Eine stetige Talfahrt – so stellen wir uns das Altern meist vor. Joshua Hartshorne vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) sieht das optimistischer. "Die Vorstellung, dass der Mensch mit Mitte 20 seinen geistigen Höhepunkt überschreitet, ist falsch", sagt der Psychologe. "Nicht alle Fähigkeiten schwinden mit der Zeit, einige scheinen sogar erst im späten Erwachsenenalter aufzublühen."

Hartshorne und die Psychiaterin Laura Germine vom Massachusetts General Hospital haben fast 22.000 Menschen im Alter von 10 bis 69 Jahren auf ihre kognitiven Fähigkeiten untersucht, eine beeindruckende Zahl. Die Forscher hatten zwei Internetseiten erstellt, auf denen Besucher eine Reihe von Aufgaben lösen sollten. Getestet wurden zum Beispiel ihr Gedächtnis, ihre Wortgewandtheit und bestimmte Aspekte der sozialen Intelligenz. Die Ergebnisse sind nun in der Fachzeitschrift Psychological Science erschienen.

Die jüngeren Probanden konnten zwar manche Informationen rascher aufnehmen und anwenden als ältere Testpersonen, sie zeigten eine höhere kognitive "Verarbeitungsgeschwindigkeit", wie es die Forscher nennen. Andere Aufgaben meisterten jedoch die Älteren besser. Das Kurzzeitgedächtnis für Zahlen und Ziffernfolgen schien zum Beispiel bei den Mittdreißigern am stärksten ausgeprägt. Und Teilnehmer im Alter von 40 bis 60 Jahren waren besonders gut darin, Gefühle an Blicken zu erkennen – eine Fähigkeit, welche die Psychologen als Zeichen für soziale Intelligenz werteten. Noch älter waren die Teilnehmer mit dem besten Wortschatz: Laut der Studie erreicht das Vokabular seinen Höhepunkt erst bei Menschen im Alter von Mitte 60.

Weitere Unterschiede fanden die Forscher in den Ergebnissen von Intelligenztests, die Menschen vor 20 Jahren ausgefüllt hatten: Die damals 50-jährigen Testpersonen verfügten über ein ausgeprägtes "allgemeines Verständnis", sie waren besonders gut darin, die Ursachen von Ereignissen zu verstehen. "Das zeigt, dass unser Intellekt nicht als Ganzes altert", sagt Hartshorne. Die Entwicklung des menschlichen Geistes sei eben keine kontinuierliche Talfahrt, sondern ein asynchrones Auf und Ab.

Der Entwicklungspsychologe Florian Schmiedek vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung sieht Hartshornes Fazit jedoch kritisch. "Eine Querschnittsstudie wie diese taugt nicht dazu, Unterschiede zwischen Lebensphasen zu untersuchen. Die Forscher hätten dieselben Personen über Jahrzehnte hinweg beobachten müssen, um herauszufinden, wie sich ihre Fähigkeiten entwickeln." Aus der Studie gehe zwar hervor, dass die älteren Teilnehmer manches besser konnten als die jüngeren. Das könne aber auch daran liegen, dass sie aus einer anderen Generation stammten und unter anderen Lebensumständen groß geworden seien: So zeigten andere Studien, dass ältere Jahrgänge wohl deshalb recht gut im Kopfrechnen sind, weil in ihrer Schulzeit Taschenrechner noch nicht so verbreitet waren – nicht weil arithmetisches Verständnis erst im höheren Alter heranreift.

Wer nun also hofft, im Alter plötzlich völlig neue Geistesgaben zu erlangen, könnte enttäuscht werden. Eine tröstliche Botschaft steckt aber auf jeden Fall in der Studie von Hartshorne und Germine: Manche Fähigkeiten bleiben uns zumindest bis ins hohe Alter erhalten.