Sie ist die Nummer zwei, die zur Nummer eins wurde. Die siegen durfte, weil der eigentliche Sieger überfordert war. Andreas Kümmert hatte am 5. März mit 79 Prozent der Zuschauerstimmen den deutschen Vorentscheid Unser Song für Österreich für sich entschieden. Doch der ziegenbärtige Sänger aus Unterfranken wollte nicht. Noch auf der Bühne und vor laufender Kamera erklärte er seinen Rücktritt. "Ich bin nur ein kleiner Sänger", sagte Kümmert. "Ann Sophie ist viel geeigneter."

Ann Sophie, die Zweitplatzierte aus Hamburg, trat ans Mikrofon und fragte das Publikum: "Wollt ihr das überhaupt?" Einige klatschten, die Mehrheit im Saal blieb perplex. Wie sollte es anders sein? Gerade hatte sich Eurovision-Deutschland dazu entschlossen, einen wunderlichen Kandidaten, der aussieht, als sei er Bezirksabgeordneter für die Piratenpartei, zum Sieger zu küren. So schnell umschwenken: Das funktioniert nicht.

"Ich wollte mich gerne freuen, wusste aber gar nicht, ob es richtig ist", sagt die Sängerin. "Ich war erst mal komisch drauf und auch ein bisschen irritiert über die Situation, in der ich war. Natürlich habe ich mich gefragt: Warum hat er da überhaupt mitgemacht?"

Hätte Andreas Kümmert nicht der Mut verlassen, man träfe Ann Sophie dieser Tage in der Unfallchirurgie des UKE an, wo sie im April ein Pflegepraktikum zur Vorbereitung auf ein Medizinstudium antreten wollte. Sie wäre einfach eine 24-Jährige, die in Fahrendorf und Hamburg-Heimfeld aufgewachsen ist und die mal ein Popstar werden wollte. Sie trüge einen weißen Kittel und einen Bindestrich zwischen den Vornamen: Ann-Sophie.

"Ich bin nicht das, was du dir aussuchst / Ich bin das, was dir passiert", heißt es in dem Song Zweimal zweite Wahlvon Bernd Begemann. Ein Klassiker des Hamburger Songwriters – traurig, aber auch tröstlich. Ann Sophie kennt sich nicht aus in der Hamburger Musikszene. Lokaler Starruhm hat sie nie interessiert. "Für mich sollte es immer international sein", sagt sie. Mit der Mutter, einer Stewardess, flog sie als Kind oft zu einer Freundin in die USA. "Als Teenager wollte ich nicht deutsch sein. Ich wollte Amerikanerin sein", erinnert sie sich.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 19 vom 7.5.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Die Eltern haben sich früh getrennt, der Vater, ein Banker, lebte in Othmarschen und später in Harvestehude. "Wenn die Sonne schien, dann stand die Terrassentür weit auf, Papa spielte laut Musik. Es liefen Queen, Bon Jovi oder Bryan Adams."

Bei ihrer Konfirmation sang sie in der Dorfkirche von Fahrendorf I Don’t Wanna Miss A Thing von Aerosmith. Mit 14 stellte sie sich, wenn die Mutter nicht da war, vor die Wohnzimmeranlage und röhrte Christina Aguileras Album Stripped. Lauthals und Wort für Wort. "Damals habe ich gemerkt: O Gott, das ist es!", sagt sie. "Ich hab mir auch immer vorgestellt, wie ich auf einer großen Bühne stehe, vor Tausenden von Leuten, und alle singen mit."

Ann Sophie wollte immer erste Wahl sein. Schon als es den Bindestrich zwischen "Ann" und "Sophie" noch gab. "It’s best when we leave the hyphen" – lieber den Bindestrich weglassen –, riet ihr der Produzent vor drei Jahren, als sie in New York ihre ersten Karriereschritte unternahm.

