Die Laute und der Stille

Wenn ein Mann sich in eine Frau verliebt, die seine Mutter sein könnte, sollte er nicht erwarten, dass sie ihm ihr wahres Alter verrät. Sie wird es womöglich für sich behalten, vielleicht ist das gut so. Als der Schriftsteller Raymond Chandler seine Cissy heiratete, im Februar 1924, war er 35 und sie 53, aber im Trauschein log sie zehn Jahre herunter. Als er seinen ersten Roman schrieb, The Big Sleep, da war er Ende 40, und sie ging auf die 70 zu. Chandler wurde berühmt, Cissy wurde bettlägerig, doch er blieb ihr treu. In den Jahrzehnten ihrer Ehe waren sie fast nie getrennt. Jeden Nachmittag tranken sie gemeinsam Tee, abends hörten sie im Radio das Klassikkonzert, ein Künstler und sein alterndes Ein und Alles. Es war eine Liebesgeschichte, so groß wie unwahrscheinlich.

Die Suche nach dem Geheimnis dieser Liebe muss natürlich nach Los Angeles führen – in die Stadt, in der Raymond und Cissy lebten und wo auch Chandlers Romanheld zu Hause ist, der supercoole und supermännliche Privatdetektiv Philip Marlowe. Und weil Raymond und Cissy schon ein halbes Jahrhundert tot sind, beginnt die Suche an dem Ort, der große Autoren unsterblich macht, im Archiv. "Bitte sehr", sagt die freundliche Dame im Keller der University of California und stellt eine Pappschachtel auf den Tisch, den Chandler-Nachlass, Box "Nr. 1".

Aus der ersten Plastikhülle fällt gleich dieses Foto: eine voluminöse Schönheit, das Kleid tief ausgeschnitten, die ehemals roten Haare blondiert. Sehr vital und ein wenig halbseiden wirkt sie. Cissy muss ein Ereignis gewesen sein, damals um 1915, als sie Raymond kennenlernte. Ihren "Raymio". So nannte sie ihn.

Er: jung und schüchtern. Gerade aus England eingewandert, im Herzen noch der viktorianische Schuljunge. Sie: ein früheres Aktmodell und It-Girl der Künstlerszene. Er träumte vage von einem Leben als Literat, trug altmodische Tweedjacketts und fürchtete sich vor Frauen wie vor exotischen Raubtieren. Sie langweilte sich in ihrer zweiten Ehe. Die beiden waren wirklich sehr verschieden.

Sie begegneten einander im Haus eines reichen Anwalts, Raymond hatte ihn auf dem Schiff nach Amerika kennengelernt. Komm nach L.A., hatte der Anwalt gesagt, ich besorge dir einen Job. Raymond kam. Als Erstes holte er seine Mutter nach, den Menschen, um den sich zu dieser Zeit sein Dasein drehte. Er war ein Einzelkind, und sein Vater, ein trinkender Versager, hatte die Familie früh verlassen.

Mutter und Sohn waren froh, als sie in der neuen Heimat Anschluss an einen Freundeskreis fanden, der sich freitagabends im Haus des Anwalts traf. Raymonds Mutter verstand sich gut mit Cissy und deren Ehemann, sie waren ja fast gleich alt; Raymond verbrachte viel Zeit mit Cissys Stiefsohn. Es gab die Älteren, es gab die Jüngeren, und dann gab es plötzlich dieses Paar, das alle Grenzen sprengte. Die laute, glitzernde Cissy und der stille Raymond. Großes Theater. Was muss das für ein Skandal gewesen sein. Im Archiv finden sich leider keine Zeugnisse darüber, aber es dürfte Cissy gewesen sein, die Raymond mit ihrer Zuneigung attackiert hatte.

Quälende Aussprachen im Stuhlkreis, Was-nun-Debatten, Ringen um eine Lösung. Bis Cissy verkündete: Ich liebe nun mal Raymond mehr als meinen Ehemann, was soll ich machen? Damit war klar, sie würde die Scheidung bekommen und ihren Raymio dazu.

Chandler blieb zunächst bei seiner Mutter, die nicht erfreut war über den neuen Lebensmittelpunkt ihres Sohnes. Sie erkrankte an Krebs, Raymond war ihr treu, er pflegte sie bis zum Ende. Sie musste erst sterben, damit er seine Erfüllung finden konnte. Man kann sagen, Raymond Chandler ersetzte die eine Frau seines Lebens durch eine andere. Die Mutter durch die mütterliche Liebhaberin.

