Im Abstiegskampf werden die Trainer gewechselt, die Spieler bleiben. Wie erleben sie diese Schicksalswochen? Wie setzt ein neuer Coach bei ihnen letzte Kräfte frei?

DIE ZEIT: Herr Niedermeier, der VfB Stuttgart steht vier Spieltage vor Saisonende auf dem letzten Tabellenplatz. Warum werden Sie nicht absteigen?

Georg Niedermeier: Weil wir Spieler viel mehr leisten können, als wir in den vergangenen Monaten gezeigt haben. Der Zusammenhalt im Team ist so groß wie schon lange nicht mehr. Das ist wichtig in einer solchen Phase. Erst wenn eine Mannschaft auseinander bricht, dann ist sie tatsächlich verloren. Das kann passieren, aber das sehe ich bei uns nicht, obwohl jeder Spieler den Druck ja auf seine eigene Weise verarbeitet.

ZEIT: Wie zum Beispiel?

Niedermeier: Manche werden ganz still, ziehen sich zurück. Andere tendieren dazu, leicht aufbrausend zu werden. Manch einer könnte womöglich denken: Jetzt ist auch alles egal.

ZEIT: Wie gehen Sie damit um?

Niedermeier: Eher ruhig. Ich fühle mich verantwortlich, auch die Motivation der anderen aufrechtzuhalten. Schließlich bin ich einer derjenigen, die am längsten dabei sind.

ZEIT: Als Sie von Bayern München nach Stuttgart wechselten, spielte der Verein in der Champions League. Innerhalb von fünf Jahren erfolgte der Absturz von Platz drei in die Bedeutungslosigkeit. Wie erklären Sie sich das?

Niedermeier: Tja, vielleicht liegt’s an mir – erst kam ich und dann der Absturz. Nein, im Ernst: Dafür gibt es nicht den einen entscheidenden Grund. Es ist einiges falsch gelaufen. Wir haben uns wohl vom Erfolg ein wenig blenden lassen, verpassten die erneute Qualifikation für die internationalen Klassen, und es wurden in der Vergangenheit in den entscheidenden Phasen oft nicht die richtigen Entscheidungen getroffen.

ZEIT: Diesen Herausforderung müssen sich viele Clubs stellen. Was wurde in Stuttgart versäumt?

Niedermeier: Es wurde zu wenig vorausschauend in neue Spieler investiert. Stattdessen wurden Kollegen einfach verkauft, die dann in anderen Vereinen glänzten. Damals dachte ich, wir könnten das schon irgendwie auffangen. Aber das war naiv. Das Problem war, dass der Mannschaftskern wegbrach und es weniger Spieler gab, die sich zu hundert Prozent mit dem VfB identifizierten.

ZEIT: Warum ist das so wichtig für den Erfolg eines Vereins?

Niedermeier: Sie können nur langfristig brillieren, wenn Sie über Spieler verfügen, die bedingungslos an den Club glauben. Egal, wie holprig der Weg auch sein mag, einige Spieler müssen ein gemeinsames Ziel verfolgen und als Vorbild vorangehen. Ich habe das versucht, indem ich meinen Vertrag zum Beispiel vorzeitig verlängert habe. Damit wollte ich demonstrieren, dass ich etwas entwickeln will und mich in der Region wohlfühle. Ich kenne mittlerweile so viele Mitarbeiter des Vereins, weiß, wie sie sich bemühen und mit uns leiden. Dieser Kampf gestaltete sich leider über Jahre ganz schön schwierig. Es fehlte am Zusammenhalt innerhalb der Mannschaft, aber auch teilweise an der Unterstützung von oben. Am Ende sind Sie als Spieler wie jeder andere Angestellte auch abhängig von klugen Entscheidungen. Es mangelte an Kontinuität. So hatten wir kaum eine Chance, eine gemeinsame Mentalität aufzubauen.

ZEIT: Beständigkeit zeigte der VfB auch nicht auf der Trainerposition. Sie haben bisher schon sechs Trainer erlebt, darunter Markus Babbel, Bruno Labbadia und Armin Veh. Der jetzige Coach, Hub Stevens, ist schon zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres da. Nur der HSV, Ihr direkter Konkurrent im Abstiegskampf, weist eine noch größere Fluktuation auf.

Niedermeier: Glauben Sie mir, für uns Spieler ist das nicht leicht. Jedes Mal müssen wir uns wieder neu auf einen anderen Charakter einstellen. Jeder neue Coach hat andere Vorstellungen von Trainingslehre und vom Spiel. Hinzu kommt der ständige Wechsel von Lob und Zurückweisung. Das müssen Sie erst mal verarbeiten. Wir sind ja auch Menschen mit Gefühlen.

ZEIT: Können Sie diese Zerrissenheit beschreiben?

Niedermeier: Der eine Trainer sagt, ich sei sein Mann, er setze auf mich. Der nächste glaubt nicht an mich und schickt mich auf die Bank. Es gibt sogar Trainer, die innerhalb weniger Monate alle Varianten durchspielen: Ich stand in der Startelf, saß auf der Bank und auf der Tribüne. Ein Spieler muss über ein enormes Selbstbewusstsein verfügen, um am Ende des Tages noch an sich und an seine Fähigkeiten zu glauben. Was passiert, wenn der Glaube angeknackst ist, können Sie jedes Wochenende in vielen Stadien beobachten.

ZEIT: Die betroffenen Spieler haben Angst?

Niedermeier: Das Selbstbewusstsein ist entscheidend, um auf dem Spielfeld unter Druck die richtigen Entscheidungen zu treffen. Wenn ich mit den Fans spreche, dann wundern die sich manchmal, warum wir Spieler auf dem Platz so häufig falsche Entscheidungen treffen. Sie denken, bestimmte Situation hätten wir schon zigmal trainiert oder erlebt, die müssten wir im Schlaf beherrschen. Dabei vergessen sie, dass wir jedes Mal wieder mit einem anderen Gefühl in ein Spiel gehen. Ein verunsicherter Spieler traut sich weniger zu und produziert dadurch Fehler, auch wenn seine Fähigkeiten eigentlich viel größer sind.

ZEIT: Wie können Sie trotz dieser Analyse glauben, dass Ihre Mannschaft den Klassenerhalt schaffen wird?

Niedermeier: Weil wir mit Hub Stevens genau den richtigen Trainer in dieser schwierigen Situation gefunden haben. Er ist streng und auch empathisch. So einen gibt es nicht oft. Nach außen mag er vielleicht manchmal etwas knurrig wirken. Ich empfinde ihn als freundlich, er ist ehrlich und konsequent. Das ist entscheidend. Außerdem habe ich den Eindruck, dass in jüngster Zeit im Verein zumindest im sportlichen Bereich einige Entscheidungen getroffen wurden, die in die richtige Richtung gehen.