"Herein in die Bumsbude", sagt Tina und bittet einen 25-jährigen Studenten des Bauingenieurwesens zu den Dreharbeiten in ihr kleines Einzimmer-Dachapartment an einer Ausfallstraße. Alles hier ist lila. Kopfkissen, Bettvorleger, Spannbettlaken. Auf dem lila Tischdeckchen stehen zwei brennende Kerzen und eine Schale mit Snickers und Kitkat. Mittags um zwölf im Münsterland: Tina zieht sich schwarze Strapse an, einen Tanga und High Heels. Der Student steht plötzlich nackt im Wohnzimmer. Tinas Mann schaltet zwei Kameras an, und schon nach zwei Minuten ist der erste Orgasmus im Kasten.

Dirty-Tina trägt türkisen Lidstrich und gesunde Sonnenstudiobräune. Erst vor vier Jahren ist aus der ehemaligen Bankerin eine Pornodarstellerin geworden. Sie ist schlank, aber ein Bäuchlein ist unter ihrem Negligé doch zu erkennen. "Natürlich habe ich auch Falten", sagt sie selbstbewusst. Aber gerade das sei es, was bei den jungen Usern im Internet ankomme. Sie wollten nicht mehr die aufgepumpten Mädchen sehen, die mit ihren prallen Silikonbrüsten, künstlichen Körpern und unechten Nägeln alle gleich aussähen. Die dreckige Tina ist die Antwort auf die porentief reine Plastikwelt des Fernsehens, der Laufstege und der Werbung. Sie sei authentisch, sagt sie. Um Tina zu sehen, geben ihre Fans Geld aus – auf zwanzig Amateursex-Portalen wie Big7, in ganz Europa und sogar in den USA. Das ist beachtlich. Denn nie war es einfacher, Gratispornos zu schauen, seitdem es das Internet gibt.

Als alles vorbei ist, sitzt der Student auf der Couch, trinkt Kaffee und sagt: "Viele junge Männer sind gelangweilt vom althergebrachten Idealpaar ›junge Frau, alter Mann‹. Sie wollen Frauen nicht immer an den Sex ranführen müssen, sondern sich auch mal fallen lassen und von einer reiferen Frau angeleitet werden."

Ein junger Mann, der auf Frauen mitten im Leben steht und gern von einer älteren Frau "angeleitet" wird? Noch vor einer Generation hätte man so einen Satz von Männern nicht erwartet. Heute ist diese Vorliebe kein Einzelfall. Tina dreht mit bis zu fünf Männern pro Woche, die sich bei ihr bewerben und null Honorar für die Drehs bekommen. Meistens sind sie zwischen 18 und Mitte 20. Nebenbei strippt Tina auch noch in Erotik-Chats und hört dort: "Wow, bist du eine geile MILF", oder: "Du könntest meine Mutter sein, ich finde dich aber trotzdem geil." Beim Amateurportal von Beate Uhse ist sie die beliebteste Amateurdarstellerin, auch bei Live-Strip.com und MyDirtyHobby ist sie ganz vorn mit dabei. Hunderte meist sehr junger Darstellerinnen konkurrieren auf diesen Seiten um die Gunst der User. Noch vor fünf Jahren gab es in diesen Portalen fast ausschließlich junge Frauen zu sehen. Seitdem ist die Nachfrage nach MILFs geradezu explodiert.

All das ist nur eine sexuelle Fantasie, könnte man einwenden, eine Facette des Sexlebens, die Männer heimlich mit ihrem Smartphone und einer Packung Kleenex ausleben. Dirty-Tina macht andere Erfahrungen. "Oft höre ich, dass die Männer auch gern jemanden wie mich im realen Leben finden würden", sagt sie.

Eine kleine unrepräsentative Umfrage im Freundeskreis. Akademiker um die 30, manche Singles, andere liiert mit gleichaltrigen Freundinnen. "Ich habe das Gefühl, dass eine Frau, die schon ein Kind zur Welt gebracht hat, weiblicher ist", sagt einer. "MILFs sind starke Frauen, solche Frauentypen gab es früher nicht", sekundiert ein Zweiter. "Eine reifere Frau, die schon Kinder hat, weiß, was sie will." Oft fällt auch das Wort "Ausstrahlung" in diesen Gesprächen. Ausstrahlung? Eine schwer zu beschreibende Aura sei das, die sich keine Frau im Fitnessstudio antrainieren könne, sondern nur durch Lebenserfahrung. MILFs sind keine Prinzessinnen, sie sind Königinnen.

Mehrere parallel verlaufende Entwicklungen scheinen für diesen Wandel verantwortlich zu sein. Die Emanzipation brachte die Frau auf eine Augenhöhe mit dem Mann. Deshalb ist es für viele Menschen nicht mehr nachvollziehbar, warum nur ältere Männer ein Recht auf junge Gespielinnen haben sollen. Die Sex-Ikone Madonna (56) hat selten einen Liebhaber, der die 30 überschritten hat. Aber auch nicht prominente Mütter sind schon lange mehr als Hausfrauen. Beruflicher Erfolg und finanzielle Unabhängigkeit sind seit den sechziger Jahren auch für sie immer selbstverständlicher. Und spätestens seit den Desperate Housewives gehört die sexy-selbstbewusste reife Mutter zum Rolleninventar der westlichen Gesellschaften.

Durch das Internet hat sich die Gesellschaft im letzten Jahrzehnt zudem extrem sexualisiert. Tabus fallen im Monatstakt. Natursekt, Anal oder Spanking waren vor zehn Jahren noch verpönte Praktiken für Fetischisten. Heute gehörten sie zum Standardrepertoire eines eher harmloseren Pornos, sagt Sexdarstellerin Tina. Begriffe wie "geil", "pimpen" oder "Food Porn" sind in die Alltagssprache diffundiert. Auch der Begriff "MILF" gehört dazu.