Heute fällt es schwer, Cissys Gedanken und Gefühlen nachzuspüren. Man wüsste gern, was sie an diesem jungen Mann fand, an den sie ihr Herz verlor, aber die Chandlers bekamen keine Kinder, die man fragen könnte, und Raymond ließ die gesamte Korrespondenz mit seiner Frau verbrennen. Er wollte die Intimitäten dieser Ehe nicht mit der Nachwelt teilen. Das Einzige, was er von Cissy aufbewahrt hat, ist ihre Rezeptesammlung.

Raus also aus dem Archiv, nach Downtown Los Angeles. Dort steht eine zierliche Frau Mitte sechzig vor einem heruntergekommenen Bürogebäude mit neoklassizistischer Fassade, einem dieser düsteren Klötze, wie man sie in den 1920er Jahren baute. Judith Freeman presst ihr Gesicht an eine trübe Glasscheibe und blickt in die Ruine einer Lobby, bedeckt vom Staub der Zeit. Hier habe Raymond Chandler nach seiner Heirat mit Cissy acht Jahre lang gearbeitet, erzählt Freeman. Chandler war damals Manager in einer Ölfirma. "Nichts, was seiner Ehe besonders guttat", sagt Freeman.

Es braucht jemanden wie diese Judith Freeman, um Cissy vor dem Vergessen zu retten – eine Autorin von Romanen, früher selbst mit einem sehr viel älteren Partner zusammen; eine Frau, die besessen ist von der Suche nach dem, was Cissy ihrem Mann zu geben hatte. Sehr viel, glaubt Freeman. Sie hat jahrelang alle Spuren verfolgt, hat ihre Vorstellungskraft eingesetzt, wo die Lücken anders nicht zu schließen waren, und hat dann ein wunderbares Buch über die Chandlers geschrieben. Es heißt The Long Embrace, und man wünscht sich, es könnte bald auf Deutsch erscheinen.

Und wie war das mit dem Sex?

Judith Freeman ist die Frau, der man die Fragen stellen muss, die man so hat als junger Mann von heute. Wusste Chandler wirklich nicht, wie alt Cissy war? Alles sieht danach aus, erwidert Freeman. Aber später, als der körperliche Verfall unübersehbar wurde und Cissy ans Bett gefesselt war, muss er es geahnt haben. Vielleicht kam es zu einer Szene; oder Raymond blieb im Nebel stecken, irgendwo zwischen Ahnen und Nichtwissenwollen.

Und wie war das mit dem Sex?

Hier fällt die Antwort leicht. Als sage sie ein Gedicht auf, zitiert Freeman die Erinnerung eines Zeitzeugen: "Cissy war ein Phänomen. Sie sah zwanzig Jahre älter aus als er und zog sich an, als wäre sie dreißig Jahre jünger." Am Anfang müssen sie verrückt nacheinander gewesen sein. Cissy hatte ein ganz in Rosa gehaltenes Boudoir von etwas hurenhafter Anmutung. Die Hausarbeit verrichtete sie nackt – gut für die Fitness, fand sie. Sie war so vertraut mit ihrem Körper, dass sie Raymond wie eine Wunderfigur erschienen sein muss. Sie bot dem verklemmten Spätzünder eine Sinnlichkeit, zugänglich durch Alter und Erfahrung. Nach allem, was man weiß, erlebte er mit ihr sein erstes Mal.

Ihre Haut war glatt wie Porzellan. Sie sprach mit falschem englischen Akzent, fing Streit mit den Nachbarn an und lachte die Erdbebengefahr von Los Angeles weg. Viele werden den Kopf über sie geschüttelt haben, Chandler fand sie "pretty hot", ziemlich sexy. Cissy öffnete ihm eine neue Welt; er stürzte sich hinein wie ein wild gewordener Teenager. Dabei machte er zwei interessante Entdeckungen, den Alkohol und jüngere Frauen.

Judith Freemans Erzählung kehrt nun zu diesem verfallenen Bürohaus zurück, wo Chandler zunächst Ölpumpen managte.

