Morgens um acht Uhr ging die ZEIT-Anfrage an den derzeit sicherlich interessantesten Mann der deutschen Fernsehunterhaltung raus, ob ihm zum Übermann der deutschen Fernsehunterhaltung ein kurzer Satz einfalle. Um neun Uhr war die Antwort per SMS da. Jan Böhmermann schrieb über Thomas Gottschalk: "Selbst wenn er es versucht, gelingt es ihm nicht, zu verbergen, dass er die Menschen mag. Thomas Gottschalk ist der letzte echte große Fernsehentertainer Deutschlands."

Es sagt nun einiges über die Professionalität und Arbeitsdisziplin des 34-jährigen ZDF-Moderators – er ist der, der mit der Behauptung landesweit bekannt wurde, er habe den Stinkefinger des griechischen Finanzministers Varoufakis gefakt –, dass er innerhalb einer Stunde ein so herzliches Kollegenlob formuliert. Zu Markus Lanz oder Stefan Raab hätte Böhmermann sich vielleicht nicht so blitzschnell und ganz und gar unironisch geäußert – nein, es musste schon Gottschalk, dieser "letzte echte große Fernsehentertainer", sein. Interessanter Punkt: Als Lieblingsentertainer der Deutschen, als Fernsehonkel der Nation ist Gottschalk heute schon so drüber, so altmodisch, so abgemeldet – dass es irgendwie schon wieder richtig klingt und einen klugen Distinktionsgewinn verspricht, sich wohlwollend, anerkennend, fast liebevoll über ihn zu äußern. Gemütliche, heimelige alte Fernsehzeiten: Einer der Ansprüche Gottschalks, die noch aus der Urzeit der Fernsehunterhaltung, den fünfziger Jahren, stammen, war ja, dass die ganze Nation sich vor seiner Samstagabend-Show wie vor einem Lagerfeuer versammeln sollte. Und das tat sie, jahrzehntelang, da saßen Oma, Opa, Eltern, die Kinder und eben auch der schlaue Onkel Jan Böhmermann und schauten Wetten, dass..?. Am 18. Mai wird der Moderator, von dem 98 Prozent der Deutschen sagen, dass sie ihn kennen, 65 Jahre alt, in diesen Tagen ist seine Autobiografie Herbstblond erschienen. Seinen Geburtstag wird er mit "guten Freunden" wie Barbara Schöneberger, Günther Jauch und Otto Waalkes im Berliner Admiralspalast feiern.

Der Fall Gottschalk: Wenn wir ihn heute als "Großen" und "Echten" feiern – wozu man gemeinsam mit Jan Böhmermann komischerweise Lust hat –, dann darf nicht vergessen werden, wie brutal dieser Gottschalk, der beliebteste Fernsehmoderator der Deutschen, auf dem Fernsehschirm genervt hat. Eben weil es zu diesem Gottschalk von Anfang der achtziger Jahre bis etwa zum Jahr 2012, als er bei Wetten, dass..? seinen Abschied nahm, also während sagenhafter drei Jahrzehnte, keine Alternative gab. Die Gottschalk-Markenzeichen, sein haltloses Geplapper, der joviale, von wenig Vorbereitung und Sachkenntnis getrübte Umgang mit seinen Gästen, die beinharte, gepanzerte, alles plattmachende und in Grund und Boden quatschende Fröhlichkeit, waren großes Entertainment – und immer öfter, vor allem in den späten Jahren seiner Karriere, eine Qual. Nicht dass es nach dreißig Jahren heute keine Gottschalk-Show mehr gibt, ist ein Wunder; sondern wie lange die Leute diesen Gottschalk in ihre Wohnzimmer gelassen haben. Im deutschen Fernsehen hat der Entertainer derzeit keine eigene Show mehr, er ist Fernsehrentner, ein König ohne Reich: Seine Nachfolger Markus Lanz, Stefan Raab, Klaas Heufer-Umlauf und Jan Böhmermann wirken hundertfach smarter, beweglicher, ironischer, moderner, abgefuckter, cooler, als dieser Entertainer es jemals war.

In Herbstblond schildert Gottschalk seinen Aufstieg aus der Kulmbacher Provinz zum Radio- und zum Fernsehstar, im zweiten Teil des Buches widmet er sich den großen Gottschalk-Themen Geld, Ruhm, Älterwerden, Hollywood, Familie. Das Kind aus der Provinz ist ein Kind des Pop, die Kapitel sind mit Songtiteln seiner Pophelden The Beatles, Pink Floyd, Fleetwood Mac und Queen überschrieben.

