Mutter, Sex, Objekt – Seite 1

Dieser Text ist nichts für empfindliche Gemüter. Legen Sie ihn lieber weg, lieber Leser, wenn Sie schwache Nerven haben: Er enthält 33 Mal das Wort fuck, und – ganz schlimm – es geht um Sex mit Müttern. Dazu kommt noch ein kaum aussprechbares Akronym, das noch niemals in der ZEIT stand: MILF. Ausgeschrieben bedeutet es: Mother I’d Like to Fuck, auf Deutsch "Eine Mutter, mit der ich ins Bett gehen möchte".

MILF stand lange für eine sehr geheime männliche Sexfantasie, doch heute ist das Phänomen omnipräsent. Die Sängerin Judith Holofernes veröffentlichte im vergangenen Jahr ein Lied mit dem Titel M.I.L.F. ("Mixtape, I would like to ..."). Es gibt einen grünen MILF-Smoothie für Frauen auf Apfel- und Mangobasis. In MILF-Fitnesskursen sollen Mütter nach einer Geburt wieder begehrenswert gemacht werden. Es gibt Paare, die sich schon gegenseitig als MILF und DILF ("Dad, I’d Like to ...") in ihren Mobiltelefonen abspeichern. Sogar im Bayerischen Rundfunk ist das angekommen: Eine Folge der Serie Mann/Frau heißt schlicht MILF. Darin trifft sich der junge Hauptdarsteller mit einer verheirateten Frau heimlich im Hotel – und fühlt sich danach benutzt.

Sex mit reiferen Frauen zu haben kommt zwar jetzt in Mode, ist aber streng genommen keine sehr neue Männerfantasie, es gibt sie schon in den antiken griechischen Sagen: Iokaste, die Mutter des Prinzen Ödipus, war wohl die erste MILF überhaupt. Auch Goethe soll auf deutlich ältere Frauen gestanden haben. Ende der sechziger Jahre nahm dann im Kino Mrs. Robinson als raffinierte Verführerin dem blutjungen Dustin Hoffman die "Reifeprüfung" ab.

Auch als Pornogenre ist die ödipale Lust des jungen Mannes auf eine Frau, die seine Mutter sein könnte, schon lange bekannt. Mature-, Cougar- oder Mom-Sex lauten die gängigen Subgenres in der Branche: Frauen ab 40 aufwärts vernaschen in den Filmchen gern als Lehrerin den eigenen Schüler oder als Hausfrau den Freund des eigenen Sohnes. Dann kam vor 15 Jahren die amerikanische Teenager-Klamotte American Pie in die Kinos und mit ihr eine Figur, die im Gedächtnis bleiben sollte. Stifler’s Mom, eine aufreizende blonde Enddreißigerin, raubte den Highschool-Jungs den Verstand. Sie machte die MILF gesellschaftsfähig. Seitdem hat sich der Begriff aus den schmutzigen Ecken der Pornografie entfernt und ist im Mainstream angekommen.

Und noch was ist geschehen: Aus einer männlichen Sexfantasie ist ein Kompliment geworden, das manche Frauen heute für sich reklamieren. Britney Spears wurde während ihrer Schwangerschaft mit einem T-Shirt gesichtet, auf dem "MILF in Training" gedruckt stand. Spaßpolitikerinnen von DIE PARTEI protestierten als "MILFs gegen Merkel". Und als sich die Steuerfachgehilfin und Mutter Kati 2014 für ein Umstyling bei der Brigitte Mom bewarb, begründete sie das mit dem Satz: "Ich will nicht mehr nur Mutti sein, sondern auch MILF!" Die Redaktion fand das so "selbstironisch und rotzig", dass sie die Vorher-nachher-Bilderstrecke im Internet mit "Eben noch Muddi, jetzt MILF" betitelte. Proteste blieben aus.

Wie konnte es dazu kommen?

Alles begann, wie die meisten modernen Geschichten, im Internet. Seit einigen Jahren verzeichnen die Anbieter von Pornoseiten ein gestiegenes Interesse an Filmen mit älteren Frauen. Nach Aussagen eines der größten Erotikportale, PornHub, liegt MILF bereits auf Platz drei der am häufigsten gesuchten Begriffe weltweit, in Deutschland auf Platz vier. Nimmt man alle Suchbegriffe in den deutschen Porno-Top-Ten zusammen, die irgendwie mit Mutterschaft zu tun haben, dann wollten im vergangenen Jahr fast 50 Millionen Nutzer Sex mit Müttern sehen – dreimal mehr, als nach jungen Frauen gesucht hatten. Auch bei manchen deutschen Amateurportalen sind MILFs in den Rankings bereits die beliebtesten Darstellerinnen.

