Ein normales Brötchen kostet im Bioladen locker 40 Cent. In der Filialbäckerei um die Ecke genau die Hälfte und am Bahnhofskiosk nur 12 Cent. Entsprechend lumpig sieht es dort auch aus. Wer hineinbeißt, hat viel Luft zwischen den Zähnen und nichts, was die Geschmacksnerven erfreute. Der Preisunterschied zwischen Bio- und Billigware lässt sich mit dem Qualitätsunterschied schon rechtfertigen.

Nur erschöpft sich die Backwarenwelt keineswegs in der Logik ökonomischer Kalkulation. Es geht in ihr, wie in der Konsumwelt allgemein, auch um kulturelle Codes, um das, was der französische Soziologe Pierre Bourdieu die "feinen Unterschiede" nannte. Wer vier Euro für zehn Brötchen auf den Tresen einer pastellfarbenen "Backmanufaktur" legt und vielleicht noch fünf Euro für ein Fläschchen reinen Fruchtsaft, verfügt nicht nur über die nötigen Geldmittel, sondern auch über ein soziokulturelles Selbstbild, das ihn veranlasst, die Nähe zur Biogemeinde zu suchen und Milieus zu meiden, in denen die 12-Cent-Dinger als solide Lebensmittel gelten. Die Brötchen-Entscheidung ist eine symbolische Angelegenheit. Ebenso wie die Entscheidung für abgezogene Holzdielen und gegen Nylonteppichboden und vieles mehr.

Dann aber kommt der Tag, an dem der Kontostand die Symbolik verbietet. An einem solchen Tag trägt der 42-jährige, arbeitslose Journalist Georg in Kristine Bilkaus Debütroman Die Glücklichen zwei Brötchen vom Bahnhofskiosk nach Hause. In eine großzügige Wohnung mit abgezogenen Holzdielen, die der Kontostand eigentlich auch längst verbietet. Die Zeitung, bei der Georg als Redakteur arbeitet, geht pleite. Der neue Investor übernimmt ihn nicht. Das übliche Prozedere im Printjournalismus, wo die Gespenster verwaisender Goldgräberstädte umgehen. Gleichzeitig verliert Isabell, Georgs Lebensgefährtin und Mutter des gemeinsamen Kleinkinds, ihren Job als Cellistin im Orchester eines Musicaltheaters. Sie leidet an einem mysteriösen Zittern ihrer Bogenhand. Ein paar ausbleibende Monatsgehälter – mehr braucht der soziale Abstieg nicht, um sein Werk im seelischen Gefüge des Paares zu verrichten. Denn zur Verarmungsangst tritt eine geradezu existenzielle Irritation. Hängt die Erde nicht schief im Universum, wenn Ex-Journalisten und Ex-Cellistinnen neuerdings gezwungen sind, ihre lieb gewordenen Backmanufakturen zu meiden und in miefigen Ferienwohnungen zu urlauben?

Genau das, dieses Zusammenspiel von materiellem und mentalem Einbruch, stellt Kristine Bilkau dar, so empfindsam wie messerscharf beobachtet. Die schöne Welt des urbanen Kreativbürgertums, von dem sie erzählt, wird von der Krise doppelt kalt erwischt. Die prekären Verhältnisse sind das eine. Der Verlust kultureller Codes, die den Abstand zur Normalwelt des Kleinbürgertums sicherten, ist das andere. Wer gestern glänzende Reportagen schrieb und heute als Verkäufer im Möbelhaus steht, hat sich nicht nur auf der Stufenleiter der Gehaltsklassen nach unten bewegt. Er hat in der undefinierten Kastenordnung der deutschen Gesellschaft einen Wechsel vollzogen, der aus ihm einen anderen Menschen macht.

Robert Kisch, ein Autorenpseudonym, ist so ein Fall. Der Mann, der sich ironisch nach der Reporterlegende Egon Erwin Kisch benennt, war vor ein paar Jahren noch ein erfolgreicher, preisgekrönter, in großen Feuilletons und Magazinen publizierender Journalist. In seiner Karriere gab es ein paar Unfälle, vermutlich auch ein paar ungeschickte Entscheidungen. Die Aufträge blieben aus, und Robert Kisch zählte, als Mittvierziger, nicht mehr zu den Jungen. Heute verkauft er Schrankwände und Polstersessel. Jeden Tag, auch an den nicht seltenen verkaufsoffenen Sonntagen. Er erhält 1400 Euro brutto Grundgehalt. Was er darüber hinaus für sein Leben, den Unterhalt für die geschiedene Gattin und den Sohn benötigt, verdient er auf Provision. Das heißt, er arbeitet an vorderster Front des Kapitalismus, wo dessen Kampfgesetze nicht in die Watte feuilletonistischer Betrachtungen gehüllt, sondern schier körperlich spürbar sind. Noch härter ist allenfalls die Arbeit im Callcenter, dieser tödlichen Endstation für überzählige Medien- und Kulturleutchen.

