Zunächst begriff die junge Mutter nicht. Sie wartete im Supermarkt an der Kasse und blickte ihre Nachbarin verdutzt an. Zwischen den beiden Frauen stand ein Kinderwagen und die sehr indiskrete Frage jener Nachbarin: "Von wem ist dein Kind jetzt eigentlich?"

Das war sehr unverschämt, dennoch arglos. Hatte die Schwiegermutter der jungen Frau doch zuvor gegenüber jener Nachbarin allerhand Mutmaßungen angestellt, ihr Sohn sei nicht der Vater dieses Kindes. Der habe nur ein gutes Herz und halte deshalb als Versorger her für den Balg der Schwiegertochter, die, nun ja, eine Schlampe sei. So geht die Geschichte der Schwiegermutter, die sie nicht nur gegenüber der Nachbarin zum Besten gegeben, sondern allen Bekannten im Ort erzählt hatte. Allen – außer der Schwiegertochter selbst. Die stellte zu Hause ihren Ehemann zur Rede, der schließlich eingestand: Auch er hatte es gewusst. Damit war seine Ehe zu Ende.

An Schwiegermüttern wie dieser arbeiten sich Ratgeberbücher im Dutzend ab. Unter Titeln wie Liebe böse Schwiegermutter, Der Tiger und die Schwiegermutter, Wege aus der Schwiegermutterfalle wird die Mutter des jeweiligen Ehepartners als Problem diskutiert, so wie schon in den Märchen der Brüder Grimm – mit dem Unterschied, dass Verbrennen heute keine Lösung mehr ist. Die böse Schwiegermutter bleibt ein Mythos. Verbandsklammern werden "Schwiegermütter" genannt, eine Kakteenart trägt den Spitznamen "Schwiegermutterstuhl", wer zufällig an der spitzen Ecke eines Tisches zu sitzen kommt, muss – so der Aberglaube – mit "einer bösen Schwiegermutter" rechnen. Schwiegermutterwitze gibt es ohne Zahl und in allen Ländern, auch in Andalusien: "Lobe den Brunnen, in den deine Schwiegermutter gefallen ist, aber schöpfe kein Wasser daraus."

Sind Schwiegermütter also Drachen? Oder ist es so wie beim Ungeheuer von Loch Ness: Jeder hat davon gehört, aber keiner hat es persönlich gesehen?

Das Beispiel vom Anfang dieses Textes ist eine wahre Geschichte. Felicitas Heyne, 48, hat sie von der Schwiegertochter selbst gehört. Heyne ist Paartherapeutin und Diplom-Psychologin und versuchte damals, deren Ehe zu retten. Heute lebt Heyne auf Gran Canaria. Auch sie hat ein Buch über Schwiegermütter geschrieben. Hassgeliebte Schwiegermutter.

DIE ZEIT: Frau Heyne, die böse Schwiegermutter ist ein Mythos. Ist sie auch der Normalfall?

Felicitas Heyne: Nein, die meisten Schwiegermütter reden bloß überall rein. Ob das jetzt Hausarbeit ist oder Kindererziehung. Dazu kommen ständige Anrufe und Besuche. Da geht es um Ungeschicklichkeit, Temperamentsunterschiede und ganz häufig um Einsamkeit.

ZEIT: Über welche Art Frauen reden wir hier?

Heyne: Über jene, die in ihrem Leben den Akzent auf die Familie gelegt haben und im Muttersein aufgegangen sind. Bei diesen Frauen entsteht ein Riesenloch, wenn der Sohn das Haus verlässt. Der erste Halt, der sich anbietet, ist die junge Familie. Und die Böse, die den Sohn wegnimmt und vereinnahmt, das ist im Zweifel die Schwiegertochter.

ZEIT: Die Schwiegermutter fühlt sich nutzlos?

Heyne: Ja. Deshalb beginnt sie zu nerven. Wenn Kinder nicht beachtet werden, fangen sie an, Tiere zu quälen. Keiner sagt: Das Kind ist böse. Sondern man versucht es zu verstehen. So sollte es auch die Schwiegertochter bei der Schwiegermutter halten.

ZEIT: Was ist mit den Schwiegersöhnen?

