Zwischen der Kunst und dem Krieg herrscht ein ungleicher Kampf. Der Krieg zerstört nicht nur Museen und schleift einmalige Denkmäler. Er begräbt auch die lebenden Künstler in der Flut seiner medialen Bilder. Auf jede Gräueltat folgt ein Pressefoto. Aus jeder Belagerung dringt ein YouTube-Video in die globale Öffentlichkeit. Unsere Bilder werden nicht mehr von Kriegsfotografen und ihren persönlichen Beobachtungen geprägt, sondern stammen aus dem Inneren der Schlachten selbst, mobil und ohne Verzögerung, ohne Chance auf Neutralität. Selbst der nackte Terror posiert auf Facebook und Twitter, als sei die Verbreitung immer gewaltsamerer Bilder das eigentliche Hauptkriegsziel geworden, während wir als Beobachter passiv vor unseren Bildschirmen verstummen. Wir wissen so viel, doch das Wissen verändert wenig. Wir sehen hin, aber die Bilder haben keine Folgen mehr.

Wir brauchen Gegenbilder zu diesem visuellen Überbietungskampf und wissen nicht, woher sie kommen sollten. Diese Bilder von der macht- und mittellosen Kunst einzufordern, wagt schon lange niemand mehr. Welche Werte könnte ein Kunstwerk beschwören, das inmitten anarchischer Gewalt entsteht, und wer sollte es betrachten? Wer dächte im Elend eines Bürgerkriegs ernsthaft daran, Malereiaufträge zu vergeben, um sich den immer schneller zirkulierenden Bildern aus Gewalt und Gegengewalt entgegenzustellen? Und welcher Kritiker wollte am Ende über Qualität und Technik dieser Kunst diskutieren, während im Mittelmeer die Boote der Flüchtlinge sinken? Aus welchen Bildern sollte die Kunst überhaupt schöpfen, wenn nicht aus denen, die wir aus den Medien kennen?

Das Berliner Ausstellungszentrum BOX Freiraum wagt zumindest einen Versuch. Die Organisatoren haben sich Syrien ausgesucht, den nahöstlichen Schmelztiegel staatlicher und oppositioneller Gewalt. Sie wollen dem "Gewirr aus Chaos, Grauen und Bestürzung" des sich ausweitenden Krieges klassische Bilder syrischer Künstler entgegenhalten, die mehrheitlich im Exil leben. Um dem Schrecken einen eigenen, sehr persönlichen Ausdruck zu verleihen, porträtiert etwa Houmam Al Sayed mit einem Auftragswerk eine Flüchtlingsfamilie. Reem Yassouf hat ihre früher leuchtende Farbpalette zu einem Graubraunspektrum zusammengestrichen, um eine geisterhafte Kindergruppe in einem Labyrinth aus Zelten und Ruinen erstarren zu lassen. Hamid Sulaiman wiederum trägt Internetbilder des Konflikts zu einem lakonischen Historien-Comic zusammen, während Ammar Abd Rabbo die Sprache der journalistischen Kriegsfotografie benutzt, um Alltagsidyllen inmitten des Chaos zu zeigen, kurz vor dem nächsten Heckenschuss.

Zu besichtigen ist eine Ausstellung, die politisch aktuell und zugleich aus der Zeit gefallen ist. Ihre Bilder schöpfen tief aus syrischen Traditionen, greifen zu Kalligrafie und malerischer Figuration. Selbst im Genre der reportagehaften Fotografie suchen sie nach einem syrischen Blick, der "verschütteten Lebensfreude", von der die Kuratorin Nour Wali spricht. Die meterhohen Tücher, die wie Fahnen in den Gassen hängen, um den Scharfschützen die Sicht zu nehmen, erscheinen wie anmutige Dekore, heimliche Zeichen einer vergessenen romantischen Schönheit, als ginge es nicht um den Krieg, sondern um eine verschüttete eigene Sprache, mit der sich dem Strudel der Zerstörung ein wahrerer Ausdruck entgegenhalten ließe.