Mit Władysław Bartoszewski ein Interview zu führen war Segen und Qual zugleich. Segen, weil einem dieser Mensch gegenübersaß, der alle Schrecken der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts überlebt hatte, aber durch sie nicht gebrochen worden war, ja sich nicht einmal der Verzagtheit hingab. Und Qual, weil Bartoszewski noch als alter Mann diese ungeheure Kraft besaß und sprach und sprach und sprach; der Pole zwang Journalisten zum Zuhören, während ihre Nervosität stetig wuchs. Ob man wohl fünf der 20 Fragen stellen konnte, die man sich notiert hatte?

Bartoszewski wusste, was er zu sagen hatte, und seine Art, zu denken und zu reden, ließ sich kaum zähmen, ließ sich kaum in die engen Grenzen zwängen, die journalistische Formate oft vorsehen. "Herr Minister, eine Frage noch zu den ... Herr Minister ... Moment. Moment. Ich würde da gern nachhaken, weil Sie ... Das ist alles sehr interessant, aber ... Herr Minister!" Man lauerte, wartete eine kleine Pause ab, in der er Luft holte, und sprang mit einer Frage dazwischen. Bartoszewski hatte ein phänomenales Gedächtnis, er war randvoll mit Wissen, mit Erfahrungen und mit Anekdoten über die vielen Begegnungen in seinem langen Leben, und er teilte alles gern mit. Ihm zuzuhören war etwas Besonderes. Endete das Interview, lief das Band oft trotzdem weiter.

Einmal aber schwieg Władysław Bartoszewski. Ihm, dem Polen, fehlten in Deutschland die Worte.

Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der ZEIT, erinnert sich an diese Begegnung im Jahr 1986, als er Bartoszewskis Student war. Seinem Professor war, nachdem er wegen seiner Tätigkeit für die Solidarność im Gefängnis gesessen hatte, die Ausreise aus Polen gestattet worden. Bartoszewski, der auch ein großer Historiker war, verbrachte mehrere Jahre in Deutschland; 1986 hatte er eine Gastprofessur für Geschichte am Geschwister-Scholl-Institut in München inne. Ein Student breitete in seinem Referat Geschichtsrevisionismus aus und versuchte, die Verantwortung der Deutschen kleinzureden, ihre Gräueltaten zu relativieren. "Mir hat es den Magen umgedreht", sagt di Lorenzo. Er widersprach, aber die Widerworte kamen gegen das Schweigen der Kommilitonen nicht an. Auch Bartoszewski sagte nichts.

Warum nur? Warum ließ er einen Geschichtsverdreher reden? Warum erzählte er nicht davon, was es bedeutete, Auschwitz zu überleben oder im Warschauer Aufstand gegen die deutsche Besatzung zu kämpfen, hoffnungslos zwar, aber voller Würde? Was es hieß, als Mitglied der Heimatarmee gegen die Deutschen zu kämpfen?

Di Lorenzo ließ das Ereignis nicht los. Bartoszewski hatte das Institut mittlerweile verlassen, di Lorenzo reiste ihm nach Wien nach. Warum hatte der Professor geschwiegen?

Bartoszewski war zu verletzt gewesen, um dem Studenten etwas zu entgegnen. Deshalb hatte er nichts sagen können.

Vielleicht erklärt das auch, warum er die CDU-Politikerin Erika Steinbach so scharf angriff, als sie noch Präsidentin des Vertriebenenbundes war. Er, der polnische Patriot und polnisch-deutsche Versöhner, hatte sich mit ihren Vorgängern Herbert Czaja und Herbert Hupka gut verstanden. Aber er ertrug es nicht, dass Steinbach, so sah es Bartoszewski, nicht präzise genug zwischen Tätern und Opfern unterschied und so Geschichte verfälschen wollte. Er selbst setzte sich sein Leben lang für die Versöhnung ein, als das Wort noch keine unverbindliche Phrase zwischen Deutschen und Polen war, sondern Politik. 1995 sprach er im Bundestag. "Als Volk, das vom Krieg besonders heimgesucht wurde, haben wir die Tragödie der Zwangsumsiedlungen kennengelernt sowie die damit verbundenen Gewalttaten und Verbrechen", sagte er. "Wir erinnern uns daran, dass davon auch unzählige Menschen der deutschen Bevölkerung betroffen waren und dass zu den Tätern auch Polen gehörten."