Die 1920er Jahre waren Zeiten eines irren Booms, aber es waren keine guten Jahre für Raymond. Je mehr Geld und Karriere er machte, desto stärker geriet ihm alles ins Wanken. Drama, Suff, verlorene Wochenenden mit der billigsten aller Affären, dem office girl.

Der mächtige Mann und die in allen Belangen unterlegene Anfängerin, das war damals das Standardmodell (und ist es bei manchen noch heute). Es schien, als würde Chandler versuchen, das zu tun, was alle Welt von ihm erwartete. Er testete aus, wie es wäre, die Rolle des Herrschers zu spielen. Unabhängig und stark. Bedingungsfrei bewundert. Ohne Gegenrede, ohne fremde Wünsche. Geschenkt.

"Uns geht’s gut, vor allem Cissy, die in der Quelle der ewigen Jugend gebadet hat"

Warum nur kehrte er, nach Absturz und Rauswurf bei der Firma, zu seiner 18 Jahre älteren Ehefrau zurück? Ihre Anziehungskraft muss groß gewesen sein wie die der Sonne. Und er, der Planet, der sie umkreiste, konnte nicht aus seiner Bahn. Er brauchte sie jetzt mehr denn je, nur sie konnte ihm helfen, er wollte Schriftsteller werden.

Am 12. August 1933, Chandler war schon 45 Jahre alt, berichtete er einem Bekannten über erste Versuche. Man kann den Brief im Archiv in Händen halten, Schreibmaschinenschrift auf gelbem Papier: "Du wirst lachen, wenn ich dir sage, was ich schreibe. Ich mit meiner romantischen und poetischen Ader. Ich schreibe Kriminalgeschichten."

Chandler belegte einen Schreibkurs für Anfänger, bei dem es Hausaufgaben gab und Noten. Er war wieder ein Schuljunge, der Einsen und Zweien heimbrachte, behütet von Cissy, und der sich in einem Schuljungen-Genre übte, der Pulp-Fiction. Man konnte gutes Geld verdienen, wenn man Storys über Detektive oder Spione an Zeitschriften verkaufte – Fast-Food-Literatur, schnell zu lesen und schnell wieder zu vergessen.

Ein Jahr lang arbeitete Raymond Chandler an seiner ersten Story, Erpresser schießen nicht. Dann, als er genug Zutrauen besaß, schrieb er The Big Sleep. Der erste Auftritt des Privatdetektivs Philip Marlowe. Der Moment, in dem Pulp-Fiction sich in große Kunst verwandelte.

Heute kennt man diesen Typ aus tausend Krimis und Filmen und Serien, aber Raymond Chandler kann ja nichts dafür, dass seine Erfindung so oft imitiert worden ist – Philip Marlowe, der Durchblicker im Trenchcoat, dem immer der richtige Spruch einfällt. Marlowe, der Mann mit seiner Whisky-Melancholie und seinem Zynismus: Die Welt ist krank, du bist auf dich allein gestellt, weil die Polizisten korrupt sind und die Reichen verkommen und die Politiker alles zusammen. Mit Philip Marlowe erobert der Sheriff-Mythos des Wilden Westens die mean streets, die verkommenen Straßen der Großstadt.

Die Marlowe-Romane sind bevölkert von schönen jungen Frauen, die hässliche Dinge tun, zum Beispiel Männer ermorden. "Man kann auch von was anderem als Alkohol einen Kater haben", sagt Marlowe/Chandler. "Ich hatte einen von den Frauen. Sie machten mich krank."

Alle Frauen wollen Marlowe, und er steht unter ihrem Bann, doch leistet er sich die Coolness, ihnen nicht zu erliegen. Stattdessen rettet er sie vor dem Bösen in der Welt. Oder die Welt vor ihnen. Wie absurd, dass ausgerechnet Chandler diesen unabhängigsten aller Helden schuf – Philip Marlowe hat keine Familie und keine Heimat, Raymond Chandler hatte Cissy, das macht den Unterschied. Er, der sich selbst als "unerträgliche Mischung aus äußerlicher Schüchternheit und innerer Arroganz" bezeichnete und seiner Cissy so viel beweisen wollte wie ein kleiner Junge einer strengen Mama, er erfand in Marlowe eine Sehnsuchtsversion seiner selbst.