Kein Sexualwissenschaftler hat diese Entwicklung bisher erforscht. Es ist eine Bewegung aus dem Volk. Auf unsere Anfragen bekommen wir entweder gar keine Antworten oder patzige Mails aus den deutschen Hochschulen. Darum machen wir uns selbst auf die Suche nach Antworten. Und fahren nach Münster, zu einer der erfolgreichsten deutschen MILFs. Sie nennt sich "Dirty-Tina", ist 47 Jahre alt, hat zwei Kinder, führt die dritte Ehe und drehte in Heimarbeit fast 350 Pornofilme – als MILF.

"Wow, bist du eine geile MILF"

"Herein in die Bumsbude", sagt Tina und bittet einen 25-jährigen Studenten des Bauingenieurwesens zu den Dreharbeiten in ihr kleines Einzimmer-Dachapartment an einer Ausfallstraße. Alles hier ist lila. Kopfkissen, Bettvorleger, Spannbettlaken. Auf dem lila Tischdeckchen stehen zwei brennende Kerzen und eine Schale mit Snickers und Kitkat. Mittags um zwölf im Münsterland: Tina zieht sich schwarze Strapse an, einen Tanga und High Heels. Der Student steht plötzlich nackt im Wohnzimmer. Tinas Mann schaltet zwei Kameras an, und schon nach zwei Minuten ist der erste Orgasmus im Kasten.

Dirty-Tina trägt türkisen Lidstrich und gesunde Sonnenstudiobräune. Erst vor vier Jahren ist aus der ehemaligen Bankerin eine Pornodarstellerin geworden. Sie ist schlank, aber ein Bäuchlein ist unter ihrem Negligé doch zu erkennen. "Natürlich habe ich auch Falten", sagt sie selbstbewusst. Aber gerade das sei es, was bei den jungen Usern im Internet ankomme. Sie wollten nicht mehr die aufgepumpten Mädchen sehen, die mit ihren prallen Silikonbrüsten, künstlichen Körpern und unechten Nägeln alle gleich aussähen. Die dreckige Tina ist die Antwort auf die porentief reine Plastikwelt des Fernsehens, der Laufstege und der Werbung. Sie sei authentisch, sagt sie. Um Tina zu sehen, geben ihre Fans Geld aus – auf zwanzig Amateursex-Portalen wie Big7, in ganz Europa und sogar in den USA. Das ist beachtlich. Denn nie war es einfacher, Gratispornos zu schauen, seitdem es das Internet gibt.

Als alles vorbei ist, sitzt der Student auf der Couch, trinkt Kaffee und sagt: "Viele junge Männer sind gelangweilt vom althergebrachten Idealpaar ›junge Frau, alter Mann‹. Sie wollen Frauen nicht immer an den Sex ranführen müssen, sondern sich auch mal fallen lassen und von einer reiferen Frau angeleitet werden."

Ein junger Mann, der auf Frauen mitten im Leben steht und gern von einer älteren Frau "angeleitet" wird? Noch vor einer Generation hätte man so einen Satz von Männern nicht erwartet. Heute ist diese Vorliebe kein Einzelfall. Tina dreht mit bis zu fünf Männern pro Woche, die sich bei ihr bewerben und null Honorar für die Drehs bekommen. Meistens sind sie zwischen 18 und Mitte 20. Nebenbei strippt Tina auch noch in Erotik-Chats und hört dort: "Wow, bist du eine geile MILF", oder: "Du könntest meine Mutter sein, ich finde dich aber trotzdem geil." Beim Amateurportal von Beate Uhse ist sie die beliebteste Amateurdarstellerin, auch bei Live-Strip.com und MyDirtyHobby ist sie ganz vorn mit dabei. Hunderte meist sehr junger Darstellerinnen konkurrieren auf diesen Seiten um die Gunst der User. Noch vor fünf Jahren gab es in diesen Portalen fast ausschließlich junge Frauen zu sehen. Seitdem ist die Nachfrage nach MILFs geradezu explodiert.

All das ist nur eine sexuelle Fantasie, könnte man einwenden, eine Facette des Sexlebens, die Männer heimlich mit ihrem Smartphone und einer Packung Kleenex ausleben. Dirty-Tina macht andere Erfahrungen. "Oft höre ich, dass die Männer auch gern jemanden wie mich im realen Leben finden würden", sagt sie.

Eine kleine unrepräsentative Umfrage im Freundeskreis. Akademiker um die 30, manche Singles, andere liiert mit gleichaltrigen Freundinnen. "Ich habe das Gefühl, dass eine Frau, die schon ein Kind zur Welt gebracht hat, weiblicher ist", sagt einer. "MILFs sind starke Frauen, solche Frauentypen gab es früher nicht", sekundiert ein Zweiter. "Eine reifere Frau, die schon Kinder hat, weiß, was sie will." Oft fällt auch das Wort "Ausstrahlung" in diesen Gesprächen. Ausstrahlung? Eine schwer zu beschreibende Aura sei das, die sich keine Frau im Fitnessstudio antrainieren könne, sondern nur durch Lebenserfahrung. MILFs sind keine Prinzessinnen, sie sind Königinnen.

