Auf dem Titelbild von Thomas Sandkühlers Hitler-Biografie gibt es "den Führer" gleich zweimal. Auf gelbem Grund steht er sich selbst gegenüber, stilisiert und in Pop-Art-Optik, einmal in Orange und einmal in Blau. Zu sehen ist Hitler nur im Profil mit erhobenem Arm, wie er sich selbst ins Gesicht brüllt. Schon vor der ersten Seite macht dieses Bild deutlich: Als wer dieser Mann erscheint, das ist eine Frage der Perspektive.

Dies nachzuvollziehen setzt einiges an Wissen und auch an kognitivem Vermögen voraus. Und tatsächlich traut der Berliner Professor für Geschichtsdidaktik seinen jungen Lesern einiges zu. Es ist die erste Biografie über Adolf Hitler, die sich an Jugendliche richtet. Und mit seinen gut 350 Seiten ist das Buch dicker als das, was so mancher Student für ein NS-Seminar an der Universität liest.

Sandkühler lässt von der problematischen Kindheit im deutsch-österreichischen Grenzgebiet bis zum Selbstmord im Bunker in Berlin nichts aus, was die Geschichts- und die Sozialwissenschaften in den vergangenen sieben Jahrzehnten an Erkenntnissen über den Mann zutage gefördert haben. Im letzten Kapitel geht Sandkühler noch auf die Forschungsgeschichte selbst sowie auf Hitler als mediales Phänomen ein. Angesichts dieser Themenfülle ist es erstaunlich und gleichzeitig das große Verdienst des Autors, dass sein Buch nicht noch viel dicker geworden ist.

Was für ein Mensch also war dieser Mann, der den Tod von Millionen Menschen zu verantworten hat? Um sich der Person Hitler zu nähern, erzählt Sandkühler von dessen Vater, der seine eigene Cousine geehelicht hatte, oft alkoholisiert war, seine Familie terrorisierte und den Sohn schlug. Die jungen Leser erfahren, wie Adolf H. weder in der Schule noch als Bewerber an der Wiener Kunstakademie Nennenswertes zustande brachte. Vielmehr, das betont Sandkühler mehrfach, lag der junge Hitler oft bis mittags faul im Bett, log sich in die Tasche und hatte kaum Freunde – Freundinnen gar nicht.

Sandkühler arbeitet sich chronologisch voran und wechselt dabei permanent zwischen der individuellen Lebensgeschichte und dem historischen Kontext. Wo es privat wird, hat das Buch Schwächen, der Ton wirkt mitunter ein wenig altklug und psychologisierend. Sandkühlers große Stärke aber ist es, aufzuzeigen, in was für einer Gesellschaft sich so ein junger "Versager" zum "Führer" wandeln konnte. Konzise schildert er das Westeuropa vor und während des Ersten Weltkriegs und erklärt, wie sich die NSDAP von einer provinziellen Protestpartei zum Massenphänomen entwickelte – nicht zuletzt, weil Sympathisanten aus Upperclass, Justiz und Politik da waren, wenn es brannte – und wie ein ganzes Volk zu mitwissenden und -handelnden Verbrechern wurde.

Denn Thomas Sandkühler geht es, wie es der abgekürzte Nachname im Titel Adolf H. andeutet, nicht nur um den einzelnen Mann. Er betont vielmehr: Es war nicht einer allein, der den Zweiten Weltkrieg vom Zaun brach und den Holocaust ins Werk setzte. Dafür brauchte es viele, die mitmachten, zuschauten oder wegsahen. Das zu erkennen ist sicherlich nicht neu, aber für eine Hitler-Biografie, die sich an Jugendliche richtet, genau der richtige Akzent.

Thomas Sandkühler: Adolf H. Lebensweg eines Diktators. Hanser 2015; 352 S., 19,90 €.