Albert Einstein antwortete auf die Frage, wo er am liebsten sterben möchte: In der Schweiz, weil dort die Sachen immer mit 20 Jahren Verspätung passieren. An den Spruch habe ich mich erinnert, als ich das Positionspapier des Bundesrates zur gesellschaftlichen Verantwortung der Unternehmen in die Hände bekam. Denn das Gelesene kam mir nur allzu bekannt vor. Vor sechs Jahren hatte ich das Vorwort für die italienische Übersetzung eines Buches des Ökonomen David Henderson verfasst; im Original war The Role of Business in the Modern World bereits 2004 erschienen. Es war eine heftige Kritik an der Idee der unternehmerischen Verantwortung, der Corporate Social Responsibility (CSR), diesem globalen Heilsversprechen.

Und nun, elf Jahre später, will der Bundesrat also die Schweizer Unternehmen in die Pflicht zum Weltretten nehmen. Die Aufgabe eines Unternehmens sei es, einen Beitrag zu einer besseren Gesellschaft zu leisten. Das ist unkorrekt, unvollständig und führt zu Verwirrungen. Die allererste Aufgabe eines Unternehmens ist es: Reichtum zu schaffen. Punkt. Doch auf den 48 Seiten des Positionspapiers wird dies kein einziges Mal erwähnt.

Dabei ist Profit nicht unanständig, nein, er ist die notwendige Voraussetzung, damit Reichtum überhaupt verteilt werden kann. Ja, wenn eine Firma Profite einfährt, bedeutet das: zufriedene Kunden, Arbeiter, die einen regelmäßigen Lohn erhalten, gute Arbeitsbedingungen, bezahlte Lieferanten- und Steuerrechnungen sowie genügend Mittel für Kultur- oder Sportsponsoring oder karitative Initiativen.

All das geschieht bereits heute. Mit den bestehenden Gesetzen und unter dem Druck der Konsumenten, die wissen wollen, unter welchen Bedingungen ihre Einkäufe produziert wurden.

Wer also steckt hinter dem Positionspapier? Es sind die Feinde der Marktwirtschaft, die sich in Anbetracht der bekannten Pleiten nicht mehr erlauben können, andere dirigistische Systeme zu empfehlen. Hinter dem Wunsch nach mehr Corporate Social Responsibility verstecken sie ihre grundsätzliche Abneigung gegen den Kapitalismus. Und ihre Forderungen haben sie ganz bewusst unglaublich schwammig formuliert, damit sie die Unternehmen nach Belieben drangsalieren können.

So steht im Papier geschrieben: "Der Bundesrat erwartet von den Unternehmen, dass sie in der Schweiz und überall wo sie tätig sind, ihre gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen." Schön und gut. Aber Unternehmen können ebenso wenig wie Bürger oder Beamte keine Erwartungen einer Regierung erfüllen. Sie können Gesetze befolgen – und tun, was ihnen im Rahmen derselben erlaubt ist.

Das ist jedoch nicht die seltsamste Idee im bundesrätlichen Papier. Noch schlimmer sind die Versuche, den Unternehmen Aufgaben zu übertragen, die eigentlich der Staat erledigen sollte. Regierungen können von Firmen nicht die Einhaltung von Menschenrechts-, Korruptions-, Kinderarbeits- oder Arbeitsstandards erwarten, solange sie mit Diktaturen, die sich um ebendiese Standards foutieren, hochoffiziell gute Beziehungen pflegen.

Oder nehmen wir die Kinderarbeit. Klar, sie ist grausam. Aber was tun, wenn in einem Land die Mehrheit der Kinder, die nicht arbeitet, in der Kleinkriminalität und Kinderprostitution landet?

Kurzum: Jedem seine Aufgabe. Die Unternehmen sollen – im Rahmen der Gesetze und der Sittlichkeit – Reichtum schaffen. Das liegt in all unserem Interesse. Der Staat hingegen erlässt, wenn notwendig und nützlich, Gesetze, die nicht nur Unternehmen, sondern wir alle befolgen müssen. So geht das. So einfach ist der Kapitalismus.

Nächste Woche in unserer Kolumne "Nord-Süd- Achse": Die Basler SP-Ständerätin Anita Fetz