Es sieht ein bisschen aus wie an der Börse, nur kleiner, unaufgeräumter. Und die jungen Männer vor den Computern tragen Jeans statt Anzug. Ein Großraumbüro in der HafenCity, an den Wänden riesige Bildschirme mit zahllosen Kurven und Charts. In Tschechien, sagt Gunnar Froh und deutet auf einen der vielen Monitore, laufe es gerade richtig super.

Willkommen bei Wundercar, dem meistgehassten Start-up Hamburgs. Wundercar? Gibt es die noch? Darf es die überhaupt noch geben?

Die Antwort lautet: Ja und nein. Den vor einem Jahr gestarteten Mitfahrservice gibt es noch – nur nicht in Hamburg. Das Start-up hat seiner Heimatstadt den Rücken gekehrt. Oder andersherum.

Rückblende. Im Frühjahr 2014 war Gunnar Froh, ehemaliger Deutschlandchef des Zimmervermittlers Airbnb, mit einer App in den Markt gegangen, die sehr bald für sehr großen Ärger sorgte. Die Geschäftsidee: Autobesitzer registrieren sich auf der Plattform Wundercar als Fahrer. Wer von A nach B will, kann per Smartphone Touren anfragen. Der Gast zahlt, so viel er möchte, Wundercar nimmt 20 Prozent Vermittlungsgebühr. Das Prinzip gleicht dem einer Mitfahrzentrale – oder dem eines Taxidienstes, je nachdem, wen man fragt.

Die Hamburger Taxifahrer nämlich sehen Wundercar als illegalen Taxibetrieb, der die Preise zerstört und am Sozialstaat vorbei Geschäfte macht. Schließlich halten sich die vermeintlich privaten Fahrer nicht an die strengen Regeln, an die sich Taxifahrer halten müssen. Und sie bezahlen für ihre Einnahmen keine Steuern. Vergangenen Juni waren deshalb hunderte Taxifahrer vor die Wundercar-Zentrale in der HafenCity gezogen, um gegen den Vermittlungsdienst zu demonstrieren. Kurz darauf hatte die Stadt Wundercar verboten.

Zu Unrecht, wie Froh noch immer findet. Im Gegensatz zum – deutschlandweit verbotenen – Fahrdienst Uber, gehe es bei Wundercar nicht darum, seinen Lebensunterhalt als Chauffeur zu verdienen, sondern um den ideellen Gewinn: Es müsse doch nicht jeder im eigenen Auto durch die Stadt fahren, und die Leute könnten sich bei der Fahrt nett unterhalten. Wundercar als Sozialprojekt.

Bis heute hängen die Fotos der ersten Hamburger Fahrer in einem Konferenzraum an der Wand. Alte Zeiten. "In Hamburg sind wir eigentlich nur noch, weil ich hier wohne", sagt Froh. In Hamburg bekommt man über Wundercar keine Mitfahrgelegenheit mehr, weil Behörde und Taxifahrer sich am Ende durchgesetzt haben. Weil das Modell illegal war und das, was legal wäre – nämlich nur die Betriebskosten abzurechnen –, zu wenig Einnahmen bringt.

Wundercar ist gescheitert. Das ist die eine Sicht. Eine andere: Erst durch den Krach mit Stadt und Taxifahrern entdeckten Froh und seine Leute ein viel besseres Modell.

Aktuell fahren Wundercar-Nutzer nämlich vor allem in Osteuropa: In Budapest, Prag und Warschau. Insgesamt 8000 Fahrer sind angemeldet. 500 davon fahren jeden Tag. Alle sechs bis acht Wochen verdopple sich die Zahl, sagt Froh. Im Sommer soll die App in Lateinamerika starten. Das Motto lautet jetzt: Neue Märkte statt hippe Metropolen.

Wundercar setzt nun auf Länder, in denen man um Firmen wie Uber und Co. weniger Wirbel macht. Wo Vorschriften wie ein Personenbeförderungsgesetz nicht akribisch kontrolliert werden oder gar nicht existieren. Wo der Staat nicht so genau nachfragt, ob Fahrer ihre Dienste nun aus Spaß oder des Geldes wegen anbieten, ob sie dafür eigentlich Steuern zahlen oder versichert sein müssten. Und es sind Länder, in denen das Potenzial groß ist. In Osteuropa und Südamerika sind öffentliche Verkehrsnetze oft dürftig. Nicht jeder kann sich ein Auto leisten, aber fast alle haben ein Smartphone. Die Zahl der möglichen Nutzer ist enorm. Schließlich würde die Mitfahr-App nicht aus Sozial- oder Öko-Gründen, sondern aus schierer Notwendigkeit heraus verwendet.

Das jedenfalls glaubt Froh – und seine neuen Geldgeber: Derzeit steigen zwei weitere Investoren bei Wundercar ein. Mit welchem Betrag genau, will Froh nicht sagen. Nur: "Nicht viele Hamburger Start-ups erhalten solche Summen." Das Gros kommt von einem Wagniskapitalfonds aus San Francisco. Als Nummer zwei soll ein großer deutscher Autobauer bei Wundercar mitmachen. Ist es wirklich BMW? Froh verrät es nicht.

Es würde in die Strategie der Bayern passen. Der Konzern hat eine eigene Wagniskapitalgesellschaft, die sich bereits bei verschiedenen Mobil-Apps eingekauft hat. BMW will das Geschäft mit den Mobilitätsdienstleistungen auf keinen Fall verpassen. Denn langfristig bedrohen die Sharingkonzepte nicht nur deutsche Taxifahrer, sondern auch die Autoindustrie.

Und dann kommt Froh wohl auch wieder nach Deutschland zurück: Derzeit prüft die EU-Kommission eine Beschwerde wegen des deutschen Uber-Verbots. Froh selbst führt regelmäßig Gespräche mit Politikern über Gesetze, mögliche Regelungen und Kompromisse. Im Bundestag, sagt Froh. "Nicht in Hamburg."