Alle Revolutionen haben bisher nur eines bewiesen, nämlich, dass sich vieles ändern lässt, bloß nicht die Menschen." Das Zitat stammt ausgerechnet von Karl Marx, und der muss es ja wissen. Das hindert den Alpenforscher Werner Bätzing aber nicht daran, in einem Interview mit der ZEIT (Nr. 18/14) zu proklamieren: "Ich will die Revolution!" Die Bergler sollten selbstgenügsam auf den Lebensstil der Flachländer verzichten. Nur so, meint Bätzing, könne einer weiteren Verstädterung und Entsiedelung entgegengewirkt werden.

Bloß ist es dafür zu spät.

Zu meinen, der Bergler lebe allein aufgrund seines Bergler-Seins im Einklang mit der Natur, sei genügsam und allem Städtischen abhold, ist illusorisch. Noch in die einsamste Alphütte inmitten spektakulärer und archaischer Natur hat die Welt Einzug gehalten. Über Justin Bieber, Beatrice Egli, Grand Theft Auto und Germany’s Next Topmodel wird in der letzten noch offenen Beiz im hintersten Tal diskutiert. Ebenso über den im Alpentourismus schmerzhaft spürbaren Franken-Schock, das Unvermögen des Bundesrates oder Hillary Clintons Kandidatur für die US-Präsidentschaft.

Bergler und Unterländer unterscheiden sich durch ihr Lebensumfeld, nicht durch ihre Interessen, Wünsche, Vorstellungen. Ja, auch die Menschen hier oben, in Graubünden, dem Wallis oder im Berner Oberland, streben nach Glück und materiellem Erfolg. Sie wollen leben, nicht einfach überleben. Für viele von ihnen bedeutet die "Verstädterung", vor der Bätzing warnt, Wohlstand und Lebensqualität.

Das muss man wissen, wenn man sich über die Zukunft des Alpenraums Gedanken macht. Und der Rezepte zur Entwicklung des Alpenraums sind viele. Für sich allein aber ist keines tauglich – das sollte auch Werner Bätzing wissen.

Der Aufbau regionaler Wertschöpfungsketten, zum Beispiel, ist eine Möglichkeit, "sanften Tourismus" zu fördern. Es gibt in Graubünden vielversprechende Ansätze. Allerdings fehlt eine konzise Strategie, welche über die Zusammenarbeit von Einzelbetrieben hinausgeht; obschon die Naturparks eigentlich den perfekten Rahmen für ein stimmiges Gesamtangebot bilden. Andernorts ist man da schon wesentlich weiter. Im Bregenzer Wald, in Österreich, bilden Landwirtschaft, Hotellerie, (Kunst-)Gewerbe und Architektur zumindest aus Gästesicht eine Freizeit-Package. Es befriedigt das Bedürfnis einer spezifischen Kundenschicht nach Authentizität – ohne auf Bequemlichkeit verzichten zu müssen.

Aber reicht diese regionale Sanftheit, um den Wohlstand im Berggebiet zu erhalten – oder braucht es die Flucht nach vorn?