Das Buch, das Robert Kisch – Gott weiß, zu welcher Uhrzeit – über sein zweites Leben als "Einrichtungsberater" verfasst hat, trägt die Gattungsbezeichnung Tatsachenroman und den Titel Möbelhaus. Ohne Probleme lässt es sich als mögliche Fortsetzungsgeschichte von Bilkaus Die Glücklichen lesen. Stilistisch und atmosphärisch liegen die beiden Bücher allerdings recht weit auseinander. Möbelhaus versteht sich als Wallraffiade, als Undercover-Bericht aus einem moralisch durch und durch verdorbenen, von geizgeilen Konsumenten, intriganten Angestellten, menschenverachtenden Chefs und geistesgestörten Verkaufscoachs bevölkerten Mikrokosmos, der aus der Sicht des Autors den gesellschaftlichen Makrokosmos abbildet. Verfasst im Ton eines schneidenden, mitunter ruppigen und mündlichen Furioso. Ganz anders Kristine Bilkau. Ihr Roman ist, wenn man so will, in vieler Hinsicht literarischer. Eine ihrer Stärken liegt in der fein austarierten Überhöhung von Realien zu Sinnbildern, wie dem der Abdeckplanen, die während der Renovierung der Hausfassade vor den Fenstern flattern. Ein Soundtrack beständiger Beunruhigung und invasiver Bedrohung, der vor allem Isabell auf die Nerven schlägt.

Literarischer heißt hier aber auch: eine Spur glatter. Zwar ist der Arbeitsmarkt am Schluss von Bilkaus Roman für Georg und Isabell so vernagelt wie zuvor. Dafür haben sich jene Tore geöffnet, hinter denen die Schule der Gelassenheit liegt. Fast wirkt das Paar am Ende erleichtert, die anspruchsvollen Codes des Kulturmilieus und dessen spezielle Hybris auch mal los zu sein. Fast versöhnt nähern sie sich dem Kleinbürgertum der Eltern an, dem sie einst entflohen und das sie kürzlich noch abscheulich fanden. Gelassenheit, Versöhnlichkeit – für Kischs Frontbericht aus der gelebten Realität sind dies Fremdwörter. Bei aller, auch gegen sich selbst gerichteten Rigorosität, mit der er die Exilierung aus dem Medien- ins Möbelgeschäft vollzog, bei allem abgeklärten Sarkasmus, den er an den Tag legt: In dem Mann kocht es. Und jede Seite von Möbelhaus ist ein schmerzhaftes Zeugnis der Zerreißproben und Widersprüche, die den Ex-Reporter in seiner beruflichen Zweitidentität einholen.

Er hat mit den Kollegen von früher nichts mehr zu tun. Er will auch nicht. Er erkennt sie kaum auf der Straße wieder. Wenn er Zeit für Sport hat, verbringt er sie mit Kumpels, die seiner neuen Kaste angehören. Aber er erwähnt nicht ein Mal, nein, ein Dutzend Mal, zu jenem Exklusivclub des Journalismus gehört zu haben, in dem Personen, die anständige Zeitungsartikel verfassen, "Edelfedern" heißen. Ein alberner Begriff, den man doch langsam gern ins Archiv verabschiedet sähe. Vergeblich sucht man in dem Satz "Ich war ein Reporter, dessen Texte inhaliert wurden" nach Spuren der Selbstironie, die ihm an anderen Stellen bewundernswert zur Verfügung steht. Was sozialer Abstieg wirklich ist, das wird in Robert Kischs autobiografischem Möbelhaus nicht intelligenter dargestellt als in Kristine Bilkaus Romanfiktion, aber es wird roher, unmittelbarer erfahrbar.

Beide Bücher schauen geradewegs einem Thema ins Auge, das die deutsche Gegenwartsliteratur ansonsten gern nur von der Seite anblinzelt: Geld. Die Marxsche Basis des Lebens und der Geschichten, die es schreibt. Im klassischen Gesellschaftsroman des 19. Jahrhunderts, bei Zola oder Balzac, zählten Vermögensverhältnisse und die entsprechenden Zahlen immer schon zur Grundausstattung des Erzählens. Auch die gewichtigsten Gesellschaftsromanciers der Gegenwart, Schriftsteller wie Michael Kleeberg oder Martin Mosebach, schenken den Geldbörsen ihrer Figuren nicht weniger Beachtung als deren Innenleben. Im Großen und Ganzen aber spielt Geld in der Literatur eher die Rolle eines blinden Flecks. Die Referenzsysteme von Psychologie und Philosophie sind ihr näher als die der Ökonomie – und es hat, so bedrückend die Geschichten von Kisch und Bilkau auch sein mögen, fast etwas Befreiendes, sie zu lesen. Man tut es mit dem Gefühl, einer sehr wahren Wahrheit endlich mal näher zu kommen.

Das gilt auch für ein paar feine Geschlechterunterschiede, die Kisch und Bilkau überraschend einhellig herausarbeiten. In beider Bücher fällt irgendwann das böse Wort "Versager"; ausgesprochen oder nur gedacht von den Frauen, die sich vor Jahren in einen tollen Journalisten verliebten und nun mit einem Arbeitslosen beziehungsweise einem Möbelverkäufer leben. Wie wäre es, fragt man sich bei der Lektüre, eigentlich umgekehrt? Gälten für die Topjournalistin, die eines Tages keine mehr ist und 12-Cent-Brötchen nach Hause bringt, nicht mildere Umstände? Und würde man dem Mann, der das Wort "Versagerin" in den Mund nimmt, nicht schwer eins über die Rübe geben? Und ihm dann erklären, dass sozialer Abstieg nichts mit der Person und der Qualifikation des Abgestiegenen zu tun hat?