Er empfand es als Affront, dass eine Frau wie Steinbach das Gedenken an die Vertriebenen verantworten sollte, die im Bundestag gegen die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie als Polens westliche Grenze gestimmt hatte. Das erfüllte ihn mit Wut, und manches Mal verlor er für seine Angriffe das Maß.

Für ein unabhängiges Polen hatte er sein Leben lang gekämpft und für die Normalität, die das Leben in einem freien Land bedeutet. Geboren 1922 in Warschau, war Bartoszewski am Morgen des 21. September 1940 von deutschen Feldjägern abgeholt worden. "Aufstehen, mitkommen!" Er war kein Jude, sein Leben lang blieb er gläubiger Katholik, aber anlässlich einer "Außerordentlichen Befriedungsaktion" schickte man ihn mit 1.705 anderen Häftlingen nach Auschwitz. Tausende Polen, vor allem aus der Intelligenzija, wurden damals deportiert und getötet, um jeden Widerstand im Keim zu ersticken. Der 18-Jährige bekam die Nummer 4.427. Er ertrug 199 Tage Auschwitz. Einschneidend war für ihn, zu erleben, wie eines Tages einer der Mithäftlinge von SS-Männern auf dem Appellplatz gefoltert wurde. Sie standen dort zu 5.000, aber niemand traute sich einzuschreiten. Bartoszewski bezeichnete diesen Moment als "die Scham meines Lebens". Danach schwor er sich, nie wieder untätig zu bleiben.

Nach seiner Freilassung, die der Schwerkranke dem Roten Kreuz verdankte, ging er in den Untergrund. Schrieb, kämpfte in der polnisch-jüdischen Organisation Żegota für die Rettung von Juden, schloss sich der Heimatarmee an, Deckname "Teofil", landete nach dem Krieg im Gefängnis wegen angeblicher Spionage. Sechs Jahre seines Lebens verbrachte er in Gefangenschaft. "Bis zu meinem 60. Lebensjahr saß ich überwiegend ein", sagte Bartoszewski über diese Schrecken in der ihm eigenen fröhlichen Art, "ab meinem 60. Geburtstag wurde ich ausgezeichnet. Schlimmer wäre es umgekehrt."

Er war Journalist, er war Historiker, und im letzten Drittel seines Lebens, als er doch noch ein unabhängiges Polen erleben durfte, wurde er zum Politiker, ohne sich einer Partei anzuschließen. Zweimal ernannte man ihn zum Außenminister, 2007 machte ihn Ministerpräsident Donald Tusk zu seinem Beauftragten unter anderem für die deutsch-polnischen Beziehungen. Er lebe auf Trab, sagte Bartoszewski, dessen Leben so reich an Gräueln und an Wunderbarem war, dass es für fünf, sechs Biografien ausgereicht hätte. Und scherzte, dass er so, wie er gelebt habe, wohl auch sterben werde.

Am vergangenen Freitag sprach er morgens mit einer Journalistin der Zeitung Gazeta Wyborcza zwei Stunden lang darüber, wie sie bei Żegota damals versuchten, Juden zu retten. Schimpfte über den Arzt, der ihm davon abgeraten hatte, im Juni nach Israel zu fliegen, wegen seines Bluthochdrucks. Bereitete ein Kabinettstreffen zwischen deutschen und polnischen Ministern vor, für Ende April. Eben ein Tag im Leben des Władysław Bartoszewski, wie so oft vollgestopft mit Geschichte, Politik und Pflichten, als ihn ein Schwächeanfall ereilte. Kurze Zeit später starb Władysław Bartoszewski im Krankenhaus. Er wurde 93 Jahre alt.