Es ist nicht schwer, in das Reich der Mütter zu gelangen, man braucht vor allem viel Zeit, denn die Reise ist lang. 24 Stunden mit dem Flugzeug von Deutschland nach Jakarta, die Hauptstadt von Indonesien. Dann zwei Stunden für den Weiterflug an die Westküste der indonesischen Insel Sumatra. Dann noch einmal zwei Stunden mit dem Geländewagen durch Wälder und über Hügel, vorbei an Häusern und Moscheen, und man erreicht das Siedlungsgebiet der Minangkabau. Eines Volkes, das Handys besitzt und Autos, Fernseher und Laptops, so wie heute fast alle Völker der Welt, und das dennoch ganz anders ist. Denn bei den Minangkabau haben seit je nicht die Männer, sondern die Frauen das Sagen, zum Beispiel Meli.

Sie ist eine schöne, 50 Jahre alte Frau und meine Gastgeberin. Meli ist Witwe, sie lebt mit ihren beiden Söhnen in einem kleinen weiß gekalkten Haus. Lächelnd stellt sie ein Curry aus Yams-Blättern, selbst gemachte Chilipaste und eine große Schüssel Reis auf den Tisch. Nach dem Essen stehe ich auf, bringe mein Geschirr zur Spüle und drehe den Wasserhahn an. Ich will mich nützlich machen. Da sagt Dravig, ein 22-jähriger Anglistik-Student, der für mich übersetzt: "Bitte stell den Teller wieder hin. Abwaschen ist Frauensache. Meli wäre beleidigt, wenn du das machen würdest."

Wie bitte? Ich dachte, dies sei das Matriarchat? Aber Dravig lächelt nur.

Etwa fünf Millionen Menschen leben im Westen Sumatras im größten noch existierenden Matriarchat der Erde. Hier stehen die Frauen, die Mütter, im Zentrum der Gesellschaft, so schreiben es Anthropologen und Feminismusforscherinnen. Die Männer stehen am Rand. Aber offenbar gilt das nicht für den Abwasch.

Woran also erkennt man ein Matriarchat? Was ist hier anders als in anderen Gesellschaften? Worin besteht die Macht der Mütter? Wie passt diese Macht mit dem Islam zusammen, der Religion der Minangkabau?

Eine Woche habe ich Zeit, das herauszufinden.

Dravig, mein Übersetzer, fährt mich auf seinem Motorrad durch Cupak, sein Dorf, in dem etwa 20.000 Menschen leben. Die Straßen sind gesäumt von Palmen und kleinen Lebensmittelgeschäften, Händler stehen vor Pyramiden aus Durians, den Stinkfrüchten, die nach Hundefutter riechen und nach Paradies schmecken. In den Gärten blühen Trompetenbäume, Bananenstauden überragen Dächer. Auf den Feldern wachsen Reis und Kaffeepflanzen, die Minangkabau exportieren Gewürze in alle Welt. Sie genießen weitgehende Unabhängigkeit von der indonesischen Regierung, hat mir Dravig erklärt.

Zwar gelten in Westsumatra offiziell die Gesetze Indonesiens, auf viele Lebensbereiche aber wird ein Gewohnheitsrecht der Minangkabau angewandt, das sich Adat nennt. Adat legt fest, was passiert, wenn ein Kind zur Welt kommt oder ein Familienmitglied stirbt, wie eine Hochzeitszeremonie abzulaufen hat und wann ein Haus verkauft werden kann. Das Siedlungsgebiet der Minangkabau wird von sogenannten Adat-Räten verwaltet. Ich habe mich mit der Vorsitzenden eines solchen Adat-Rates verabredet. Sie soll mir das Geheimnis des Matriarchats erklären.

Als ich zu der kleinen Ansammlung von Büros am Rand von Cupak komme, dem vereinbarten Treffpunkt, warten sieben Männer auf mich, einer ist von Hut bis Flipflops ganz in Schwarz gekleidet, trägt nur im Schnurrbart Grau und raucht süße Nelkenzigaretten. Die einzige Frau steht hinter einem Fenster und schießt mit ihrem Smartphone ein paar Fotos von mir, sie ist die Sekretärin. Wo ist die Vorsitzende?

Es gibt keine, erfahre ich. Oder genauer, es gibt sie schon, aber die Vorsitzende ist ein Mann, der Mann in Schwarz.

"Haben im Matriarchat nicht eigentlich die Frauen das Sagen?" frage ich.

"Es ist die Aufgabe des Mannes, ein guter Anführer zu sein", antwortet der Vorsitzende.

Ein Satz, der auch an einem bayerischen Stammtisch fallen könnte, mitten im Patriarchat. Wenn also bei den Minangkabau die Frauen den Abwasch machen und die Männer die Entscheidungen treffen, worin unterscheidet sich dann dieses angebliche Mütterreich vom Rest der Welt?

Sechs Stunden lang rede ich mit den Männern vom Adat-Rat. Sie erzählen mir, wie sie das Dorfleben regeln und dass ihre Frauen währenddessen zu Hause seien, beim Waschen, Putzen, Kochen, vielleicht träfen sie sich aber auch mit Freundinnen. "So genau wissen wir das nicht", sagt einer. Dann erklärt er mir, dass die Hausarbeit jedoch, anders als früher, nicht mehr ausschließlich in der Hand der Frauen liege. Auch die Männer der Minangkabau würden sich inzwischen um die Kindererziehung kümmern, manche könnten auch kochen. Das Matriarchat scheint weniger patriarchalisch geworden zu sein.