In diesen Jahren, den besten seines Lebens, gab es für Chandler nur zwei Personen: Cissy und Marlowe. Die Mutterfrau und den einsamen Helden. Ein Brief aus dem Archiv: "Uns geht’s gut, vor allem Cissy, die in der Quelle der ewigen Jugend gebadet hat ... Ich kann mir keine Zeit vorstellen, in der wir alt sein werden, auch wenn das, mathematisch gesprochen, unausweichlich ist." Als er dies schrieb, war Cissy 67.

Sie lebten ganz für sich. Machten auf Romanze, verabredeten sich zu Dates. Zum Hochzeitstag füllte er ein Zimmer mit Rosen und schenkte ihr Parfum. Er schrieb ihr Gedichte, über die Philip Marlowe nur müde gelächelt hätte:

Du hast mir die Nacht und den Morgen gegeben,

Die Stille deiner Augen, deine weichen Lippen,

Das Murmeln deines Herzens, so ruhig wie die See,

Was habe ich dir gegeben?

Cissy entschied, dass keine Fotos mehr von ihr gemacht werden dürfen. Es ist, als habe sie die Zeit einfrieren wollen.

Sonnenschein allein macht nicht glücklich

Sie waren so entwurzelt, wie man nur sein konnte, und sie waren nicht die Einzigen. Millionen Amerikaner kamen damals nach L.A., das sich als "neueste Stadt der Welt" verkaufte, als Paradies unter Palmen. Aber L.A. war auch eine verlorene Stadt. Hier herrschte die Mafia, die Falschen wurden über Nacht reich, und es gab grausame Mordserien. Den Zuzüglern hatte L.A. vor allem eines zu bieten: Einsamkeit. Man konnte – und kann – hier lernen, dass Sonnenschein allein nicht glücklich macht.

Chandler ließ es Nacht werden in L.A., bei ihm steigt das Böse aus dem Unterbewussten der Stadt. Alle sieben Marlowe-Krimis spielen hier, deshalb ist es großartig, mit Loren Latker durch die Gegend zu fahren. Latker hat alle Orte in L.A. gefunden und kartiert, an denen die Chandlers lebten. Er ist ein Literaturexperte, dessen Denken um Daten und Adressen kreist. Er arbeitete auch schon als Autor – aber für technische Bedienungsanleitungen: Er habe das Asperger-Syndrom, erzählt er.

Latker, Ruheständler in weißen Turnschuhen, steuert seinen Wagen durch den Nachmittagsverkehr. Brentwood, Hollywood, Beverly Hills, die Chandlers wohnten überall. Latker hat mehr als 35 Umzüge nachgewiesen. Alle paar Monate brachen Raymond und Cissy die Brücken ab, so wie Bonnie und Clyde, die ihre Symbiose ohne äußere Einflüsse erhalten wollten – packten ihre paar Sachen und die Perserkatze Taki ins Auto und mieteten etwas Neues, irgendwo in der endlosen Stadt.

Haus um Haus zeigt Latker. Viele kleine Bungalows, der Vorgarten ein Streifen Rasen, so unspektakulär wie der nebenan. Heute leben hier andere Menschen. Erinnert denn kein Gedenkort an den größten Stadtschreiber von L.A.? Da lacht Loren Latker so dreckig wie Philip Marlowe. "Diese ganze Stadt ist ein Chandler-Museum, mein Junge. Die ganze Stadt."

Dann fährt er auf die Hügel, wo die unverschämten Paläste stehen, in denen bei Chandler die Reichen mit ihren kaputten Ehen wohnen. Er zeigt den Sunset Strip, wo Chandler die Zuhälter und ihre Mädchen aufmarschieren lässt, und er zeigt Santa Monica, früher ein kleines Dorf, wo die Spielhöllen standen. Chandler: "Um über einen Ort zu schreiben, muss man ihn lieben oder hassen. Oder beides, wie bei einer Frau."

Latker fährt auch zu den Studios, denn natürlich wussten sie damals in Hollywood, was für ein Genie dieser Chandler war. Sie gaben ihm so viel Geld, dass er nicht Nein sagen konnte, dann gaben sie ihm ein Büro bei Paramount, der Zimmernachbar ein gewisser Billy Wilder. Zusammen schrieben die beiden Frau ohne Gewissen, den ersten bedeutenden Film noir – das ganze Genre lebte von Philip Marlowe und seiner Suche nach Gerechtigkeit in einer gefühlskalten, fremden Stadt.