Heyne: Die haben weniger Probleme. Das liegt an den Rollenbildern. Hausarbeit und Familie sind leider meist Frauensache. Schwiegermütter können sich also direkt mit der Schwiegertochter vergleichen, und die beiden haben im Alltag mehr Berührungspunkte. Der Schwiegersohn geht ins Büro und sieht seine Schwiegermutter an Weihnachten, an Geburtstagen und bei Tante Hildes Hochzeit.

Übermütter, die Angst haben, ohne Aufgabe zu sein, und deshalb ihre Söhne nicht loslassen können. Zahlen, wie viele Schwiegertöchter von solchen Frauen genervt werden, gibt es kaum. Aber die Ergebnisse, die es gibt, sind sich ähnlich. So fand vor einigen Jahren eine repräsentative Umfrage heraus, dass 28 Prozent der Ehefrauen unter ihrer Schwiegermutter leiden. Bei jeder achten Scheidung war sie der Trennungsgrund. Und in einer weiteren Umfrage wünschten sich 19 Prozent der Ehefrauen eine andere Schwiegermutter.

Das Leiden auf dem Land ist tendenziell größer. Dort sind viele Betriebe Familienunternehmen, junge Frauen heiraten in eine Firma ein, und junge Ehepaare bauen häufig auf dem Grundstück der Eltern. Beste Voraussetzungen für ein Drama, das seit Jahrhunderten aufgeführt wird und das nach Meinung von Sozialwissenschaftlern auch dem Mythos von der bösen Schwiegermutter zugrunde liegt.

Denn im Mittelalter zogen verheiratete Frauen in den Haushalt der Schwiegereltern, wo die Schwiegermutter als Lehrmeisterin und Respektsperson wirkte. Diese Hierarchie sicherte das Überleben der Familie. Sie war obendrein durch das biblische Gebot, Vater und Mutter zu ehren, legitimiert, da wurde im Mittelalter kein Unterschied gemacht zwischen Eltern, Stiefeltern und Schwiegereltern.

Der Ehemann traut sich nicht, gegen Mutti zu rebellieren

Übermutter dank Gesetz und Bibel. Das bedeutete nahezu unumschränkte Macht für die Hausherrin. Ein Zustand, der die allerbesten, aber auch die allermiesesten Eigenschaften des Menschen zutage fördert. Auf jeden Fall ein Zustand, dem die neue Tochter ausgeliefert war.

Die Situation änderte sich, als das Bürgertum im 19. Jahrhundert seine Emotionen entdeckte. Plötzlich liebte man einander auf Bühnen und in Büchern – bloß für die Schwiegermutter war die Schurkenrolle reserviert. Ob bei dem Philosophen Rousseau oder bei den Brüdern Grimm, bei denen Stief- und Schwiegermütter mit jeder neuen Auflage gehässiger und grausamer wurden.

Der prominenteste Schwiegermutter-Schwiegertochter-Konflikt jener Zeit tobte im Hause Habsburg. Kontrahentinnen waren Kaiserin Elisabeth, Spitzname "Sisi", und Kaisermutter Erzherzogin Sophie, Spitzname "Der einzige Mann am Hofe". Sophie hatte ihren Sohn Franz Joseph mit gerade 18 Jahren auf den Thron gehievt und galt als die "heimliche Kaiserin". Die Damen stritten unter anderem über die militärische Erziehung von Sisis Sohn Rudolf oder den Einfluss Ungarns. Bloß einer hielt sich aus dem Dauerkrach vornehm heraus: der Sohn und Ehemann Franz Joseph. Er widmete sich ganz seinen Pflichten als Kaiser.

ZEIT: Frau Heyne, welche Rolle spielt der Ehemann im Konflikt der Frauen?

Heyne: Der hat eine Schlüsselfunktion. Um ihn geht es ja, mit ihm will es sich die Mutter nicht verscherzen. Er kann zu ihr sagen: Wenn du meine Frau nicht gut behandelst, kriegen wir Ärger miteinander. Da rudern alle Schwiegermütter zurück. Leider gehen die Männer lieber aus dem Schussfeld.

ZEIT: Warum tun die das?

