Gewonnen! Die Grünen feierten, und die SPÖ-Basis stimmte in den Jubel ein, als die Spielautomaten aus Wien verschwanden. Die Parteien hatten beschlossen, die Genehmigungen für das kleine Glücksspiel mit Ende 2014 auslaufen zu lassen. Anbieter wie Novomatic mussten ihre Lokale zusperren und 2.700 Geräte entfernen. Nun würden die Einzugsstraßen in Problembezirken ein neues Antlitz bekommen, hieß es. Man habe einen Sieg gefeiert, im Kampf gegen Spielsucht und Beschaffungskriminalität. Und heute, vier Monate danach? Da sieht die Realität ganz anders aus. Hatten etwa doch jene recht, die darauf hinwiesen, dass ein Verbot nicht der Weisheit letzter Schluss ist?

Nicht nur, dass sich am Straßenbild wenig verändert hat, da viele Geräte in Wettlokalen standen, die jetzt umso beliebter sind: Auch die Zahl der illegalen Automaten ist stark gestiegen. Und wenn Wien Pech hat, sind nicht nur Steuereinnahmen in Millionenhöhe futsch, sondern die Automaten feiern ein Comeback. In ganz Österreich wird die Zahl der geldgierigen Maschinen nicht schrumpfen. Verantwortlich dafür ist ausgerechnet die teilstaatliche Casinos Austria Gruppe (Casag).

Dort kursieren Überlegungen, den Wiener Markt mit neuen Geräten zu versorgen. Das wäre möglich: Im Rahmen der Lotterielizenz, die der Bund erteilt hat, darf der Konzern das gesamte Staatsgebiet mit Video Lottery Terminals (VLT) bestücken – das sind im Grunde normale Spielautomaten, die nur technisch anders definiert sind, um nicht in die Kompetenz der Länder zu fallen. Selbst wenn eine Landesregierung das Automatenspiel nicht erlaubt, kann sie die Dinger einfach vor die Nase gesetzt bekommen. In Wien wäre das doppelt brisant: Lotterien-Chef Friedrich Stickler, der bald in Pension geht, hatte nämlich versprochen, genau das nicht zu tun, sollte die Stadtregierung die einarmigen Banditen verbieten. Manchen Eigentümern ist dieses Versprechen aber offenbar egal: Sie wollen Geld sehen.

Außerhalb von Wien ist die Ausweitung des Automatengeschäfts bereits beschlossene Sache: Die Casag will die Anzahl jener VLT-Automaten, die sie außerhalb ihrer Casinos unter der Marke WinWin in Spiellokalen betreibt, mehr als versechsfachen. Die Republik hält 33 Prozent an dem Konzern und plant das Unternehmen komplett zu übernehmen, um es später zu verkaufen. Finanzminister Hans Jörg Schelling muss dafür tief in die Tasche greifen: Zuletzt wurde das Unternehmen mit 450 Millionen Euro bewertet. Neue Automaten können den Verkaufspreis steigern: Sie sind ein schöner Aufputz für eine Braut, die vom härter gewordenen Wettbewerb auf dem Glücksspielmarkt zerzauste Haare hat.

Derzeit betreibt die Casag 15 WinWin-Filialen mit 750 Geräten in Niederösterreich, Oberösterreich, Salzburg und Tirol, dürfte aber bis zu 5.000 Stück aufstellen. "Das werden wir sukzessive auch tun", sagt Casinos-Sprecher Martin Himmelbauer. "Was aber nicht zwangsläufig bedeutet, dass wir das mit aller Kraft vorantreiben." Vielmehr ginge es um eine sinnvolle Expansion. Vorerst sind vier neue Standorte in Wels, Traun, Innsbruck und Villach geplant. Wien könnte folgen – der Markt in der Hauptstadt ist der wichtigste im Land. Vorerst fand sich dafür aber keine Mehrheit unter den Casag-Eigentümern. Ex-Bank-Austria-Generaldirektor Erich Hampel, der für die B&C Industrieholding im Aufsichtsrat sitzt, hatte am Montag eine außerordentliche Sitzung einberufen und das Thema zur Diskussion gestellt, war aber abgeblitzt.