In Hollywood tauchte Raymond aus dem zweisiedlerhaften Leben mit Cissy auf. Keine gute Idee. Es war wie zuvor in der Ölindustrie. Er trank. Verfolgte die Sekretärinnen, so lange, bis sich eine erbarmte. Was für ein trauriger Anblick: ein nervöser Mittfünfziger mit Pfeife, dessen Anzüge nach Motten riechen und der mit zittriger Stimme Frauenwitze erzählt. So haben sie ihn erlebt, damals in Hollywood. Billy Wilder hat später in einem Interview berichtet, dass Raymond versuchte, nicht mit Cissy gesehen zu werden, wenn sie mal im Studio vorbeischaute.

Frage: "Warum?"

Wilder: "Weil sie eine grauhaarige Lady war."

"Also hat er sich für sie geschämt?"

Wilder: "Leute haben ihn angesprochen: ›Oh, das ist Ihre Mutter?‹ So was halt."

"War sie eine Art Mutterfigur?"

Wilder: "Nein. Sie war das Inbild einer Mutter. Sie sah aus wie eine Mutter."

Die wahre Muse ist mütterlich

Vieles an dieser Ehe war Chandler jetzt peinlich, bestimmt auch die eigene Bedürftigkeit. Cissy muss ihm Stabilität gegeben haben. Vielleicht braucht einer wie Chandler so eine Frau, die ihm sagt, was er tun soll. Die weiß, worauf es ankommt, und den Alltag am Laufen hält; die dabei hilft, sich weniger verloren zu fühlen in der Welt. Und deren Klugheit und Witz man für das, was man erschafft, ganz gut verwenden kann. Die gute mütterliche Ehefrau ist immer auch eine intellektuelle Partnerin.

So eine Frau sollte keine Kopie der eigenen Mutter sein. Raymond Chandler wurde von einer alteuropäischen Spießerin aufgezogen und heiratete eine laute, blondierte Männerfresserin. Es geht nicht darum, die kindliche Verschmelzung mit der Mama nachzuspielen. Einmal erlebte jemand, wie Cissy mit dem Auto einem Polizisten über den Fuß fuhr. Mehrmals, immer aus Versehen. Der Polizist war sehr wütend. Aber Cissy schaffte es, den Polizisten mit ihrem Charme zu fangen, und am Ende wollte er sie nicht mehr gehen lassen.

Deswegen liebte Chandler diese Cissy. Sie spendete ihm all das, was ihm fehlte. Sie komplettierte ihn. Auf den Bildern, die in Ausstellungen hängen, sieht man Musen immer als junge Frauen dargestellt, aber das ist natürlich lebensfremd.

Die wahre Muse ist mütterlich.

Er bettelte um Verzeihung wie ein Hund. Sie zogen weg aus L.A., es war eine Flucht vor den Dämonen dieser Stadt. Im Herbst 1946 kauften sie ein Haus im reichen Küstenort La Jolla nahe San Diego. Vor ihnen lag der Ozean, Chandler hasste ihn. "Zu viel Wasser. Zu viele Ertrunkene."

Cissy war jetzt krank. Ihre Lungen vernarbten, das kam vom vielen Rauchen. Bronchitis, Erschöpfung, flacher Atem. Jahrelange Qual, Ersticken in Zeitlupe. Raymond kochte und kümmerte sich, so wie er sich um seine sterbende Mutter gekümmert hatte. Nachts saß er in seinem Arbeitszimmer, trank und schrieb Briefe: "Ich bin ganz kaputt vor Sorge um meine Frau ..."

Kein einziges seiner Bücher hat Chandler Cissy gewidmet; sie waren es nicht wert, fand er. Kurz nachdem er sein düsterstes Meisterwerk fertig hatte, The Long Goodbye, starb Cissy im Alter von 84 Jahren. "Ich schloss ihre Augen und küsste sie und ging weg." Noch jetzt spielt er den Komplizen ihres Geheimnisses: Als er den Totenschein ausfüllt, macht er sie zehn Jahre jünger.

Er ertrug es nicht ohne sie. Legte sich nachts in ihr Bett. Schloss sich im Badezimmer ein und drohte mit Selbstmord. Aus den Briefen im Archiv schreit es nach Hilfe: Sie war dreißig Jahre lang mein Herzschlag, schreibt er, sie war das Licht meines Lebens, die Musik an der Schwelle des Hörbaren. "Alles, was ich erreicht habe – es war nur ein Feuer, an dem meine geliebte Frau ihre Hände wärmen konnte."