Heyne: Weil sie bequem sind, weil sie den Konflikt unterschätzen und weil sie in vielen Punkten latent Mamas Meinung sind. Das macht es auch für uns Therapeuten so schwierig: Jemand, der ein Schwiegermutterproblem im Haus hat, hat immer auch ein Problem mit seiner Ehe.

ZEIT: Welche Meinungen übernehmen die Männer von ihren Müttern?

Heyne: Alles, was die Errungenschaften aus 50 Jahren Emanzipation infrage stellt. Schauen Sie sich die Statistiken zum Thema Elternzeit an. Frauen haben auf die Hausfrau noch die Rolle der berufstätigen Frau gesattelt. Männer finden das zu anstrengend. Die wollen nach Hause kommen, die Füße hochlegen und vielleicht die Kinder ins Bett bringen. Eine Schwiegermutter, die dieses Rollenbild selbst gelebt hat, wird finden, dass man ihren Sohn nicht mit der Frage behelligen sollte, was da aus Babys Windel läuft.

ZEIT: Sagt das die Schwiegermutter auch so?

Heyne: Sie sagt, dass die Schwiegertochter zu anspruchsvoll ist. Sie stärkt ihrem eigenen Sohn den Rücken oder trägt mit der Schwiegertochter jene Konflikte aus, für die er selbst zu feige ist. Eigentlich müssten die Ehepartner über ihre unterschiedlichen Erwartungen reden. Doch stattdessen streiten sie mittels Schwiegermutter. Das ist einfacher.

ZEIT: Was kann die Ehefrau denn von dem Mann erwarten?

Heyne: Dass er Position bezieht: für sie! Als Partner ist das seine verdammte Aufgabe. Sonst ist er illoyal und unterminiert das Wirgefühl. Und das löst bei den Ehefrauen Aggressionen aus. Die fühlen sich zu Recht alleingelassen. Bei mir war mal ein Paar in der Beratung, da arbeitete er im elterlichen Betrieb mit, und die beiden lebten in einem Haus auf dem Betriebsgelände. Der Super-GAU. Die Eltern hatten alle Schlüssel. Da waren die jungen Eheleute im Bett gerade bei der Sache, und die Schwiegermutter marschierte herein und erklärte, dass es draußen regne und die Wäsche reingeholt werden müsse. Ich sagte dem jungen Mann, dass er den Eltern die Schlüssel abnehmen müsse. Das hat er nicht hingekriegt. Auch diese Ehe ist gescheitert.

ZEIT: Wieso sucht sich eine junge Frau überhaupt einen solchen Mann aus?

Heyne: So ein weicher Mann hat auch attraktive Seiten. Der hat im Mondlicht Gedichte aufgesagt.

Der Ehemann traut sich nicht, gegen Mutti zu rebellieren. Er will kein Ehemann sein, ja nicht einmal ein Mann. Er will Sohn bleiben, ein Leben lang. Frauen lassen sich heute in so einem Fall scheiden. Die Kaiserin Sisi floh seinerzeit und begab sich auf lange Reisen. Doch Sisis weniger begüterte Zeitgenossinnen litten.

Dies fand ein Team um den Evolutionsphilosophen Eckart Voland heraus. Ausgangspunkt war die Frage, welchen evolutionären Vorteil der Mensch durch langes Leben hat. Vor allem Frauen verbringen oft die Hälfte ihres Lebens im Zustand der Unfruchtbarkeit. Eine mögliche Antwort gab die "Großmutter-Hypothese": Die unfruchtbaren älteren Frauen unterstützen die Aufzucht der Enkel und garantieren den Überlebensvorteil der gesamten Familie.

Das Resultat ihrer Untersuchungen überraschte die Forscher. Sie hatten Daten aus sieben Ländern gesichtet, auch Tausende Kirchenbucheinträge aus der ostfriesischen Gemeinde Krummhörn des 18. und 19. Jahrhunderts. Das Ergebnis: Die Überlebenschancen eines Kindes stiegen signifikant, wenn die Großmutter lebte – die Großmutter mütterlicherseits. Die Mutter des Vaters hingegen war für den Säugling lebensbedrohlich. Wohnte sie auch bloß im Nachbardorf, erhöhte sich das Sterberisiko eines Kindes im ersten Lebensmonat um 60 Prozent. Wohnte sie aber im selben Dorf, erhöhte es sich um 150 Prozent.

