Strathenry Castle, ein vergessenes Schloss, liegt 50 Kilometer nördlich von Edinburgh. Ein Turm aus dem 16. Jahrhundert bewacht den Hof. In diesem Schloss wurde Adam Smith, Erfinder der modernen Ökonomie, Opfer eines Verbrechens. Das war 1726. Heute lebt hier Margaret Maciver, eine liebenswürdige Dame. Freundlich führt sie durch das eisige Schloss. Überall Ölgemälde. Eine Ritterrüstung in der Ecke. Die meisten Dinge habe sie im Lauf der Zeit ersteigert, erzählt Margaret. Am opulenten Kamin im Wohnzimmer aber hat sich schon der kleine Adam gewärmt. Sie tritt auf die Terrasse. "Irgendwo hier", sagt sie und deutet hinaus, "muss es passiert sein."

Damals war Adam drei Jahre alt. Seine Mutter hat ihn auf einen Ausflug zu den Schlossherren, den Großeltern, mitgenommen. Unbeaufsichtigt spielt das Kind vor dem Gebäude. Plötzlich ist es verschwunden. Das Schloss wird durchsucht. Doch Adam ist entführt worden, von Landstreichern. So jedenfalls schildert es Dugald Stewart, Smiths erster Biograf. Der Onkel des kleinen Adam hat von den Streunern gehört. Eilig trommelt er Männer zusammen, reitet hinterher. Im Wald von Leslie, ein paar Kilometer weiter, entdecken sie eine Frau mit einem brüllenden Kind auf dem Arm. Als sie der Reiter gewahr wird, lässt sie ihre Last fallen und flüchtet.

So wurde aus Adam Smith kein Landstreicher, sondern ein Mann, der eine neue Disziplin menschlichen Wissens erschuf: Er erkannte die Gesetze des freien Marktes und beschrieb messerscharf Probleme, über die sich Wirtschaftswissenschaftler noch Jahrhunderte später die Köpfe zerbrechen. Bis heute ist Smith eine Art Heiliger der Wirtschaftswissenschaft, eine unangefochtene Instanz, nicht nur für marktgläubige Ökonomen, sondern auch für linke. Selbst als der Nobelpreisträger Paul Krugman nach der Finanzkrise eine Regulierung der Banken forderte, begründete er das mit der Lehre von Adam Smith.

Hatte Adam Smith niemals Sex? Seinen Biografen würde es nicht wundern

Obwohl die Entführung auf Strathenry Castle glimpflich ausging, hatte sie entscheidenden Einfluss auf das Leben des kleinen Adam. Der Schock verstärkte die ohnehin enge Bindung zwischen ihm und seiner Mutter Margaret. Auch wenn man nur wenig über diese Frau weiß, lässt sich doch sagen, dass ein lebenslanges symbiotisches Verhältnis zu ihr Smiths Wirken geprägt hat. Margaret war die einzige Frau, die im Leben dieses Genies eine Rolle spielte.

Für seine Mutter ist Adam nach dem Tod ihres Ehemanns, Adam Smith senior, alles. Unerwartet starb der Vater noch vor seiner Geburt. Margaret ist damals 28. Sie wird nie wieder heiraten. Ihre ganze Liebe konzentriert sich auf den Sohn. Und sie weiß, wie sehr dieser sie braucht. Biograf Stewart beschreibt Adam als "schwaches und kränkliches" Kind, das "alle zärtliche Aufmerksamkeit benötigte". Ein anderer Biograf, John Rae, schildert den jungen Smith als "zartes Kind, bei dem schon in früher Jugend ein Zustand von Geistesabwesenheit auftrat und das die Angewohnheit hatte, mit sich selbst zu sprechen, die es sein ganzes Leben lang beibehalten sollte".

Wie also erlebt Adam seine kränkliche, vaterlose Kindheit? Es gibt eine Stelle in seinem ersten großen Werk, der Theorie der ethischen Gefühle, worin er den Menschen als von Natur aus egoistisches Wesen beschreibt, das aber dennoch in der Lage sei, Mitgefühl zu empfinden: "Wie groß sind die Qualen einer Mutter, wenn sie das Ächzen ihres kleinen Kindes hört, das unter den Martern seiner Krankheit nicht auszudrücken vermag, was es fühlt. Das Kind indessen fühlt nur das Unbehagen des gegenwärtigen Augenblicks, das niemals groß sein kann. In Bezug auf die Zukunft ist es ganz ohne Sorgen, und in seiner Gedankenlosigkeit und seinem Mangel an Voraussicht besitzt es ein Gegengift gegen Furcht und Angst, jene großen Peiniger des menschlichen Herzens, gegen welche Vernunft und Philosophie dieses immer vergeblich zu verteidigen suchen werden, wenn das Kind zum Mann herangewachsen sein wird."

Bemerkenswert an dieser Passage ist nicht nur der autobiografische Hauch, sondern auch die psychologische Deutung. Während die Mutter in Adams Logik leidet, bleibt das Kind ungerührt, was, bei allem Respekt für den großen Denker, nach heutiger Erkenntnis falsch sein dürfte: Ein Kind spürt die Angst der Mutter, es ist abhängig von ihr. Smith leugnet diese Abhängigkeit und damit den Einfluss der Kindheit auf die eigene Person. Später, im Wohlstand der Nationen, wird er die Abhängigkeit mit den Waffen des Ökonomen bekämpfen. Aber der Reihe nach.

Smith wächst im verschlafenen Hafenstädtchen Kirkcaldy auf, 20 Kilometer von Strathenry Castle. Das Haus in der High Street 220, das er mit seiner Mutter bewohnte, ist längst abgerissen. Nur ein kleines Schild erinnert heute an den berühmtesten Sohn der Stadt. Im 18. Jahrhundert reichte das Grundstück der Smiths bis hinunter ans Meer. Im Hof gab es Obstbäume, einen Kräutergarten, allerlei Tiere. Margaret schuf ihrem Sohn Adam ein kleines Paradies, in das er auch als Mann stets zurückkehrte.

Als Smith von zu Hause auszieht, ist er 14 Jahre. Er studiert in Glasgow, wo die schottische Aufklärung in vollem Gange ist, Smith besucht begeistert die Vorlesungen des Philosophen Francis Hutcheson. Schon mit 17 Jahren bekommt er ein Stipendium für die Universität Oxford. Er legt die 600 Kilometer auf dem Pferd zurück. Doch von der geistig rückständigen Atmosphäre, die ihn in Oxford erwartet, ist er enttäuscht. Er knüpft kaum Freundschaften und widmet sich dem einsamen Studium. Immer wieder plagen ihn Phasen der körperlichen Erschöpfung.