Zu ihrer Einäscherung kam er besoffen. Jetzt fing er richtig hart an zu trinken, verkaufte das Haus. Ein Kreis mitleidiger Frauen adoptierte ihn wie ein Waisenkind; sie führten ihn zum Essen aus, er glaubte, es seien Dates. Er fantasierte viel von Sex, schrieb pornografische Gedichte (leider schlechte) und machte im Suff jeder zweiten einen Heiratsantrag. Er war ein kleiner Junge ohne Zuhause.

Als Chandler im März 1959 einen einsamen Trinkertod im Krankenhaus starb, hatte er keine fünf Jahre ohne Cissy durchgehalten. Zu seiner Beerdigung erschienen 17 Personen. Sein letzter Wunsch war ein Grab neben ihr. Weil er selbst aber unfähig gewesen war, sich um ihre Beisetzung zu kümmern, lag Cissys Asche viele Jahrzehnte lang in einer Metallbox, und die stand in einem Abstellraum der Friedhofsverwaltung von San Diego. Und dort stünde sie noch heute – hätte nicht Loren Latker, der Chandler-Experte und Asperger-Autist, Anfang des neuen Jahrtausends im Internet eine Frau kennengelernt.

Sie heißt Annie und ist immerhin vier Jahre älter als er – eine kluge, warmherzige Psychologin, die diverse Hollywoodstars therapiert und Prominentenehen repariert hat. Loren und Annie, noch eine unwahrscheinliche Ehe. Gefühle zu zeigen fällt ihm schwer. Er wollte ihr aber etwas beweisen. Deshalb sein Plan. Es brauchte einen mehrjährigen juristischen Kampf (unter Mithilfe einer bekannten Anwältin, der Tochter von John Wayne), dann kam der Valentinstag 2011, an dem Loren mit Annie nach San Diego fuhr, den gleißenden Ozean entlang.

An diesem Sonnentag, der nach Eukalyptus und Jasmin roch, versammelte sich eine kostümierte Gesellschaft auf dem Friedhof. Frauen und Männer, Kleider und Hüte aus den 1930ern, Oldtimer und ein Pfarrer, der Krimis mag. Sie legten Cissys Urne ins Erdreich über seinen Sarg, Cissy über Raymond, das erschien ihnen passend. Loren Latker hielt die große Rede seines Lebens, dann spielte eine Brassband.

Es ist idyllisch hier draußen. Ein Koyote schleicht über den Hügel hinter dem Grab, das hätte Chandler/Marlowe gefallen. Jemand hat einen Strauch gepflanzt, und ständig kommen Unbekannte und stellen Blumen auf. Der einsame Detektiv Marlowe und sein fast ebenso einsamer Schöpfer begeistern Fans auf der ganzen Welt; Loren Latker erhält Briefe aus Deutschland und Finnland, und selbst in Japan lieben sie Chandler, Haruki Murakami hat ihn übersetzt.

In die Grabplatte ließ Latker einen Marlowe-Klassiker gravieren: Dead men are heavier than broken hearts. Der Tod wiegt schwerer als die Liebe, sagt Marlowe, aber hat er recht?

Heute lebt niemand mehr, der Cissy kannte, und kaum noch einer, mit dem Raymond zu tun hatte: In seinem Haus in L.A., das sich an die Hänge eines Canyons krallt, sitzt der Maler Don Bachardy. Ein kleiner, koboldhafter Mann von 80 Jahren. Bachardy kichert, als er erzählt, wie er einmal ein Wochenende mit Raymond verbrachte, an einem Hotelpool im Ferienort Palm Springs.

"Er war so ein mürrisches altes Ding. Einer von diesen Menschen, die ihre Schüchternheit verbergen, indem sie rumpoltern. Ich sehe ihn vor mir, in diesem Badeanzug mit Gürtel, der schon damals schrecklich altmodisch war."

Er hatte eine viel ältere Ehefrau, Mister Bachardy.

"Er brauchte Trost und Liebe. Er wollte halt bemuttert werden. Aber: Wollen das nicht alle Männer?"

Malte Henk ist Redakteur im Ressort Dossier