Wer die um Lautstärke, Witz und knallige Pointen bemühten Gottschalk-Interviews in stern und FAS der vergangenen Woche gelesen hat, wird überrascht sein vom stillen, so wohltuend wenig zwanghaften Sound der Gottschalk-Biografie. Der Entertainer hat das Buch angeblich selber geschrieben, kein Hilfsdichter, kein Ghostwriter: "Brauchen wir nicht. Ich schreibe, Sie lesen." Es ist, wie schön, kein besonders lustiges, auch kein besonders fröhliches Buch geworden. Gottschalks Trick ist, dass er seine Gewöhnlichkeit und seine Faulheit als seine größten Talente bezeichnet, er nennt sich einen Schaumschläger, Luftikus, Durchlauferhitzer, Dampfplauderer, als Unterhalter habe er nur dummes Zeug erzählt und "das Unsinnige mit dem Sinnlosen verbunden".

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 19 vom 7.5.2015.

Immer wieder tauchen in dem Buch Sätze von blendender Unbedarftheit und Naivität auf: "Ich habe über weite Strecken meines Lebens lächelnd und blond gelockt im Schaufenster gesessen." Und: "Menschen wie ich nennen sich selber gerne Glückspilze." Dabei war sich der junge Moderator immer bewusst, dass gute Laune ein Kapital ist, aus dem sich eine Karriere bauen lässt. Gottschalk ist der Urvater des lockeren Gequatsches, als Popmoderator beim Bayerischen Rundfunk hat er den lockeren Spruch in deutscher Sprache erfunden (Radiohörer zwischen Hof und Passau berichten heute noch vom erlösenden Schock, als der Gottschalk-Sound Mitte der siebziger Jahre aus dem Nichts auftauchte). In den achtziger Jahren dann hat der Entertainer das Locker-Bla als den amtlichen Sound auf der großen Fernsehbühne etabliert. Den Pop ins deutsche Wohnzimmer gebracht zu haben, das ist Gottschalks großes, sein unvergängliches Verdienst.

Trotz des süßen, leichten, vergnügten Lebens, in dem es angeblich wenig Arbeit, kaum eine Anstrengung und nur zwei Schicksalsschläge gab (den frühen Tod des Vaters, den tragischen Unfall des Kandidaten Samuel Koch am 4. Dezember 2010, der den Moderator dazu veranlasste, seine Lebensshow Wetten, dass..? aufzugeben): Vor allem im zweiten Teil von Herbstblond überwiegen die ernsten, die nachdenklichen Töne. Natürlich, als Quatschkopf, als Mann mit dem lockeren Spruch alt zu werden, das ist eine harte Prüfung. Gottschalk hadert mit den Journalisten, die ihm nicht genug Liebe und Anerkennung hätten zukommen lassen. Über seine Engagements nach Wetten, dass ..? schreibt er so desillusioniert wie treffend: "Am Vorabend bin ich gescheitert, als Casting-Juror war ich eine Fehlbesetzung." Der Showman kann mit dem Fernsehen von heute wenig anfangen, er ist von sich und seinem Beruf erschöpft: "Die Nation ist durchgecastet, durchgequizt, durchgekocht." Was Gottschalk schwer versteht, und sicherlich ist das als Betroffener auch kaum zu fassen, ist der Umstand, dass es im Medium Fernsehen keine besonderen Gründe braucht, um ausrangiert zu werden – es sind jetzt einfach die dran, die die Zuschauer noch nicht seit dreißig Jahren kennen. Ein Eindruck des Buches ist, dass sein Autor nach vier Jahrzehnten im Scheinwerferlicht in Deutschland vor allem furchtbar verletzt ist: Warum ist das so, dass Prominente in diesem Land, wenn sie ein Lebensfazit ziehen, oft so furchtbar verletzt sind? In fast schon selbstquälerischer Manier befragt der blond gelockte Gute-Laune-Liebling der Deutschen die Zukunft: "Soll ich irgendwann als Karikatur des Mannes vor der Kamera stehen, den die Leute mal geliebt haben?"

Es ist doch klar, was Thomas Gottschalk jetzt tun sollte: noch fünf Jahre älter werden. Dann triumphal zurückkehren. Sein Fan Jan Böhmermann schreibt ihm die Show.