"Die werden das tun", ist Andreas Kreutzer überzeugt. Mit seiner Consultingfirma Fischer, Kreutzer und Partner beobachtet er seit Jahren für Kunden aus der Wirtschaft den Glücksspielmarkt. Das Verbannen der Automaten aus Wien habe nie darauf abgezielt, das Glücksspiel einzudämmen, behauptet er, sondern die einschlägige Lokalszene sollte eliminiert werden. "Nun wird eben woanders gespielt. Und man hat den Markt bereinigt und so der Casag den Weg geebnet." Zudem habe sich die Zahl der illegalen Automaten, von denen es im Jänner noch relativ wenige gab, auf mittlerweile 600 erhöht. Diese stünden in versperrten Hinterzimmern oder zumeist muslimischen Kulturvereinen, in die nie ein Beamter der Finanzpolizei seinen Fuß setze. "Das Verbot funktioniert nicht", bilanziert Kreutzer.

Jedes Jahr streifen Mitarbeiter seiner Firma durch die Bundesländer, um Spielautomaten zu zählen. 2014 waren es 4.650 legale und 3.300 illegale Geräte, 2010 standen in Casinos, mehr als 600 in WinWin-Filialen: Macht insgesamt etwa 10.600 Stück, die einen Umsatz von 485 Millionen Euro erzielten. Die Casinos Austria, Novomatic und illegale Anbieter kontrollieren laut Kreutzer jeweils 30 Prozent des Marktes, nur etwa 10 Prozent entfallen auf andere legale Anbieter. Eine Aufstockung der WinWin-Geräte im großen Stil würde der Casag ein klares Übergewicht bescheren. Weil dadurch aber vor allem der Marktanteil der Illegalen verringert würde, bliebe die Gesamtzahl der Automaten im Wesentlichen gleich, sagt Kreutzer. Es sei sogar ein Schritt in die richtige Richtung, wenn man das Automatenspiel besser kanalisieren wolle, schließlich gelten für WinWin-Filialen Zugangskontrollen: "Wir brauchten in ganz Österreich ein legales, niederschwelliges Angebot, sonst sucht sich das Spiel andere Wege."

In Wien argumentierte auch die SPÖ-Spitze in diese Richtung, bevor die Partei entschied, die Automaten zu verbannen. Nach Angaben der Finanzpolizei laufe das Verbot besser als erwartet, sagt Stadträtin Ulli Sima. "Bis auf einzelne Ausnahmen sind die illegalen Automaten verschwunden." Daher halte man an der Rechtslage fest. David Ellensohn, Klubobmann der Wiener Grünen, hält das für ein Lippenbekenntnis – und schlägt schon Wahlkampftöne im Hinblick auf die Gemeinderatswahl im Herbst an: "Dass das kleine Glücksspiel wieder die Stadt überschwemmen wird, wenn Rot-Schwarz kommt, ist so sicher wie das Amen im Gebet."

Bald wird es neben dem Standort in der Kärntnerstraße zwei weitere Casinos in Wien geben, der Streit um die Lizenzvergabe läuft noch. Insgesamt sind an diesen Standorten bis zu 1.500 Automaten erlaubt – für Ellensohn mehr als ausreichend. "Das ist niederschwellig genug, und das Verbot scheint zu funktionieren. Ob mit dem Wegstellen der Automaten alle Probleme gelöst sind? Natürlich nicht. Das zu glauben wäre lächerlich."

Er geht davon aus, dass der Casag-Vorstand bei seinem Nein zu VLT-Automaten in Wien bleibt. Was sich ändern könnte, wenn sich private Investoren Anteile der Casag schnappen und dem Finanzminister als Käufer zuvorkommen. Unter den Interessenten ist laut Salzburger Nachrichten Ex-SPÖ-Kanzler Alfred Gusenbauer im Namen von Bautycoon Hans Peter Haselsteiner. Auch der Novomatic, die sich legendäre Kämpfe mit der Casag lieferte, um deren Monopol zu brechen, werden Avancen nachgesagt. Mit ihrem Einstieg könnte aus den zwei größten Playern auf dem österreichischen Markt ein dynamisches Duo werden. Die Synergien auf dem Weltmarkt wären enorm.