In Polenz, einem sächsischen Dorf, gibt es eine Kneipe, in der man sich trifft, zusammenhockt, feiert. Schon immer, seit 1898, heißt diese Kneipe Erbgericht. Tatsächlich hat früher an diesem Ort eine Art Dorfrichter Adam gewirkt.

Aber es ist nicht die Vergangenheit, die die junge Fotografin Andrea Grützner an dem Ort interessiert. Sie kennt das Erbgericht seit ihrer Kindheit und hat es zum Thema ihrer Abschlussarbeit an der Fachhochschule Bielefeld gemacht. Man kann sich vorstellen, wie das auch hätte ausgehen können: rotgesichtige Biertrinker, Ententanz beim Schützenfest und dergleichen mehr. Auf Grützners Fotos ist kein einziger Gast zu sehen. Stattdessen hat sie den sozialen Kosmos auseinandergenommen und Fragmente der Inneneinrichtung nach den Regeln einer eigenen Ästhetik neu zusammengesetzt. In diesen Collagen erkennt der Betrachter hier ein Stück Treppe, dort ein Fußbodenmosaik oder eine Tür und immer wieder Geländer, verfremdet durch Anschnitt oder ungewohnte Perspektive. Die Aufnahmen sind nicht am Computer entstanden, wie man vermuten könnte, sondern klassisch analog mit einer Balgenkamera und farbigen Blitzen fotografiert. Grützner erzählt, das Erbgericht sei für sie zu einer Art Muse geworden, sie habe die Räume regelrecht abgetastet. Das Ergebnis ist eine Reflexion über Vertrautes in ungewohntem Zusammenhang, über Beharren und Verändern. "Mich interessiert die Auflösung des Raumes, das Spannungsverhältnis zwischen dem realen Ort und seiner Reduktion." Die Serie, zu der 17 Motive zählen, wurde für den Wettbewerb Gute Aussichten 2014/2015 ausgewählt. ( Erbgericht 8, 2013, 60 mal 82 Zentimeter, Auflage 5+2, Preis: 1.600 Euro bei www.guteaussichten.org).