Ein Rätsel. Handelte es sich um die Folgen tödlichen Misstrauens der Schwiegermütter? Sie konnten sich ja nie sicher sein, dass die Kinder wirklich von ihrem Sohn stammten. Energie in die Aufzucht von genetisch fremden Kindern zu stecken wäre aber Verschwendung. Um das zu verhindern, könnten die Schwiegermütter ihre Schwiegertöchter so überwacht und tyrannisiert haben, wie es die calvinistische Tradition der ländlichen Region zuließ. Eine Dauerüberwachung, die Dauerstress bedeutete.

Ein anderes Ergebnis indes ließ die Forscher an ihrer These zweifeln. Schließlich müsste das Misstrauen mit den Jahren schwinden. Doch die Zahl der Totgeburten stieg nach etwa vier Ehejahren wieder. So fanden die Forscher eine andere Erklärung: Die Schwiegertöchter wurden von der Herrscherin des Haushalts zur Feldarbeit geschickt, auch schwanger. Dazu der gesammelte Stress mehrerer Ehejahre, und eine Totgeburt war nicht erstaunlich – vielleicht sogar einkalkuliert, denn wirtschaftlich gesehen ergab die Quälerei Sinn. Eine neue Schwiegertochter ließ sich immer finden.

Eine These, zu der neuere Untersuchungen passen: Die zeigen, dass sich die Großmutter mütterlicherseits am liebevollsten um ihre Enkel kümmert. Sie ist auch meist die Favoritin dieser Enkel. Kosenamen wie "Omilein" sind für sie reserviert. Die väterliche Großmutter ist eben "die andere Oma".

ZEIT: Frau Heyne, ändern Kinder die Machtbalance zwischen den Frauen der Familie?

Heyne: Ja, denn nun ist die Schwiegermutter auf die Schwiegertochter angewiesen, wenn sie ihre Enkel sehen will. Trotzdem sagen da manche: Du machst alles falsch mit den Kindern, ich habe das ganz anders gemacht.

ZEIT: Messen Schwiegertöchter da nicht mit zweierlei Maß? Die Mutter wird um Rat gefragt, bei der Schwiegermutter heißt der Rat Einmischung.

Heyne: Damit muss die Schwiegermutter leben. Natürlich werde ich mich als Tochter zunächst an meine Mutter wenden. Niemand steht mir näher. Als Schwiegermutter mit der Mutter zu konkurrieren ist Unsinn. Ich steige ja auch nicht mit Klitschko in den Ring, nur weil ich schon mal geboxt habe.

ZEIT: Die Schwiegertöchter machen nichts falsch?

Heyne: Doch. Manche hintertreiben die Beziehung zwischen Enkel und Schwiegermutter auf furchtbare Art. Da wird das Kind krank, wenn ein Besuch der Oma ansteht. Oder die Mutter sagt: Du gehst schon wieder zu Oma? Da bin ich aber traurig.

ZEIT: Und was macht die kluge Schwiegertochter?

Heyne: Die erkennt, dass die Oma eine wichtige Ressource im Leben eines Kindes ist. Klar, sie sollte die Enkel nicht im Keller anbinden und ihnen Domestos zu trinken geben, aber ein paar Gummibärchen zu viel bringen die Enkel nicht um. Omas Rolle ist es, zu verhätscheln. Das haben wir alle von unseren Omas gekriegt. Das fanden wir alle toll.

ZEIT: Ist Toleranz grundsätzlich das Erfolgsrezept für Schwiegertöchter?

Heyne: Das Erfolgsrezept ist, der Schwiegermutter aufgeschlossen gegenüberzutreten. Nicht gleich alles persönlich nehmen, und nicht zu lange warten, wenn es wirklich was zu klären gibt.

ZEIT: Kriegen Sie das selbst immer so hin?

Heyne: Meine Schwiegermutter ist Spanierin: Wir haben uns gesehen und geliebt. Und das ist so geblieben, seit 17 Jahren. Obwohl ich ihr den Erstgeborenen weggenommen habe. Ihr Herzblättchen.