Anatol Stefanowitsch von der Freien Universität Berlin hat untersucht, wie Emojis in Sozialen Netzwerken eingesetzt werden, und stellte fest: Die Symbole ersetzen selten ganze Worte, ✈️ wird also selten anstatt des Wortes "Flugzeug" platziert. Die Überschrift dieses Artikels, ein paar Wörter darin oder auch die Übersetzung des Literaturklassikers Moby Dick in Emoji-Code, die mit dem ersten Satz beginnt ☎️ 👨 ⛵ 🐳 👌 ("Call me Ishmael."), sind die Ausnahmen.

Während Emoticons noch ein Problem gelöst hätten, weil sie beispielsweise Ironie als solche kennzeichneten, seien die Pixelhaufen aus Japan eine linguistische Besonderheit, erklärt Stefanowitsch. "Emojis erfüllen erst mal keinen Zweck, sie ersetzen nichts, sie machen nichts verständlicher", sagt der Berliner Forscher. Stattdessen bereicherten sie die geschriebene Sprache um etwas, was weder die schriftliche noch die gesprochene Sprache bislang kannte.

Emojis, so sehen es sowohl Stefanowitsch als auch Lebduska, vermitteln einen Eindruck von der Situation, in der eine Nachricht geschrieben wurde. ("Kann gerade nicht"💃.) Auch Assoziationen des Verfassers können sich in den Bildern widerspiegeln. Mitunter könne ein Tweet mit Emojis darum geradezu poetisch werden und Dinge ausdrücken, die sich sonst weder in Gestik noch in Mimik und Betonung fassen lassen. Emojis geben der Schriftsprache eine neue Ebene und erlauben ihr sogar, das gesprochene Wort in manchen Momenten zu übertrumpfen.

Vor allem verraten Emojis und Emoticons jedoch eine Menge über den, der sie verwendet. "Es gibt einen jungen Mann, den ich bei einer ersten Studie auf Facebook mitverfolgt habe, der ständig 🔫 benutzt und damit ausdrückt, dass er sich für einen harten Typen hält", erzählt Stefanowitsch. Ein Doktorand der University of Stanford untersuchte für seine Dissertation gar, inwiefern sich Nutzer von Emoticons mit Nase von jenen unterscheiden, die die Nase beim Smiley immer weglassen. (Wer die Nase weglässt, nutzt offenbar öfter Ausrufe wie "heyyyy!" und "yayyyy!". Nasen-Schreiber legen mehr Wert auf die korrekte Rechtschreibung und verfassen längere Tweets.)

Ob der Unterschied zwischen :-) und :) einer wissenschaftlichen Betrachtung bedarf, darüber lässt sich sicher streiten. Über die Relevanz von Emoji-Studien sind sich Kulturwissenschaftler aber weitestgehend einig. Denn die Zeichen verraten nicht nur eine Menge über den Einzelnen, sondern geben auch Hinweise auf die Lebenswelt einer ganzen Generation – und zeigen an, wie diese Welt sich ändert: So fiel Stefanowitsch auf, dass am Ende von Tweets häufig ein Faxgerät-Bildchen auftauchte. Ein ziemliches Kuriosum, bedenkt man, dass wohl die wenigsten der jungen Nutzer tatsächlich dem anderen etwas faxen wollten. "Erst nach einiger Zeit habe ich verstanden, dass es – in Anlehnung an das ähnlich klingende englische Wort facts ('Tatsachen') – ausdrückte, dass jemand einer Sache zustimmte", sagt Stefanowitsch.

Auch kulturelle Differenzen lassen die Bildchen erkennen. Im Deutschen benutzen viele Schreiber beispielsweise ein rotes Smiley (😡), um Wut auszudrücken. Im Japanischen zeigt das gleiche Smiley hingegen, dass der Verfasser schmollt. Ähnliches gilt auch für das Feuerwerk-Emoji (🎆). Während es in Fernost vor allem die Assoziation mit Sommerfeuerwerken und festlicher Stimmung weckt, wird es in Deutschland als bissiger Kommentar genutzt. "Ich sehe es vor allem als Zeichen für sarkastischen Jubel", sagt die Computerlinguistin Tatjana Scheffler, die an der Universität Potsdam politische Diskussionen auf Twitter erforscht. Dass Emojis also eine neue Weltsprache sein könnten, halten sie und andere Forscher für ausgeschlossen.

