, die im Laufe der vergangenen 20 Jahre von Naturkatastrophen heimgesucht worden sind. Besonders Küstenregionen ziehen die Menschen an, die Urbanisierung verstärkt noch die Konzentration. An Küsten liegen 75 Prozent aller Megacitys (also Städte mit mehr als zehn Millionen Einwohnern). Heute bieten die Meeresufer fast der Hälfte der Weltbevölkerung eine Heimstatt – zugleich bündeln sich hier oft Naturgefahren.

Katastrophen wie das Erdbeben von Nepal erinnern daran, dass jedes Gefühl von Sicherheit eine Illusion ist, der Menschen im Zeitraum nach der vergangenen und vor der nächsten Verheerung erliegen. Zwar hängt das individuelle Risiko vor allem von guter Vorsorge ab (in der Regel also: ob man in einem Staat lebt, der etwas taugt). Aber die Erkenntnis, dass kein Volk der Erde vor den Urgewalten der Natur fliehen kann, sollte die übrigen Völker motivieren, den Betroffenen zu helfen. Wo immer etwas passiert, und immer wieder. Darin sind wir Menschen nämlich ziemlich gut.