Hat der Bundesnachrichtendienst (BND) nun "Verrat" an europäischen Interessen geübt, oder hat er nicht? Hat er der amerikanischen NSA dabei geholfen, Unternehmen und Politiker innerhalb der EU auszuspionieren? Was bisher bekannt ist, spricht eher für das Gegenteil, dafür nämlich, dass der BND entsprechende Suchanfragen der Amerikaner abwehrte.

Trotzdem ist der BND mit Schurken verstrickt, in ganz anderen Dimensionen, und zwar jeden Tag. Er arbeitet ständig zusammen mit Geheimdiensten, die, zurückhaltend ausgedrückt, ein mindestens so robustes Verständnis von legitimen Beschaffungsmitteln haben wie NSA und CIA. Nur, wessen Verständnis davon, welche Informationen ein Land braucht und wie diese Informationen gewonnen werden dürfen, ist eigentlich realistisch? Und wessen eher luxuriös?

Die Wucht, mit dem der deutsche Auslandsnachrichtendienst immer wieder von Affären, Scheinaffären, bisweilen auch von hysterischer Berichterstattung getroffen wird, hat zwei tiefer sitzende Ursachen.

Wenn es um seine Sicherheit geht, ist das zentrale und mittlerweile mächtigste Land Europas in großem Maße auf Importe angewiesen, und es unternimmt wenig, dies zu ändern. Der BND ist im Vergleich zu den Siegermacht-Diensten der USA, Großbritanniens und Frankreichs ein unterausgestatteter Beschaffer geblieben, personell wie technisch. Das daraus resultierende Importbedürfnis prallt, und das ist der zweite Grund für die regelmäßigen Erregungen, auf eine besondere gesellschaftliche Empfindlichkeit gegenüber der moralischen Sauberkeit von Geheimdienstpraktiken. Diese Empfindlichkeit ist historisch ebenso erklärlich wie einzigartig.

Wenn Deutsche an Geheimdienste denken, denken sie an Gestapo und Stasi, an politische Repression und Lauschposten auf Dachböden. Diese Grundskepsis ist gesund. Das Problem ist bloß: Beide deutsche Spezialitäten, die außenpolitische Bedürftigkeit und die innenpolitische Empfindlichkeit, verstärken sich gegenseitig immer mehr.

Weil die Deutschen jedem Geheimdienst die Neigung zum Exzess unterstellen, soll kein Geheimdienst zu mächtig werden. Diese Selbstbeschränkung aber erhöht die Abhängigkeit ausgerechnet von jenen, die ganz andere historische Erfahrungen gemacht haben – die Katastrophen von Pearl Harbor und 9/11 etwa. Und dann wären da noch jene Zulieferer des BND, die überhaupt weder Grundrechte noch Abwägungen kennen.

Jahrzehntelang, während das geteilte Deutschland im Windschatten der Weltgeschichte lag, funktionierte das Nehmer-Prinzip einigermaßen gut. Aber jetzt, da Deutschland nicht nur souverän geworden ist, sondern auch immer mächtiger wird, da es erheblich mehr intelligence braucht, als es selber produzieren kann, sowohl zur Bedrohungsabwehr wie zur außenpolitischen Entscheidungsfindung, fragt sich manch ein Partner, warum Berlins Bereitschaft, den eigenen Geheimdienst auszubauen, partout nicht mitwachsen will.

Welche Truppenbewegungen gibt es in der Ukraine, und wer erteilt die Befehle dafür? Sollte Angela Merkel das nicht besser wissen, bevor sie im Namen Europas mit Wladimir Putin telefoniert? Welche europäischen Firmen liefern trotz Exportverboten Atombauteile in den Iran oder Gasfördertechnik nach Russland? Außenminister Steinmeier stünde bei den nächsten Sanktionsverhandlungen ziemlich dumm da, wäre die Bundesregierung ahnungslos. Welche Dschihadisten kehren gerade aus Syrien nach Deutschland zurück? Die ein, zwei wirklich entschlossenen Bombenleger zu übersehen kann zum Verhängnis werden, nicht nur für deren Opfer, sondern auch für einen Innenminister.

Und wer, bitte, klärt die Deutschen über all diese Fallen und Gefahren auf? Sie selbst am wenigsten, spöttelte vor wenigen Tagen der amerikanische Politikanalyst Andrew Denison in der ARD. Im Vergleich zu den USA gebe die Bundesregierung gerade einmal ein Achtzigstel des Geldes für Aufklärung aus: "Alleine gelassen, würde der BND selbst die Vorgaben, die der Bundestag ihm macht, nicht erfüllen können."