Das Erdbeben, das am vergangenen Wochenende weite Teile Nepals verwüstete, hat ein religiöses Herzland der Menschheit getroffen. Die Tempel und Heiligtümer, die zerstört oder beschädigt wurden, waren nicht einfach ein Stück Weltkulturerbe. Sie gehören zum Kernbestand der großen Religionen Hinduismus und Buddhismus. Neben dem verheerenden menschlichen Leid muss man sich auch Nepals besondere spirituelle Prägung vor Augen führen, wenn man das Echo begreifen will, das dieses Unglück besonders in Indien und in ganz Südasien auslöst.

Nepal, nicht die Milliardennation Indien, in der die meisten Hindus leben, war bis vor wenigen Jahren, als die Monarchie abgeschafft und eine säkulare Verfassung eingeführt wurde, der einzige offiziell hinduistische Staat der Welt. Der Himalaya ist nach uralter Vorstellung der Sitz der Götter – wie der Olymp es für die Griechen der Antike war. Sich in seine Einsamkeit zurückzuziehen und dort die Wahrheit über die Welt und das Selbst zu suchen, in manchmal jahrelanger Abgeschiedenheit, gehört zu jeder ordentlichen indischen Heiligen- oder Denkerbiografie.

Der Pashupatinath-Tempel in Kathmandu ist eines der wichtigsten Pilgerziele für Hindus, eine der großen Kultstätten, die sie einmal in ihrem Leben besuchen wollen. Als der indische Premierminister Narendra Modi im vergangenen Jahr nach Nepal kam, hat er hier eine Andacht gehalten – und dem Heiligtum zweieinhalb Tonnen kostbares, bei Ritualhandlungen hochgeschätztes Sandelholz geschenkt. Der Oberpriester des Tempels stammt stets aus einem Brahmanen-Clan, der im südindischen Bundesstaat Kerala zu Hause ist, Tausende von Kilometern entfernt: Zeugnis einer spirituellen Geografie, die sich um die Staatsgrenzen der Moderne nicht schert.

So transnational und panasiatisch greift auch der Buddhismus aus, für den Nepal gleichfalls ein heiliges Land ist. Siddharta Gautama, der Stifter der Religion, wurde im 6. oder 5. vorchristlichen Jahrhundert in den Vorgebirgsregionen des Himalaya geboren, in einer Gegend, die heute zu Nepal gehört. Aber das Offenbarungserlebnis, das ihn zum Buddha, zum "Erleuchteten" machte, hatte er auf dem Boden des gegenwärtigen Indien. Und während seine Religion in Indien selbst weitgehend wieder vom Hinduismus aufgesogen wurde, hat sie sich in verschiedensten Spielarten über ganz Asien ausgebreitet, nach Tibet und China, nach Südostasien und Japan. Selbst für viele indische Hindus, die sich nicht in irgendeinem exklusiven, konfessionellen Sinne zu ihm "bekennen", ist der Buddha eine Figur, die sie als göttlich verehren.

Nepal ist ein bitterarmes, durch seine Gebirgslage teilweise isoliertes Land. Armut und Abgeschiedenheit sind in diesen Tagen schwere Handicaps bei der Bewältigung des Erdbebens. Zugleich jedoch ist das Land alles andere als ein elendes Randgebiet der Geschichte, sondern historisch reich und seit Jahrhunderten durch Pilgerwege und die Ausbreitung religiöser Ideen, durch die Wanderungen von Mönchen und Weisheitssuchenden mit seinen Nachbarn verbunden.

Den alten spirituellen Beziehungen entsprechen moderne, weltliche Parallel- und Nachfolgestrukturen: Nepalesische Gastarbeiter suchen sich Jobs in Indien, wo sich besser Geld verdienen lässt. Nepalesische Studenten sind an indischen Universitäten eingeschrieben. Die berühmte militärische Truppe der Gurkhas tut in der indischen ebenso wie in der nepalesischen Armee Dienst (dazu noch bei den Briten, der ehemaligen Kolonialmacht auf dem indischen Subkontinent). Der indische Generalstabschef, der aus einem Gurkha-Regiment stammt, trägt zugleich den Titel eines Generals ehrenhalber der nepalesischen Armee. Heute ist er der Mann, der die oberste militärische Verantwortung für die Hilfseinsätze der indischen Soldaten in den Katastrophengebieten des Nachbarlands trägt.

"Für 1,25 Milliarden Inder", hat Premierminister Modi am Sonntag in einer Radioansprache erklärt, "ist Nepal ihr eigenes Land, und Indien wird alle Kraft aufwenden, die Tränen aller Nepalesen zu trocknen, ihre Hände zu halten und an ihrer Seite zu stehen." In der demonstrativen Solidarität mit Nepal steckt das natürliche Mitgefühl mit einem Nachbarn in Not. Es steckt darin auch strategisches Kalkül: Nepals Nachbar auf der anderen Seite, im Norden, ist China, und dessen Einfluss wollen die Inder nicht wachsen sehen, da helfen sie lieber selbst energisch und großzügig. Aber nicht zu unterschätzen ist die pietätvolle Anhänglichkeit an ein kleines Land, das der Welt mehr als andere Länder religiöses Licht und religiöse Wärme gespendet hat. Ein Palästina am Himalaya.