Das Stück wird seit Jahrzehnten gespielt, sein Titel lautet: Piëch gegen Porsche. VW-Geschichte ist Stammesgeschichte, ein Schauspiel, das danach schreit, von Menschen verkörpert und nicht durch Zahlen und rollende Fließbänder dargestellt zu werden. Und als gehorchten sie diesem immanenten Konflikt, treten die Familien hinter den Produktionsmitteln immer wieder machtvoll hervor. Ja, sie schießen bisweilen aus dem verflochtenen Firmenimperium heraus wie die Springteufel. In solchen Krisenzeiten scheint die ganze VW-Gruppe wie der Versuch, die Urenergie des Piëch-Porsche-Clans zu bändigen. Man könnte auch sagen: wie eine Opfergabe an die im System schlummernden Dämonen. In den vergangenen Wochen gelang die Zähmung nicht ganz. Man hatte den Eindruck: Der Konzern stellt schon auch Fahrzeuge her, eigentlich aber produziert er Drama.

Also fahre ich nach Hannover zur Hauptversammlung der Volkswagen AG – das ist die Bühne nach dem Kampf. Eigentlich würde die Versammlung von Ferdinand Piëch geleitet werden. In normalen Zeiten. Aber dieses sind Ausnahmezeiten. Piëch, der Übermächtige, ist im Streit von seinem Amt als Aufsichtsratsvorsitzender zurückgetreten. Ich bin wegen eines Mannes hier, der gar nicht da ist. Ich bin hier, um die Abwesenheit dieses Mannes zu spüren.

Piëch also: Der Mann hat zwölf Kinder gezeugt, er hat etliche Widersacher besiegt, er verfügt über ein Aktienpaket, das 1,8 Milliarden Euro wert ist, er ist der Machtmensch schlechthin, der mit jedem Schlag, den er führt, seine Macht mehrt. So wird geredet. Welche Schlachten er geschlagen hat! Welche Mächte er schon von der Bühne gefegt hat! Alle anderen wirken gegen Piëch, um ein Wort zu verwenden, das der nur ein Jahr jüngere, 77-jährige Berliner Theatermann Claus Peymann jüngst gegen erfahrungsärmere Widersacher gewendet hat, ein wenig wie Lebenszwerge. Und es ist ja nicht so, dass der Kampfplatz nun, nach Piëchs Rückzug, leer wäre, das Drama vorbei. Nein, alle, die von Piëch reden, schauen sich scheu um, als fürchteten sie, der Genannte stehe als geisterhafte Erscheinung plötzlich hinter ihnen. Piëch hat es durch seine demonstrative Abwesenheit geschafft, erst recht in allem anwesend zu sein: Die ganze Versammlung ist eine Nachweltveranstaltung.

Es heißt, Piëch sei ein Vereiser: In einem Raum, den er betrete, falle unverzüglich die Raumtemperatur, Eisblumen wüchsen an den Fenstern. Gar zu gern hätte der Berichterstatter das selbst gesehen, hier in der allerdings fensterlosen Halle 2 der Messe Hannover. Aber Ferdinand Piëch kommt nicht, und, um es gleich zu sagen: Dies ist ein müdes Schauspiel. Piëch wird von fast allen gelobt, gepriesen, in demonstrativen Ehren gehalten.

Sein Gegenspieler und ehemaliger Vertrauter Martin Winterkorn, der als der Sieger des großen Krieges gilt, verhält sich demonstrativ demütig. Ferdinand Piëch habe die Automobilindustrie geprägt wie kein Zweiter, er selbst, Winterkorn, habe ihm viel zu verdanken – "vor dieser Lebensleistung haben wir, habe ich großen Respekt".

Das Podium nimmt fast die ganze Breite der Halle ein, es hat Dimensionen, die an die Spannweite eines großen Passagierflugzeugs erinnern, 30 Menschen sitzen da, in der Mitte die Vorstände, und links und rechts, sozusagen auf den Tragflächen, die Aufsichtsräte.