Natürlich: New York. Zwei Jahre lang machte sie eine Schauspielausbildung am Lee Strasberg Institute, danach versuchte sie ein Jahr lang, in der Musikszene Fuß zu fassen. Wenn sie von ihrem American dream erzählt, verfällt sie in einen perfekten New Yorker drawl. "Du bekommst dort oft Sachen zu hören wie ›Oh my god! We love you! You’re so awesome!‹, aber das darf man nicht immer zu ernst nehmen."

Sie ging einmal in der Woche zur Monday night jam session in die Bar The Bitter End, wo sich schon Lady Gaga auf die Zeit des Starruhms vorbereitete. At Last von Etta James war ihr erster Titel. Ein Soulklassiker. Der Bandleader, ein Saxofonist, der schon mit Billy Joel und den Beach Boys gespielt hat, fand Gefallen an der kleinen, kernigen Deutschen mit der mächtigen Stimme. Er lud sie in sein Studio ein, sie nahmen ein Album auf. Get Over Yourself heißt die Single, eine poppige, elegant produzierte Soulkomposition. Aber kein Hit.

Also sang Ann Sophie in der U-Bahn, verzweifelte an den New Yorker Preisen und beschloss, zurück nach Hamburg zu ziehen. "Ich mag die amerikanische Höflichkeit, aber ich bin sehr froh, Deutsche zu sein", sagt Ann Sophie, die seit einem Jahr mit ihrem Boxerhund Ella am Rotherbaum lebt. Immerhin: Black Smoke, der Song, den sie in Wien singen wird, hat diese lässige Motown-Attitüde, die sie aus den USA mitgebracht hat. Eine Synthese aus Amy Winehouse und Lena Meyer-Landruth. Ein bisschen Formatradio, ein bisschen Retro-Eleganz.

Lena, mit der Ann Sophie oft verglichen wird, war 18, als sie 2010 den ESC gewann. Die Deutschen liebten sie für das, was sie auch an Andreas Kümmert schätzten: Authentizität, unschuldigen Enthusiasmus. Lena war der Wonneproppen aus der Provinz, unerwartet und ohne Berechnung zu Ruhm gekommen.

Ann Sophie ist das Gegenmodell, eine Geschäftsfrau des Pop. Angst vor dem Ruhm, vor dem Verlust an Privatheit hat sie nicht. Sie wirkt, als wolle sie genau das, was jetzt passiert: den Trubel, den Starruhm. "Ich habe immer viel versucht und gekämpft und genieße diese Aufmerksamkeit momentan. Musik wird immer meine Leidenschaft sein. Aber Sängerin sein ist eben auch mein Beruf."

Die schlechte Stimmung, die Konfusion nach der Nominierung, all das ist längst verschwunden. "Mir wurde klar: Ann Sophie, du darfst nach Wien fahren", sagt Ann Sophie, "wie geil ist das denn?"

Das war ihr Weg, nicht der über Castingshows. Sie hatte keine Lust, sich mit Coversongs zu bewerben, wollte Musikerin und Komponistin sein – vier der Songs auf ihrem zweiten Album Silver to Gold hat sie selbst geschrieben.

Vielleicht liegt darin aber auch das Risiko: Black Smoke, der Song, mit dem sie antritt und zurzeit die Talkshows der Republik abklappert, könnte zu geschmackvoll für das ESC-Spektakel sein. Zu distinguiert, um zwischen den knallbunten, mit Fantasiefolklore, Operettenpathos und Gruselfrisuren gestylten ESC-Kandidaten für Aufmerksamkeit zu sorgen. Aber nur vielleicht. Denn es kann auch sein, dass das Eurovision-Publikum Ann Sophie am 23. Mai lieben wird. Für ihre Energie, ihre große Stimme, ihre Fröhlichkeit. Beim ESC weiß man nie.

Falls es nicht klappt, bleibt ihr das Medizinstudium. Genügend Wartesemester hat sie ja. "Wenn es dazu kommt, ist mein Nachname nicht schlecht: Frau Dr. Dürmeyer", sagt sie und lacht. Und der Bindestrich ist dann auch kein Problem mehr.