Nein, beide schütteln den Kopf.

"Alle Menschen hatten schwarze Kleidung und schwarze Haare. Ich empfand keine emotionale Anziehung", sagt sie.

Abends fanden sich die beiden zu einer jener Sitzungen der Roten Khmer ein. Auch andere Männer und Frauen waren da. Alle verließen die Sitzung als verheiratete Eheleute. An eine Zeremonie können sich In Lorn und Sok Hut nicht erinnern. Nur daran, dass sie danach in unterschiedliche Richtungen davongingen, dass die Soldaten sie wieder einfingen, zu der Hütte auf Stelen brachten und dann von unten zwischen den Balkenbrettern hindurchlugten.

"Drei kleine Soldatinnen", sagt sie.

"Nein, drei kleine Soldaten", sagt er.

Die kleinen Soldaten, verrohte Jugendliche, Pol Pots Geschöpfe, wachten nun darüber, dass die Kameraden In Lorn und Sok Hut am kommunistischen Nachwuchs arbeiteten. Mehrere Tage mussten die beiden in der Hütte übernachten. Sie hatten regelmäßig Sex, für den Fall, dass jemand kontrolliert. Bald war In Lorn schwanger.

Warum das alles? Warum erzwangen die Roten Khmer Tausende Ehen, warum überwachten sie das Sexualleben der Paare? Derlei Eingriffe in das intimste Familienleben sind selbst für ein totalitäres Regime ungewöhnlich – doch sie passten tatsächlich zu Pol Pots großem Plan.

Wann immer die Roten Khmer ein Dorf überrannten, drangen sie vor in den innersten Kern der Gemeinschaft, in ihre Familien. Die Kambodschaner arbeiteten und aßen fortan nicht mehr allein mit den engsten Verwandten, es gab kaum mehr privaten Raum. Zudem separierten die Roten Khmer die Bevölkerung nach Alter und Geschlecht in Arbeitseinheiten und trennten Kinder von Eltern und Brüder von Schwestern. Dann schickten die Soldaten die Gruppen in vielen Fällen an unterschiedliche Orte. Sie trennten auch Paare wieder, die zuvor hatten heiraten müssen. Mancherorts war die Trennung der Familien sehr strikt, andernorts hatten sie mehr Freiraum. Auf jeden Fall sollten sich alle Kambodschaner nicht länger als Privatpersonen verstehen, als Liebende, als Eltern oder Kinder, als Individuen, die über ihr Leben entscheiden – sie waren jetzt alle die Figuren eines Kollektivs, Elemente des großen Plans.

Die erzwungene Ehe war – zu diesem Schluss kommt eine von der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) mitfinanzierte Studie – Teil des Versuchs, Angkar zu einer Art Eltern für alle zu machen. Eine stärkere Loyalität als die zu Angkar sollte es nicht geben. Wie viele Zwangsehen es unter den Roten Khmer gab, ist nicht erforscht. Die GIZ-Studie spricht von Tausenden – und von großem Leid: Am schlimmsten war für die Betroffenen der Bruch mit Ritualen, dass sie Partner nicht mehr über familiäre Wege wählen und keine traditionelle Zeremonie erleben durften. Dazu kam das in manchen Fällen erzwungene Geschlechtsleben. In besonders schlimmen Fällen drohten Soldaten Männern, sie umzubringen, wenn sie ihre Frauen nicht vergewaltigten.

Viele der von den Roten Khmer organisierten Ehen führten zu Schwangerschaften. Bei den 106 durch die GIZ untersuchten Fällen gab es bei drei Vierteln Nachwuchs. "Hauptgrund der Zwangsheiraten war wohl die Reproduktion der Bevölkerung", sagt Theresa de Langis, eine der Autorinnen der Untersuchung. Oftmals verheirateten die Roten Khmer in Massenzeremonien Hunderte Paare. Mancherorts brachte man die frisch Vermählten in eigens mit speziellen Kammern ausgestattete Gebäude. Dort sollten sie in Pol Pots Hochzeitsverrichtungsboxen Nachwuchs für die Revolution produzieren. An der Nachwuchs-These gibt es aber auch Zweifel. "Wenn es ihnen um neue Revolutionäre gegangen wäre, dann hätte man erwartet, dass sie sich um die Babys kümmern", sagt etwa Kasumi Nakagawa, die an der Universität Phnom Penh Gender Studies lehrt und seit vielen Jahren die sexuelle Gewalt unter den Roten Khmer erforscht.

Dokumente zur Heiratspolitik, die das Dunkel erhellen könnten, sind nicht bekannt. "Wir können aber davon ausgehen, dass es einen zentralen Plan gab", sagt der in Yale lehrende Historiker Ben Kiernan. "Denn es passierte ja im ganzen Land." Und sollte offenbar nur der Anfang sein: Die Roten Khmer planten Häuser nur für Kinder, was für Kiernan auf eine sehr funktionale Rolle der Mutter hindeutet – als Produzentin neuer Soldaten und Bauern. "Kinder wurden als Eigentum der Partei begriffen", sagt Kiernan. "Das Regime führte einen Totalangriff auf die Familie als Institution, auf der die ländlichen Gegenden aufgebaut waren."

Als In Lorn wenige Monate nach der Hochzeit schwanger wird, ist sie nicht glücklich darüber.

"Es gab kein Essen", sagt sie heute zur Begründung. Mehr nicht.

An ihrem Alltag ändert sich zunächst nichts. Schwangere bekommen keine Erleichterungen. In Lorn setzt weiter Reispflanzen in den Boden, und ab dem fünften Monat schleppt sie Erde, immerzu Erde, tagein, tagaus. Im siebten und achten Monat muss sie dann Dünger mischen. Nach neun Monaten bringt ihr Mann sie auf einem Ochsenwagen in ein Krankenhaus.

"Es gab nur einen kleinen Tisch. Da war ein Arzt. Aber es halfen Frauen", sagt sie.

Heißes Wasser ist schon vorbereitet. In Lorn quält sich von sieben Uhr abends bis sieben Uhr morgens. Sie beißt sich die Lippen blutig und weiß nicht, wie sie atmen soll. Traditionell wäre in Kambodscha die Mutter oder Schwiegermutter als Geburtshelferin dabei. Das gilt als wichtig für das Glück von Mutter und Kind, so wie das Vergraben der Plazenta. Angkar will das aber nicht.

In Lorn bringt eine Tochter zur Welt. Als sie das Mädchen ansieht, ist sie glücklich. Sie nennen die Kleine Sok Kim Lien.

Nach der Niederkunft bekommt die Mutter eine Schale mit Reis. Die bekommt sie auch an den folgenden Tagen. Außerdem gibt es zweimal am Tag eine Schale Suppe. Zwölf Tage später geht es zurück aufs Feld. Das Kind kommt in eine zentrale Einrichtung.