Bald schon kamen keine Seemänner mehr, weil die Schiffe nicht mehr lange genug im Hafen lagen. Stattdessen kehrten Künstler und Kreative zum Feierabend ein. Ein junger Journalist namens Stefan Aust schlenderte von den St. Pauli-Nachrichten herüber, der Maler Bruno Bruni avancierte zum Dauergast. Aust wurde später Chefredakteur des Spiegels, Bruni ein international angesehener Künstler. Ins Cuneo kamen beide immer noch und mit ihnen weitere Prominenz.

Leute wie Otto Sander und Bruno Ganz schauten auf ein Glas Wein vorbei, wenn sie ihre Gastspiele am Theater hinter sich hatten. Der amerikanische Sänger Lenny Kravitz kam immer wieder, weil er merkte, "dass er hier sein kann, wie er will", sagt Cuneo.

Heute ist Franco Cuneo ein alter Herr. Mit ihm hat sich der Kiez verändert, mehr Touristen, kaum noch Matrosen. Wo früher Jungs auf dem Gehweg ihren Rausch ausschliefen, patrouillieren heute Quartiermanager und sorgen für Sauberkeit. Es gibt jetzt Wände, die zurückpinkeln, sagt Cuneo und lacht verächtlich. Er ist noch fit, fährt sogar noch Rennrad. Im Laden aber nimmt er sich zurück, feiert nicht mehr bis sieben Uhr morgens, um seinen Gästen dann zum Sonnenaufgang noch Spaghetti Aglio e Olio zu bereiten.

"Franca", ruft er bald, "hilf mir doch mit diesem jungen Reporter! Ich bin müde." 2005 begann Franco Cuneo, sich aus dem Geschäft zurückzuziehen. Heute ist Franca Cuneo die Chefin – als erste Frau in der Restaurant-Genealogie, sieht man einmal von einem Intermezzo ihrer Tante Mafalda ab. Die 34-Jährige, rotes Kleid, zartes Gesicht, aber die Stimme eines Seemanns, lässt sich auf den Stuhl ihres Vaters plumpsen. Eben hat sie noch italienische Kommandos durchs Lokal gerufen. Jetzt sitzt sie hier und versucht zu beschreiben, was ihre Rolle ist.

"Klar, ich bin der Chef", sagt sie. Aber der Laden gehöre eben der ganzen Familie."Alle haben das Recht, hier Geld zu verdienen." So kommt es zum Beispiel, dass Tante Mafalda am Wochenende immer noch hinterm Tresen steht, obwohl sie schon weit über 70 ist. Und auch Francas Bruder Alessandro, der als Kardiologe arbeitet, hilft mit, wenn es nötig ist.

Früher kamen die Gäste trotz des Essens – heute auch deswegen

Trotzdem verändert sich auch das Cuneo. Es gebe, sagt Franca, immer weniger dieser sonderbaren Gestalten, die die Straßen früher regelmäßig in den Laden spülten. Leute wie Signor Peng, der Grissini als Stäbchen benutzte, um seine Spaghetti zu essen. "Das war ein älterer Herr", erzählt Franca, "der immer vorn saß an der Theke und kleine selbst gemalte Seidenbildchen dabeihatte." Erst zu später Stunde zeigte er die Bilder herum, auf deren Rückseite hatte er schlüpfrige Motive gemalt, nun bot er sie zum Verkauf.

Heute sei es auch nicht mehr so oft so wild, sagt Franca. Sie machen die Küche jetzt oft eine Stunde früher zu als noch vor ein paar Jahren.

Immer wieder springt Franca Cuneo auf, um Gäste willkommen zu heißen. "Buonasera!", ruft sie dann. "Sie hatten reserviert? Nein? Das kriegen wir hin." Sie spricht schnell, hektisch manchmal, sie kann in wenigen Sätzen durch eine lange Familiengeschichte führen.

Mit Franca geht das Restaurant in eine neue Phase. Das Cuneo sei immer ein Einwandererlokal gewesen, obwohl ihr Vater in Deutschland geboren ist. "Als Papa groß wurde, galten Italiener noch als Kanaken", sagt Franca Cuneo. Zum Beispiel sei er nicht in den Tennisclub aufgenommen worden. Einen Italiener aus dem schmuddeligen St. Pauli wollte man da nicht. Später, als das Restaurant dann in den Zeitungen als "Promi-Treff" beschrieben wurde, luden sie ihn persönlich ein, aber da wollte er nicht mehr. Franca fährt zwar regelmäßig nach Italien, aber sie sieht sich vor allem als Hamburgerin, und bei ihr hat das auch noch niemand in Abrede gestellt.

Ein Stammgast, sagt sie, habe ihr mal gesagt, früher sei er trotz des Essens gekommen, heute auch wegen der Gerichte. Und die Gäste sind jünger geworden. Es reservieren mittlerweile auch große Gruppen von Studenten, die erst Pasta essen und dann feiern gehen. "Mein Vater hat immer gesagt, der Laden formt sich um den, der sich kümmert", sagt Franca. "Wenn du dich richtig kümmerst, dann kümmert sich der Laden auch um dich."