Üblicherweise berichte ich von höfischen Machtspielen, die auf der Bühne stattfinden, Lear gegen seine Töchter, Hamlet gegen Mutter und Onkel, Ödipus gegen sich selbst. Nun stehe ich vor wirklichen Königen, Herrschern, die eine Weltmacht regieren, und siehe, es geht ihnen alles Dramatische ab. Jedes achte Auto, das auf dem Globus unterwegs ist, stammt von VW, der Konzern hat 600.000 Beschäftigte und will spätestens in drei Jahren der größte Autobauer der Welt sein. Jedoch, geleitet wird die Sitzung von einem Mann mit der Stimme eines pietistischen Mahners, dem ehemaligen IG-Metall-Vorsitzenden Berthold Huber. Er ist der Übergangsvorsitzende des Aufsichtsrats. Und der andere wichtige Mann dieser Veranstaltung, Martin Winterkorn, der Vorstandsvorsitzende, ist nicht im Mindesten das, was man einen brillanten Performer nennen würde. Er zielt in seiner Rede nie auf Pointen, seine schwäbische Kehlstimme wird rasch trocken, weshalb er viel Wasser trinkt, allerdings brandet kein Applaus auf, der ihm Gelegenheit gäbe, in Ruhe zu trinken. Hier ist ein Mann, der lieber "machen" würde, als reden zu müssen, der lieber gleich zur Tat schritte.

Es wird gesagt, der Machtkampf habe ihn, der selbst ein autoritärer Mann ist, ein wenig geläutert. Muss er hier, in Hannover, viel Aktionärswut ertragen? Nein. Der Zorn, die Anklagen, die Vorwürfe übersteigen nicht das Maß, das üblich ist bei solchen Veranstaltungen. Eher im Gegenteil: Seltsam sediert wirkt die Versammlung, die Reihen lichten sich rasch, und der auffrischende Wind weht Baumblüten in die Halle.

Was wird über Piëch gesprochen? "Der wird nicht aufgeben! Welches ist sein nächster Schachzug?" So klingt es aus den Zuschauerreihen. Das weiß jeder Kinogänger: Auch im Film ist der Dämon nicht umzubringen: Er nistet im Gebälk des Hauses, das er vermeintlich verlassen hat.

Wie sollte er es auch verlassen haben? In gewisser Weise ist unberechenbare Verflechtung der eigentliche Inhalt des Piëch-Porsche-Dramas. Als ginge es immer auch um Statthalter, Gefolgsleute, Loyalität, Erbfolgen: Es gibt unheimlich viele Kinder in diesem Stück – als sei selbst der Kindersegen von Firmenstrategie nicht zu trennen. Ferdinand Piëch ging einst eine Beziehung mit der Frau seines Cousins Gerd Porsche ein, zwei seiner zwölf Kinder stammen aus dieser Verbindung.

Und in der Gegenwart? Heute wettert er gegen zwei seiner Nichten, welche für Piëch und seine ebenfalls zurückgetretene Frau Ursula in den VW-Aufsichtsrat nachrücken: Diese beiden, sagt Piëch, hätten nicht den nötigen Sachverstand, den das Amt erfordere. Auf dem Podium in Halle 2 sitzen beide, Louise Kiesling und Julia Kuhn-Piëch, am rechten Rand des Podiums, sie stellen sich kurz vor, in aller Demut. Lustigerweise hat Piëch selbst Julia Kuhn-Piëch, der er nun die Fachkenntnis abspricht, vor nicht allzu langer Zeit im Aufsichtsrat der VW-Nutzfahrzeugtochter MAN installiert.

"In einer Welt der Unsicherheit, in einer Branche voller Aufs und Abs, steht Ihr Unternehmen für Verlässlichkeit", sagt Professor Winterkorn auf der Bühne, und dann zählt er die globalen Aktivitäten seines Reiches auf: Was treibt Porsche so – also die Marke? "Die Porschemannschaft überarbeitet ihr wichtigstes Modell." Und VW? "VW bringt den neuen Touran auf die Straße." Wohlwollend erwähnt er Audi, Škoda, Bentley und Lamborghini. Ein Schlachtenlenker lässt den Blick über die Markenflotte schweifen, nicht ohne Sorge, aber in positiver Stimmung: Es muss ja immer weitergehen!