Tashi, der philosophische Herbergsvater

Tashis Gemüt schien unerschütterlich. Als ich ihn fragte, wie die Nepalesen es schaffen, das Chaos auf den Straßen Kathmandus mit dem Gesichtsausdruck der Buddha-Souvenirs hinzunehmen, sagte er nur: "Was draußen ist, muss nicht dasselbe sein wie das, was drinnen ist." Die Taxis, Rikschas und Motorräder, die zu Tausenden durch die Gassen drängten; dieses ganze im Akkord hupende, zum Himmel stinkende Durcheinander – er ließ es einfach nicht in seinen Geist. "Wenn ich mich darüber aufregte", fragte er, "wem wäre damit geholfen?"

Eineinhalb Jahre ist das nun her. Wir saßen auf der Dachterrasse seines Hostels, dem Alobar1000 im Touristenviertel Thamel. Um uns herum dampften Rucksackreisende einen Joint nach dem anderen, ohne der endemischen Entspanntheit der Nepalesen dadurch auch nur nahezukommen. Das Besondere an Tashi war aber nicht diese Gelassenheit, sondern die Fähigkeit, das nepalesische Gemüt aus der Sicht des Westens zu betrachten. 15 Jahre lang hatte er in Los Angeles gelebt, als Wirtschaftsstudent, Investmentbanker und Exportunternehmer. Und dabei gelernt, was vielen seiner Landsleute fremd ist: "Nepalesen berechnen ihr Verhalten nicht", sagte er. "Sie leben so sehr im Jetzt, dass es ihnen schwerfällt, zurückzuschauen oder vorauszuplanen." Sein Traum war es, ihnen das beizubringen. Wenn sie lernten, ihr Land als "größten Abenteuerspielplatz der Welt" zu vermarkten, könnte der Tourismus ihnen den Weg aus der Armut bahnen.

Jetzt, nach dem Erdbeben, wähle ich Tashis Nummer. "Mir geht es gut." Seine Stimme klingt sanft, wie damals, aber müde. Das Alobar1000 hat das Beben überstanden. Auch sein zweites Hostel ist unversehrt; das Nachbarhaus aber sei kurz davor einzustürzen. Vier Tage nach dem Hauptbeben hat die Erde noch immer nicht aufgehört zu zittern.

"Die Leute stehen unter Schock", sagt Tashi. "Viele haben Angst, in ihre Häuser zurückzukehren, und schlafen auf dem offenen Feld. Und es regnet und regnet." Fast alle Hotels haben geschlossen. Das Stromnetz ist komplett kollabiert. Kathmandu liegt im Dunkeln. "Wenn ich darüber nachdächte, warum das passiert ist und welche Folgen es hat, wäre ich sehr traurig", sagt Tashi. Doch er hat keine Zeit zu grübeln. Das Alobar1000 bleibt geöffnet. Nur die Dachterrasse ist leer. Seine Gäste haben ihre Joints ausgedrückt und sich auf den Weg gemacht, um Spenden zu sammeln.
Julius Schophoff

Mahabir, der stoffelige Menschenfreund

Der erste Eindruck war befremdlich: Unter all den gastfreundlichen, lächelnden Menschen, denen ich auf meiner Reise durch die Berge Nepals begegnete, wirkte Mahabir Pun wie eine Anomalie. Ein grämlicher Mann in einem schmutzigen Anorak, der wenig sprach und meist geistesabwesend in den Himmel blickte. Dabei hat niemand so viel für die Kommunikation Nepals mit der Welt getan wie Mahabir. "Mister Internet" nennt man ihn im Land, weil ihm glückte, was keiner für möglich gehalten hätte. Mit zwei billigen Routern für den Hausgebrauch und einer umgebauten TV-Antennenschüssel in einer Baumkrone gelang es ihm 2002, sein Heimatdorf in den Bergen per WLAN mit dem Web zu verbinden – über eine Entfernung von 34 Kilometern. Inzwischen versorgt sein Netzwerk Hunderte abgelegene Siedlungen kostenlos mit Internet. Mahabir wurde dafür mit dem asiatischen Nobelpreis ausgezeichnet.

Er nahm mich mit in sein Heimatdorf westlich des Annapurnamassivs. Straßen gibt es dort nicht, wir wanderten zwei Tage lang steil bergan durch Reisfelder, Orangenhaine und Rhododendron-Wälder. Mahabir stapfte mir schweigend voran, mit seinem Wanderstab und dem Rucksack unter dem Anorak erinnerte er an einen buckligen, griesgrämigen Meister Yoda. Mit der Zeit jedoch verstand ich, dass der erste Eindruck mich getäuscht hatte: Mahabir war gar nicht schlecht gelaunt, sondern nur beschäftigt. Unablässig grübelte er darüber nach, wie sich der Verfall der Bergdörfer aufhalten ließe: mit Wein- und Olivenanbau, Tourismus, dem Verkauf von Handwerkswaren übers Internet, dem Onlinestudium für Jugendliche ...

Mahabir hat das Erdbeben überlebt. Im vierten Stock eines Hauses in Kathmandu suchte er Schutz unter einem Türrahmen und hatte Glück: Das Gebäude stürzte nicht ein. Schon wenige Tage nach der Katastrophe postete er einen Spendenaufruf im Internet.
Johannes Strempel

Weitere Texte aus dieser Reihe lesen Sie in der ZEIT Nr. 19 vom 7. Mai 2015.