Danke für Ihre Geduld", sagte der Chef. Der Präsident des brasilianischen Ölkonzerns Petrobras, Aldemir Bendine, erschien am Mittwoch vergangener Woche anderthalb Stunden verspätet zur Bilanzveröffentlichung. Eigentlich gehören solche Termine zu den eher langweiligen Ereignissen des Wirtschaftslebens. Doch diesmal wurde Bendine mit Spannung erwartet: Würde er erscheinen? Würde es überhaupt eine Bilanz für den 86.000-Mitarbeiter-Konzern geben?

Bendines Dank für die Geduld konnte man auch anders verstehen: Das Zahlenwerk, das er am Mittwoch liebevoll und geduldig ("Schauen Sie hier, meine Lieben ...") den Analysten und Medienvertretern erläuterte, hatte eigentlich schon vor Monaten da sein sollen. Doch bei Petrobras geht es drunter und drüber. Der Konzern, der zu 64 Prozent dem brasilianischen Staat gehört, steckt seit dem Herbst in einem Korruptionsskandal: Offenbar haben Topmanager, Partnerfirmen und Spitzenpolitiker jahrelang Geld abgezweigt, geschätzte 1,9 Milliarden Euro. Außerdem wurde bekannt, dass beim Kauf und Bau mehrerer Raffinerien gigantische Verschwendung herrschte. Das stand so natürlich nicht in den Büchern. Also verweigerten die Buchprüfer lange ihre Unterschrift.

Doch Chaos hin oder her: Es gibt derzeit viele Anleger, die von den Ereignissen bei Petrobras geradezu begeistert sind. Geschäftspartner und Investoren sprechen hinter vorgehaltener Hand schon von neuen Chancen: Petrobras werde in den kommenden Monaten und Jahren wie ein Phönix aus dem Ölbrand auferstehen, weshalb der jetzige Zeitpunkt der Krise ein geradezu großartiger Moment zum Investieren sei.

Bendine, vormals Chef einer Staatsbank, kam im Februar als Aufräumer an die Petrobras-Spitze. Vorher war eine Freundin der Staatspräsidentin Dilma Rousseff die Chefin, eine fähige Managerin, die aber als hundertprozentig loyal zur Regierung galt – bereit, politische Wünsche über ökonomische Ziele zu stellen. Aufsichtsratschef bei Petrobras war zuletzt der Finanzminister, nun wird es auch dort Veränderung geben, Chef des Minenkonzerns Vale wird übernehmen. Das soll Unabhängigkeit bringen – auch wenn der Konzern dazu verpflichtet ist, die Ausbeutung von Öl und Gas in den Dienst des brasilianischen Volkes zu stellen. Dazu gehört zum Beispiel die Versorgung mit billigem Treibstoff.

Die verspätete Bilanz vom Mittwoch zeigt, dass Petrobras und die Regierung ohnehin nicht mehr so weitermachen können wie bisher. Der Jahresverlust beträgt 6,8 Milliarden Euro, nachdem der Konzern seit 1992 ausschließlich Gewinne gemacht hatte. Die Korruptionszahlungen sind nur eines von vielen Problemen. Schwerer wiegt zum Beispiel das Fehlmanagement beim Raffineriebau.

Erhebliche Verluste gibt es bei Petrobras auch deshalb, weil seit dem Korruptionsskandal eine Fülle von Geschäften und Investitionsprojekten brachliegt: Bis alles genau überprüft ist, rückt Petrobras kein Geld mehr heraus. Mancher Zulieferer ist daran schon bankrottgegangen.

In der Branche führt aber ausgerechnet dieser Umstand zu Euphorie. Viele Unternehmen erwarten nach dem großen Aufräumen eine gewaltige Nachfrage nach Produktionspartnern und Auftragnehmern für Investitionen. Denn eines läuft bei Petrobras überhaupt nicht schief: die Ölförderung. Der Konzern bricht Monat für Monat neue Pump-Rekorde und entdeckt neue Reserven. Die Geologen und Tiefseetechniker des Konzerns gelten als Könner, die Petrobras-Fördermethoden sind relativ preiswert. Selbst im Ölkrisenjahr 2014 steigerte Petrobras die Produktion noch, während fast alle anderen Großen sie senken mussten.

Jetzt wird Petrobras dieses Tempo aber nur mit neuen Partnern halten können. Vor allem internationale Firmen, die bisher am brasilianischen Markt nicht vertreten waren, drängen neuerdings in das Geschäft. Sie hatten ja nichts mit der Korruption zu tun. Die Politik wird sich deshalb von lieb gewordenen Ideen verabschieden müssen: etwa der strengen Vorschrift, dass Petrobras einen Großteil seiner Zulieferungen – von der Schiffsschraube bis zur schwimmenden Hightech-Plattform – von brasilianischen Firmen kaufen muss. Für diese "Local Content"-Regel hat nach der Katastrophen-Bilanz wohl kaum noch jemand Verständnis.