Nicht einmal innerhalb einer Kultur werden Bildchen einheitlich genutzt. Gut lässt sich das am Smiley beobachten, das mitnichten nur als Warnschild für Ironie funktioniert. "Wir haben versucht, Algorithmen darauf zu trainieren, anhand von Smileys Ironie zu erkennen, doch das klappt nicht", sagt Scheffler. Im Netz geht es anarchisch zu: Mal werde ein lachendes Emoticon gezeigt, um Ironie auszudrücken, mal stehe es einfach nur für Freude. Und immer wieder wird beißender Sarkasmus auch ganz ohne Smiley ausgeteilt.

Auch Psychologen beginnen, sich für die Bildersprache zu interessieren. Sie erforschen etwa, welche Wirkung die Zeichen beim Rezipienten entfalten. 😀 wirkt zum Beispiel emotionaler als die einfache Zeichenkombination :-), hat Sabrina Eimler von der Hochschule Ruhrwest in Bottrop herausgefunden. Experimente der Medienpsychologin ergaben zudem, dass Vorgesetzte anders wahrgenommen werden, wenn sie Emoticons in ihren Nachrichten verwenden. "Der Chef wirkt dann sympathischer, aber auch weniger durchsetzungsfähig", sagt Eimler. Auch die Zahl der Smileys hat einen Einfluss darauf, wie der Schreiber wahrgenommen wird. Verwendet er gar keine, wirkt er schnell ernst, und die Adressaten fragen sich, ob mit ihm alles in Ordnung ist. Sind es hingegen zu viele Emoticons hintereinander, wirken die dargestellten Emotionen oft unglaubwürdig.

Was allerdings im Gegensatz dazu die Emoji-Bildchen in unserem Kopf auslösen, das hat Eimler noch nicht erforscht. Emoticons nimmt unser Gehirn offenbar nicht als wirkliche Gesichter wahr. So zeigte eine japanische Studie, dass sie in jenem Teil verarbeitet werden, der auch für sprachliche Zeichen zuständig ist, wie Buchstaben und Wörter. Stefanowitsch glaubt aber, dass das bei Emojis anders ist: "Ich vermute, dass wir Emojis eher wahrnehmen wie Gemälde und Bilder."

Die Wirkung der bunten Bildchen zu erforschen ist schwierig – auch weil sich Emojis in Deutschland nur in privaten Unterhaltungen und bei jüngeren Nutzern etabliert haben. Auf überwiegend öffentlichen Plattformen wie Twitter und Facebook sind sie noch eine Seltenheit.

"Wenn ich bei meinem 13-jährigen Sohn sehe, wie er WhatsApp nutzt, dann würde ich das am liebsten analysieren", sagt Stefanowitsch. Lebduska gesteht ein: "Es ist ein regelrechter Ozean im Sprachgebrauch, der sich da zwischen mir und meinen Studenten auftut, und nicht immer kann ich ihn überqueren." Und Stefanowitsch versteht manchmal seine eigenen Kinder kaum noch.

Einen Kulturverfall will er aber nicht erkennen. "Es mag sein, dass Jugendliche keine Briefe mehr schreiben", sagt der Sprachforscher. "Aber dafür kreieren sie in Chats und Sozialen Netzwerken eine Form der Schriftsprache, die ganz neue Möglichkeiten eröffnet." Und vielleicht mogelt sich bald ja auch öfter ein ;-) oder auch ein ⭐️ in den einen oder anderen Zeitungstext.

Anmerkung der Redaktion: Emojis werden je nach Browser unterschiedlich und leider nicht immer korrekt angezeigt.