Der Hausherr des Wiener Stefansdoms, Kardinal Schönborn, sagte es im Fernsehen: "Viele Dome werden bewundert, der Stefansdom wird geliebt."

So fuhr ich mit der Untergrundbahn vom schnöden Schwedenplatz zum gloriosen Stefansplatz. Plötzlich, gleich nachdem die Türen des Waggons zugegangen waren, erhob sich die Stimme eines schwarzen Mannes. Er trug große runde Brillengläser, sie hatten einen hellen, durchsichtigen Rahmen. Sein Deutsch war fast akzentfrei, und er hatte – wie jener Porgy aus dem Musical – einen wunderschönen Bassbariton. Er sah aus wie ein afrikanischer Diktator oder wie ein französischer Intellektueller mit Migrationshintergrund. Gleich begriff man, warum der Mann unmittelbar nach dem Schließen der Türen loslegte. Niemand durfte aussteigen, alle sollten ihn hören. Laut und gut gelaunt rief er seine Botschaft in den ratternden Waggon: "Es gibt keine Liebe", rief er, "jenseits von Jesus!"

Der Mann war ein Prediger, und er war eingestiegen, um uns gleichgültigen Passagieren die Liebe zu predigen, natürlich nicht ohne Erwähnung einer der in Glaubensgemeinschaften so beliebten Drohungen: "Für die, die die Menschen", rief er, "mehr lieben als Gott, gibt es keinen Platz ..." Ich sah mich um, ob nicht doch noch ein Platz frei war in der U-Bahn, und da hatte er schon seinen Satz vervollständigt: "... gibt es keinen Platz im Himmel!"

Es ist nicht zu glauben, wie hartnäckig Traditionen wirken. Dieses theologische Argument kehrt in einer humanitären Kritik an der Liebe immer wieder: Liebe habe etwas Inhumanes, weil sie auf einen Menschen allein fixiert sei, sodass den Liebenden die ganze Menschheit egal sei. Es ist das extrapolierte Individuelle, das aus dieser Sicht die Liebe anrüchig macht.

Das Argument habe ich variiert wiedergefunden: Teresa von Ávila (1515 bis 1582) war die Begründerin des Nonnenordens der Karmeliten, der "Unbeschuhten Karmeliterinnen". An einer Stelle argumentiert sie, dass man ja meinen könnte, ein Zuviel an gegenseitiger Liebe könne nicht schlecht sein. Aber nein, es schadet der geschwisterlichen Gemeinschaft, weil man dann "nicht mehr so viel Liebe zu allen hat ... Denn solch dicke Freundschaften fädelt der Böse nie ein, um dem Herrn besser zu dienen, sondern um in den Ordensgemeinschaften Parteiungen anzuzetteln ... Um der Liebe Gottes willen hüte man sich vor diesen Sonderfreundschaften ..."

In Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit wird dann stehen, dass dieses Individuelle der Liebe ähnlich ist wie "gewisse Abirrungen" in den Sexualpraktiken.

Aber das ist schon ein anderes Kapitel – es erzählt dann, wie man die Sünde zum Genuss aufbereiten kann.