DIE ZEIT: Verstehen Sie nach mehr als 200 Verhandlungstagen, warum zehn Menschen ermordet wurden?

Doris Dierbach: Wir wissen heute mehr darüber, was sich abgespielt hat. Aber es steigt auch die Verständnislosigkeit. Ich hätte nie geglaubt, dass es in unserem Land eine so manifeste Nazi-Szene gibt. Ich verstehe heute auch besser, warum der NSU so lange unerkannt bleiben konnte – weil so viele in diesem Umfeld diese Mentalität teilten. Das waren Menschen, die vor Gericht erzählen, dass sie mit Beate Zschäpe Sekt im Keller des Mietshauses in Zwickau getrunken haben, während auf dem Fernseher ein Foto von Adolf Hitler stand.

Thomas Bliwier: Ich verstehe jetzt besser als vor dem Prozess, wie sich diese Menschen radikalisieren konnten. Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe waren zuerst Teil der rechten Szene, nahmen an Demonstrationen teil, fingen mit kleinen Straftaten an, verprügelten und terrorisierten Andersdenkende. Schließlich fand eine Radikalisierung und Militarisierung statt, aber niemand schritt ein, weil das Umfeld das gar nicht problematisch fand. Wenn wir dann fragen, etwa die Mutter von Uwe Böhnhardt: "Haben Sie nicht gemerkt, wie Ihr Sohn herumgelaufen ist?", dann kommt als Antwort: "Ja, wie eben alle dort."

Dierbach: Bei einigen Zeugen bin ich einfach nur ratlos. Neulich fragten wir einen aus dem früheren Umfeld des Trios nach seiner politischen Einstellung. Er antwortete, er sei eher links, er habe überhaupt nichts gegen Ausländer. Die Stadt habe das gut im Griff. Man sehe die praktisch nicht.

ZEIT: Bislang hat Beate Zschäpe geschwiegen. Glauben Sie, dass das so bleiben wird?

Bliwier: Schwierig zu sagen, so ein Prozess hat immer eine eigene Dynamik. Die Vorwürfe lauten: Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, zehn Morde und ein versuchter Mord ...

ZEIT: ... Beate Zschäpe soll das Haus in Zwickau, in dem das Trio zuletzt lebte, angezündet haben. Eine alte, gehbehinderte Dame war noch im Haus.

Bliwier: Frau Zschäpe hat vielleicht die Hoffnung, dass die Beweise für "lebenslänglich" nicht ausreichen werden. Diese Hoffnung kann dazu führen, dass ein Beschuldigter denkt: Ich bin auf der vermutlich sicheren Seite. Das kann sich schlagartig ändern, wenn die Bundesanwaltschaft ihr Schlussplädoyer hält und eine lebenslange Freiheitsstrafe fordert, womöglich mit besonderer Schwere der Schuld. Man kann nie voraussagen, was mit einem Beschuldigten in so einem Moment passiert. Vielleicht würde Frau Zschäpe dann gern ihre Sicht der Dinge vortragen.

Dierbach: Der Prozess wird sie sehr anstrengen. Sie könnte natürlich helfen, aufzuklären. Uns ist allen in Erinnerung, was sie gesagt hat, nachdem sie sich 2011 nach Tagen des Umherirrens gestellt hat: "Ich habe mich nicht gestellt, um nichts zu sagen." Das war keine unbedachte Äußerung. Aber im Moment will sie nun mal nicht, und das ist ihr gutes Recht. Braucht sie aber auch nicht. Wir kriegen auch so raus, was war.

ZEIT: Zwei Jahre NSU-Prozess – wie zufrieden sind Sie mit dem bisherigen Verlauf?

Dierbach: Das ist ein Prozess mit vielen Taten, die schwer aufzuklären sind, weil sie lange zurückliegen und weil wir es mit verstockten Zeugen zu tun haben, von denen viele eine Aufklärung nicht interessiert. Aber es geht voran, und ich bin ziemlich sicher, dass der Prozess spätestens Anfang des kommenden Jahres abgeschlossen werden kann.

Bliwier: Für uns ist das Anliegen unserer Mandanten wichtig, der Familie Yozgat. Und sie ist sehr zufrieden mit der Verhandlung und damit, wie das Gericht sie führt. Natürlich gab es auch schwer erträgliche Phasen für sie, aber Herr Yozgat, der seinen 21-jährigen Sohn verloren hat, konnte all das vor Gericht sagen, was ihm wichtig war. Die Familie hat das Gefühl, dass sie in diesem Prozess eine Stimme hat. Sie war von Anfang an nicht darauf aus, dass eine bestimmte Verurteilung von Frau Zschäpe oder den anderen Angeklagten erfolgt, das war nie ihr Anliegen. Sondern sie will, dass ihre Fragen geklärt werden und dass diese Morde politisch, juristisch und gesellschaftlich aufgearbeitet werden. Die Familie wäre sehr glücklich, wenn sie verstehen würde, warum ihr Sohn Halit als Opfer ausgesucht worden ist – und welche Rolle der Verfassungsschutz dabei spielte.

ZEIT: Ist aus Ihrer Sicht die Anklage der Bundesanwaltschaft nach wie vor haltbar?

Bliwier: Was die Beteiligung von Frau Zschäpe und den anderen Angeklagten an diesen Taten angeht, auf jeden Fall. Aber mit Sicherheit nicht haltbar ist die These der Bundesanwaltschaft, dass der NSU ein abgeschottetes Trio war, ohne Kontakt zur Außenwelt oder Unterstützung von außen. Wir sind davon überzeugt, dass es überall Unterstützer gab, die Tatorte und Opfer ausgespäht haben.

Dierbach: In allen Städten, in denen die Morde verübt wurden, egal ob Nürnberg, Dortmund oder wie in unserem Fall Kassel, gibt es eine aktive Neonazi-Szene. Es müssen Leute vor Ort ausgespäht haben, dass das spätere Opfer Halit Yozgat in einem Internetcafé arbeitet, das für einen solchen Anschlag relativ günstig liegt – an einer vierspurigen Straße, mit viel Platz zwischen den Häusern, alles recht anonym. Oder woher wussten die NSU-Mitglieder, wo und wann das erste Opfer, Enver Şimşek, seinen Blumenstand geöffnet hatte? Das haben andere für sie ausgekundschaftet.

ZEIT: Was ist im Prozess bisher noch gar nicht aufgearbeitet wurden?

Dierbach: Es wäre schön, wenn die Verteidigung mal problematisieren würde, wie sehr bestimmte gesellschaftliche Versäumnisse die rechten Strukturen und den Fremdenhass begünstigt haben.