Ein junger Schweizer steht auf dem roten Teppich des Zurich Film Festivals. Es ist das Jahr 2009. Der Schauspieler ist der Star des Actiondramas Im Sog der Nacht, einer Deutsch-Schweizer Co-Produktion, und jetzt ist er das Zentrum des Teppich-Schwarms. Auf ihn richten sich die Kameraobjektive, in seiner Gegenwart ist es die entscheidenden Grade heißer. Der übrige Hauptcast ist nur Staffage. Der Junge hat die Lässigkeit, die in Cannes oder Berlin das Ergebnis eines Schauspieler-Coachings ist.

Doch Nils Althaus hat seine Lässigkeit nicht angelernt. Er hat sie sich selbst beigebracht. Er hat sie schon immer gehabt. Der 28-Jährige ist groß, er ist blond, er ist der Publikumsliebling. Zwar erkennt ihn keiner, doch alle kennen ihn, sein Gesicht stammt aus dem Musterkatalog von Hollywood. Es ist das Gesicht von James Dean – überzogen mit einer Berner Milchhaut. Diese Fähigkeit, ohne "Posen und Verzerrungen" auszukommen, macht ihn für großen Joachim Rittmeyer zum vielversprechendsten Nachwuchstalent des Schweizer Kabaretts.

Die Sendung Boxoffice des Schweizer Fernsehens stellt später fest: Nils Althaus ist der "Schweizer Jungstar" des Filmjahres 2009. Er selbst sagt der Presse: "Ich weiß, was ich will: Ich will alles." In seiner Kolumne im Filmbulletin proklamiert er die "Pflicht des Schauspielers, sich einzumischen". Exemplarisch die Vorbereitung zum Dreh von Im Sog der Nacht, als sich der Hauptdarsteller drei Tage lang in einer Wohnung einschließt und das Drehbuch umpflügt. Beinahe ein Drittel der Dialoge fand dabei keine Gnade. Nils Althaus erklärt im Schweizer Fernsehen die Unterschiede zwischen Schweizer und deutschem Film: "Radikal, direkt, ohne Umschweife" sei der Letztere. Es sind Adjektive, die er auch sich selbst abverlangt.

Fast sechs Jahre später sitzt Nils Althaus in einem Abfertigungsrestaurant im Berner Hauptbahnhof und trinkt etwas, was nach Apfelsaft schmecken soll. Er trägt schwarze Sport-Baumwolle, dazu eine schwarze Wollkappe, er wirkt jetzt wie ein resozialisierter Gangsta-Rapper. Auf dem Weg durch die Bahnhofshalle, man geht dem Lokalkundigen hinterher, wiegt er sich in den Hüften, dass man sich am Treppengeländer festhalten muss. Mädchen blicken ihm nach. Da geht ein Beau.

Er kann vieles, nur eines nicht: Kompromisse machen

Was kann er dafür? Althaus hat die Gene zum Glück. Zum Unglück der anderen. Denn sechs Jahre nach seinem Auftritt auf dem roten Teppich ist Nils Althaus eine der größten Enttäuschungen der jüngeren Vergangenheit des Schweizer Films. Und daran trägt er selber Schuld: Er hat sich gegen Ruhm, Ruf, Rendite entschieden. Der Selfmade-Schauspieler, eine Entdeckung der Schweizer Casting-Expertin Corinna Glaus, dem man bereits eine internationale Karriere vorausgesagt hatte, als er 2007 zum ersten Mal vor der Kamera stand und mit Mike Eschmanns rohem Jugenddrama Breakout zur Berlinale eingeladen worden war, er entschied sich für sich selber. Nach Breakout und nach der offiziellen Auszeichnung zum Schweizer "Shootingstar 2007" riet man ihm, den Wohnsitz von Bern nach Berlin zu verlegen. In Berlin steppt der Bär, in Bern schläft er. Althaus lehnte dankend ab. Denn er kann vieles, doch eines kann er nicht: Kompromisse machen. Er will kein "ausführender Dienstleister" sein. Eine Filmrolle zu spielen ist für ihn nur eine Möglichkeit unter vielen, zu tun, was ihn interessiert. Seine Entscheidung gegen Berlin war die Entscheidung für Unabhängigkeit und den Wunsch, sein kreatives Ding selbst in der Hand zu behalten.

Dem Sohn eines Architekten und einer Russischlehrerin fällt leicht vieles zu. Und leicht wechselt er von einem Berufsfeld zum anderen. Was er eigentlich ist, weiß sein Publikum nicht und muss es nicht wissen; es sieht und hört, was er kann: Althaus hat von seinem musisch begabten Vater als Kind die ersten Griffe auf der Gitarre gelernt. Zehn Jahre lang spielte er Cello. Und es gibt wahrscheinlich keine Sportart, die er nicht schon einmal begonnen hätte, um sie wieder aufzugeben. Weil ihn alles langweilt, was er beherrscht.