Mama trägt man im Herzen. Aber auch im Hirn, im Arm und im Zeh. Sie steckt in jeder Faser. Das ist kein Muttertagskitsch, das ist Genetik. Jede unserer Körperzellen erzählt die Familiengeschichte der Menschheit. Es ist die Geschichte jener Frauen, ohne die wir nie die Welt erobert, nie das Rad erfunden hätten oder den Latte macchiato. Jeder von uns trägt die Spuren dieser Urmütter in sich.

Und alles begann mit einer einzigen: Die Wissenschaft nennt sie Eva.

Seit Anthropologen sich für die Entstehung der Menschheit interessieren, müssen sie mit dürftigem Material auskommen: mit wenigen Knochenfunden, oft bloß Bruchstücken, kaum zu datieren. Doch vor dreißig Jahren änderte sich das, dank einiger exklusiver Mama-Gene.

Normalerweise geben Mutter und Vater ihrem Kind je die Hälfte seiner genetischen Ausstattung mit. Der Zufall sorgt jeweils für die Mischung. Doch eine Ausnahme existiert: bohnenförmige Winzling, die in jeder einzelnen unserer Körperzellen stecken und unverzichtbar sind für deren Energieversorgung – man könnte auch sagen: fürs Füttern. Diese Zellkraftwerke nennt man Mitochondrien. Sie selbst und den dazugehörigen genetischen Bauplan erhält jedes Kind ausschließlich von seiner Mutter, die ihn ihrerseits schon von der Mutter hatte und so fort ...

Wie ein roter Faden zieht sich die sogenannte mitochondriale DNA (kurz: mtDNA) durch die Generationen, immer entlang der mütterlichen Linie. Eine Linie von Müttern zu Töchtern, die wieder Mütter von Töchtern wurden, bis zum heutigen Tag.

Die Mutter-Gene der Mitochondrien sind noch in einem weiteren Sinn exklusiv: Während das Erbgut im Zellkern rund drei Milliarden Basenpaare umfasst, genügen für die Kraftwerke 16.000 Paare. Das ist – für genetische Maßstäbe – sehr übersichtlich.

Deshalb rückten die Mutter-Gene auch als Erstes ins Visier einiger junger Wissenschaftler, die für die Rekonstruktion der menschlichen Geschichte das Erbgut befragen wollten. Mitte der achtziger Jahre verglichen also Rebecca Cann, Mark Stoneking und Allan Wilson 147 weltweit eingesammelte Plazentaproben miteinander. Ihre Studie Mitochondrial DNA and Human Evolution erschien 1987 und schlug in der Anthropologie ein wie eine Bombe. Das Ergebnis: Sämtliche heute lebenden Menschen haben ihre Mitochondrien von einer einzigen weiblichen Vorfahrin geerbt. Wir haben sie alle von derselben Mutter.

Und weil die mtDNA langsam mutiert, kann man aus der Zahl der Unterschiede zwischen verschiedenen Personen herausrechnen, wie weit ihr gemeinsamer Ursprung zurückliegt. Cann, Stoneking und Wilson konnten regelrecht auszählen, wann die gemeinsame Mito-Mutti ihrer 147 globalen Probanden gelebt haben musste. Und da kam es zur zweiten Sensation aus der DNA: Die Urmutter Eva war praktisch eine von uns. Die Biologen verorteten sie am Beginn einer Erbfolge, die nur 200.000 Jahre umfasst, neuere Studien verkürzen die Zeit sogar auf 150.000 Jahre. Damit kann es sich bei Eva praktisch nicht um das Weibchen einer Vor- oder Frühmenschen-Art handeln. Sondern um eine anatomisch moderne Menschenfrau.

Lucky mother wird Eva in Anthropologenkreisen genannt. Denn von allen seinerzeit lebenden Menschenfrauen (und das waren, wie wir gleich erfahren werden, nicht besonders viele) ist es ihr als Einziger gelungen, eine bis zum heutigen Tage reichende Genkette von Töchtern und Enkeltöchtern zu begründen: Eine lucky mother, weil sie die einzige Mutter ist, die solches Glück hatte. In die Forschungsgeschichte ging sie deshalb mit dem plastischen Namen mitochondrial Eve ein, mitochondriale Eva.

Ein jeder unserer rund 7,3 Milliarden Zeitgenossen lebt mit Evas Zellkraftwerken, egal, von wem sein restliches Erbgut stammt. Wir alle sind ihre Nachfahren. Sollten die Menschen vor 150.000 Jahren schon gewettet haben – darauf hätte Eva sicher nicht gewettet!

Um zu überschlagen, wie viele Generationen zwischen ihr und uns liegen, müssen wir spekulieren: Wie viele Jahre umfasst eine Generation im Durchschnitt der Menschheitsgeschichte? 30 Jahre, wie man heute rechnen würde? Oder eher 20? Oder noch weniger, da Mädchen die Geschlechtsreife doch im Teenageralter erreichen? Selbst wenn wir – vorsichtig gerechnet – von durchschnittlich 25-jährigen Müttern ausgehen, sind schon 6.000 Generationen nötig, um 150.000 Jahre zu durchmessen. Es zieht sich also eine mindestens sechstausend Frauen lange Kette von der mitochondrialen Eva zu jeder Mama, die heute Rosen, Pralinen oder, ähm, Selbstgebasteltes zum Muttertag bekommt (und natürlich auch zu jedem anderen lebenden Menschen). Wollten wir unsere lucky mother mit ihrer korrekten Bezeichnung ansprechen, wir müssten für das eine Wort "Ururur…oma" so viele Ur- aneinanderfügen, dass es länger würde als dieser ganze Text hier.

Was für ein Blick zurück, den menschlichen Stammbaum hinab! Da doch für die meisten von uns schon mit der Generation Urgroßeltern die Familiengeschichte unüberschaubar wird. Als älteste zusammenhängende Ahnenreihe gilt jene des Morallehrers Konfuzius ("Meister Kong") aus dem 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, die heute mehr als 80 Generationen umfasst. Rund 1,3 Millionen Zeitgenossen zählen sich mittlerweile zur Familie Kong. Alle zu Recht? So ungewiss wie die biologische Vaterschaft ist auch jede Ahnentafel.

Bloß die Mutter steht immer fest. In unserer genetischen Familiengeschichte ist die mtEva zweifelsfrei die älteste Ahnin, der wir heute noch persönliche Spuren zuordnen können, die Wurzel unseres Stammbaums.

Die einzige Urmutter, von der unsere DNA erzählt, ist Eva aber nicht. Später gesellten sich noch andere Damen im Genpool hinzu: Ursula und Lara zum Beispiel. So wie Ende der achtziger Jahre das Eva-Team aus der heutigen mtDNA unser aller gemeinsamen Ursprung errechnet hatte, entdeckten Wissenschaftler später charakteristische Ähnlichkeiten in der Weltbevölkerung, die sie 24 weitverbreiteten DNA-Varianten (Haplogruppen) zuordneten. Diese 24 unterscheiden sich durch einzigartige Mutationen von Evas mtDNA genauso wie von der mtDNA aller anderen Haplogruppen. Solche Veränderungen müssen daher jeweils erstmals bei einer einzigen Frau aufgetreten sein, von der heute alle Angehörigen dieser Gruppe abstammen – sozusagen von regionalen Unter-Urmüttern.