Mehrere parallel verlaufende Entwicklungen scheinen für diesen Wandel verantwortlich zu sein. Die Emanzipation brachte die Frau auf eine Augenhöhe mit dem Mann. Deshalb ist es für viele Menschen nicht mehr nachvollziehbar, warum nur ältere Männer ein Recht auf junge Gespielinnen haben sollen. Die Sex-Ikone Madonna (56) hat selten einen Liebhaber, der die 30 überschritten hat. Aber auch nicht prominente Mütter sind schon lange mehr als Hausfrauen. Beruflicher Erfolg und finanzielle Unabhängigkeit sind seit den sechziger Jahren auch für sie immer selbstverständlicher. Und spätestens seit den Desperate Housewives gehört die sexy-selbstbewusste reife Mutter zum Rolleninventar der westlichen Gesellschaften.

Durch das Internet hat sich die Gesellschaft im letzten Jahrzehnt zudem extrem sexualisiert. Tabus fallen im Monatstakt. Natursekt, Anal oder Spanking waren vor zehn Jahren noch verpönte Praktiken für Fetischisten. Heute gehörten sie zum Standardrepertoire eines eher harmloseren Pornos, sagt Sexdarstellerin Tina. Begriffe wie "geil", "pimpen" oder "Food Porn" sind in die Alltagssprache diffundiert. Auch der Begriff "MILF" gehört dazu.

Kampf um die Deutungshoheit

Als die heute show 2014 den CSU-Politiker Markus Ferber fragte, was der Ausdruck denn bedeute, antwortete er wissend: "Das ist Schweinkram." Und der Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz, bekannte: "Ja gut, das kenn ich natürlich. Klar."

Vor einem Jahr startete der Promi-Fitnesstrainer Julian Zietlow aus Berlin einen Onlinekurs für Frauen nach der Schwangerschaft, er nennt ihn "Der MILF-Macher". Auf die Idee mit dem Namen sei die Ehefrau des Rappers Sido nach einem Training in ihrer Wohnung gekommen, sagt Zietlow. Für sie habe er das Programm nach einer Entbindung eigentlich entwickelt. "Zuerst war der Ausdruck für mich wie ein Schlag in den Magen, aber ich dachte, Sido und sie wissen schon, wie man polarisiert." Den Kurs sollen mittlerweile Tausende Frauen gekauft haben. Aber nicht alle begreifen MILF als Kompliment.

Als Julian Zietlow begann, seinen Fitnesskurs zu bewerben, reichte eine Gruppe junger Frauen und Männer Beschwerde beim Deutschen Werberat ein. "Die spinnen wohl, der Name ist absurd und sexistisch", dachte Anna Böcker damals. Sie ist 34, Mutter und eine von denen, die sich beschwerten. "MILF reduziert Frauen auf ihre Fickbarkeit", sagt Böcker, "der Ausdruck bedeutet doch, dass Mutti eine ist, der man die Mutterschaft nicht ansieht." Es sei eine Zumutung, Frauen abzuverlangen, kurz nach der Geburt wieder begehrenswert zu sein und sich einen "neoliberalen Waschbrettbauch" zuzulegen. So was werde gesellschaftlich erwartet, suggerierten solche Angebote.

Dadurch entstehe ein Normdruck auf normale Frauen, sagt auch Nicole Rüdiger. Die Verlegerin der alternativen Erotikmagazine Giddy Heft und Jungsheft zeigt in ihren Zeitschriften "ehrliche Nacktfotos" von Männern und Frauen. Auch sie selbst ist Mutter und geht sehr offen mit ihrer Sexualität um. Trotzdem lehnt sie es ab, MILF genannt zu werden, weil der Begriff einer kapitalistischen Leistungslogik entspringe. "MILF ist der nächste Anspruch, den Frauen heute auch noch erfüllen müssen. Es reicht nicht mehr, dass wir beruflich erfolgreich sind, gut aussehend, jung, dynamisch, sportlich und mehrere Kinder großziehen. Jetzt sollen wir auch noch sexy sein und nachts heiße Liebhaberinnen." Darum möchten Böcker und Rüdiger keine MILFs sein, die von Männern auf die Rolle als Sexobjekt reduziert werden.

Dirty-Tina zuckt bei dieser Kritik nur die Schultern. Sie kann damit nichts anfangen. "Das kann nur von Personen kommen, die sexuell mit sich nicht im Reinen sind", sagt sie. Sei es nicht ein Erfolg der Emanzipation, dass heute auch Frauen jenseits der vierzig als attraktiv gelten? MILF sei für sie ein ausschließlich positiv besetzter Begriff – weder frauenfeindlich noch diskriminierend.

Der Kampf um die Deutungshoheit über die MILF hat gerade erst begonnen.