Unser Laden, sagen sie in der Familie, ist eine Bühne. Warum sonst sollte am Eingang ein Vorhang hängen? Gespielt wird: das Leben.

Man findet das Cuneo, wenn man von der Reeperbahn in die Davidstraße einbiegt und sie in wenigen Schritten Richtung Hafen durchquert. Touristen könnten das Restaurant für eine weitere Absteige in der neonbunten Welt des Kiezes halten. Eine weinrote Baracke zwischen Automaten-Kasinos und Kneipen. Die Fenster zugehängt, Konzertplakate in den Eingangsbereich gekleistert, über der Tür schmucklos die Lettern des Familiennamens.

Als sich Franco Cuneo an der Theke auf einen Hocker sinken lässt, kommt seine Tochter Franca aus der Küche gerauscht. Die 34-Jährige ist hier genau genommen schon seit Jahren die wahre Chefin, ihr Vater eine Art Ehrenpräsident. Er versteht es, das Spektakel zu inszenieren, wie keiner sonst.

"Ich war 21, als ich den Laden hier übernehmen musste", sagt Franco Cuneo. 1963 war das, und prahlerisch meint er das nicht. Im Gegenteil. Eigentlich wollte Cuneo damals nur Fußball spielen und den Mädchen hinterherschauen. Jedenfalls nicht nächtelang hinter derselben Theke stehen, hinter der er schon seinen Vater Giovanni bemitleidet hatte, der sich dort abgeschuftet hatte und dann früh krank wurde.

Aber blieb ihm etwas anderes übrig? Der Laden war das Leben, das galt in seiner Familie wie ein Grundgesetz. Schon Giovanni hatte keine Wahl.

Francesco, Francos Großvater und gewissermaßen der Ur-Cuneo und Gründer des Restaurants, war mit seiner Frau von Ligurien aus durch halb Europa gestapft. Sie hatten Eis verkauft, musiziert, sich irgendwie durchgeschlagen – bis sie 1905 schließlich in Hamburg mit dem verbliebenen Geld in einem ehemaligen Bordell eine Destille eröffneten. Damals wurde dort, heißt es, mehr gesoffen als gespeist, aber der Laden warf doch Geld ab. Die alte Schanklizenz hängt noch heute an der einen Wand. Von der anderen blickt Francesco mahnend von einem Foto auf seine Nachfolger.

Der Laden, sagen die Cuneos, ist immer ein Stück Brot wert, was natürlich eine große Untertreibung ist, aber nur heißen soll: Er hat uns immer ernährt. Er brachte die Familie durch zwei Weltkriege. Selbst während der Zeit des Nationalsozialismus störte sich offenbar niemand an den Italienern, so sehr waren sie schon damals Teil des Kiezes.

"Sie verstehen?", fragt Cuneo und blickt sein Gegenüber ruhig an. "Ich konnte es nicht ablehnen, den Laden zu übernehmen. Das hier ist etwas, das zur Familie gehört. Solange man lebt, muss man es machen, so gut man kann."

Aber ein Spaß, natürlich, war es nicht immer. Rau ging es zu in den ersten Jahren, wie in einem Saloon – nur dass es hier keine Cowboys gab, sondern Seemänner und Prostituierte. Davon bekam auch Franco Cuneo noch etwas mit.

Einmal, schon nach dem Krieg, soffen ein paar Matrosen am größten Tisch bis tief in die Nacht. Sie zogen ab, ohne zu bezahlen, und ließen einen liegen, der nicht mehr aufwachen wollte. Einer der Männer hatte ihn mit einer Pistole samt Schalldämpfer unterm Tisch erschossen.

Kurz bevor er den Laden übernehmen sollte, erinnert sich Cuneo, nahmen brasilianische Matrosen die halbe Theke auseinander, als sie 1962 den Sieg der Mannschaft um Pelé bei der Fußball-Weltmeisterschaft feierten. Und italienische Hafenarbeiter spielten ganze Abende Karten am Familientisch, ohne eine einzige Bestellung aufzugeben. Jede Unterbrechung wäre ein Affront gewesen, an dessen Ende eher der Wirt aus dem Laden geflogen wäre als die Arbeiter.

Franco Cuneo mustert sein Lokal, während er diese Geschichten erzählt. Er zeigt mal hierhin, mal dorthin wie ein Galerist, der seine Sammlung präsentiert. Die Wände hängen voll mit Geschichten. Der Maler Bruno Bruni etwa, Stammgast seit Jahrzehnten, hat den Seemannsmord in ein Bild gefügt, "Cuneo notte". Gegenüber hängen die Boxhandschuhe von Dariusz Michalczewski, der hier seinen ersten Weltmeisterschaftstitel feierte.

Das ist es, was Cuneo kann: Geschichten entstehen lassen, Geschichten verkaufen. Vom Kochen hatte er nie Ahnung. Er sagt über sich selbst, dafür könne er Menschen verbinden. Vermutlich stimmt das.

Das Telefon am Tresen klingelt, Antonio geht ran, bald winkt er Cuneo herbei. "Es ist Stefano, der Junge ist aus dem Gefängnis!", ruft er auf Italienisch, dass alle es hören können. Und so steht Cuneo eine Weile vor der Jukebox an der Bar, den altmodischen Hörer in der Hand, und ruft immer wieder: "Mamma mia, mamma mia!"

Stefano, ein ehemaliger Tellerwäscher der Cuneos, ist doch noch nicht aus dem Gefängnis gekommen. Er hat nur Freigang. Als er aufgelegt hat, sagt Cuneo: "Ach, der arme Trottel. Die anderen Jungs waren immer viel schlimmer als er, aber Stefano ließ sich ständig erwischen." Er könne mittlerweile eine ganze Wand mit Postkarten tapezieren, die Stefano ihm aus dem Knast in Genua geschickt habe.

Als die Matrosen nicht mehr kamen, kehrten Künstler und Kreative ein

Cuneo kann Anekdoten erzählen von betrunkenen Köchen und unfähigen Kellnern, die Qualifikation oder das Vorstrafenregister spielt für ihn in solchen Momenten keine Rolle. Er liebt diese Menschen, sie gehören für ihn zur Familie.

Dafür, dass er mit dem Laden anfangs nichts zu tun haben wollte, brachte Cuneo ihn erstaunlich schnell zu neuem Erfolg. Die Familie schaffte unter seiner Leitung einen gebrauchten Pizzaofen an, sein Stiefvater baute ihn ein. Bald eröffneten sie einen zweiten Raum und eine Terrasse. Franco Cuneo hatte die Gastronomie nie gelernt, aber er schlug sich überraschend gut, weil er die Menschen offenen Herzens empfing, ganz gleich, wen.