Es geschah "im Schatten der Frühe eines Maienmorgens". Der Himmel ist grau. Es regnet. Vor dem Sappeur-Denkmal in Krems an der Donau haben NS-Kader, Wehrmachtsangehörige und Hitler-Jugend im Karree Aufstellung genommen. "Du, mein Führer, starbst uns nicht und wirst uns auch niemals sterben", beschwört der Redner dieses finale Aufgebot: "Dein Werk und dein Geist leben!" Es ist der 6. Mai 1945, und in Krems findet für den toten Adolf Hitler das letzte "Trauergedenken" auf dem verbliebenen Boden des Deutschen Reiches statt.

Die Angriffsspitzen der Roten Armee stehen an diesem Tag bei Hollenburg auf dem gegenüberliegenden Ufer der Donau, knapp zehn Kilometer entfernt. Wien ist seit über drei Wochen befreit, die provisorische Regierung Renner tagt, die Theater spielen, in 23 Wiener Kinos werden Filme gespielt, und Briefträger stellen bereits wieder Postsendungen zu. Die Fußballspieler von Sportklub und Vienna wärmen sich an diesem Morgen für das erste Spiel im befreiten Wien auf. Vienna wird mit 3 : 2 Toren gewinnen.

In der Gauhauptstadt Krems hingegen schwelgt Gauleiter Hugo Jury noch ein letztes Mal im verlogenen Pathos des untergehenden Regimes. Die Galgen auf dem Platz vor dem Steinertor stehen noch, die drei gehängten Deserteure sind verscharrt. Im Zuchthaus Stein, wo SS und Wehrmacht einen Monat zuvor unter den Häftlingen ein Massaker mit fast 400 Toten angerichtet haben, liegen noch die letzten drei Überlebenden des Blutbades schwer verwundet im Keller. Die restlichen Gefangenen waren auf Kohleschleppern nach Passau verschifft worden.

1945 – ein Jahr zwischen Krieg und Frieden. Hier gelangen Sie zu unserem Schwerpunkt. © Allan Jackson/Hulton Archive/Getty Images

Der letzte Akt der NS-Herrschaft in der "deutschen Wachau" ist ein schauriges Spektakel. Die "Opferflammen senden ihr rauchloses Feuer in die herbe Morgenluft", heißt es in einem Bericht der noch zwei Tage später, am 8. Mai., dem Tag der Kapitulation, in Der Kampf, einem lokalen Nachrichtenblatt der NSDAP, in Krems erscheint. Eine letzte Menschenreserve, "die junge Menschenblüte", wird auf eine sinnlose Gegenwehr eingeschworen. "Ernst und trotzig blicken ihre Milchgesichter", fabuliert der anonyme Chronist, "und fest und treu umklammern die jungen starken Arme die Wehr ihrer Waffen."

So endet in Krems eine Geschichte, die dort bereits 1887 ihren Anfang nahm. In diesem Jahr kam bei einem Gauturnfest zum ersten Mal ein Arierparagraf in Krems zur Anwendung. Der Heimatforscher Franz Xaver Kießling meinte damals, den "Gedanken der Rassenreinheit der Hellenen bei ihren olympischen Spielen" in die Neuzeit übertragen zu müssen. Das Gymnasium in Krems war eine Kaderschmiede des Antisemitismus, wo die Getreuen des Georg von Schönerer ihre Ausbildung erhielten. Die publizistische Plattform für Schönerer lieferte Josef Faber mit seinem Wochenblatt Land-Zeitung.

Krems war nicht nur für Deutschnationale ein guter Boden. Im Jahr 1932 wurde hier der erste nationalsozialistische Bürgermeister angelobt. Nach einem Bombenanschlag auf christlich-deutsche Turner in der Nähe von Krems wurde die NSDAP in Österreich 1933 verboten.

Adolf Hitler wusste diesen Kampf, der auch in dem Lied Wach auf deutsche Wachau besungen wird, nicht zu danken. Auf seiner triumphalen Fahrt nach Wien machte er im März 1938 einen Bogen um die Stadt, in deren flaggengeschmückten Straßen die Bürger von Krems vergeblich warteten. Lediglich am Übungsplatz der Pioniere an der Donau ließ Hitler halten, sich fotografieren und seinen Blick in Richtung Göttweig schweifen.

Die Treue und Liebe zu ihrem Führer scheint an diesem 6. Mai 1945 in Krems ungebrochen. Gauleiter Hugo Jury, ein Arzt, tritt vor die Versammelten, um ein "Führerwort", das zu Beginn des Krieges gesprochen worden war, in Erinnerung zu rufen: Hitler werde seinen Waffenrock erst nach dem Sieg ausziehen, oder er werde dieses Ende nicht erleben. Der Berichterstatter am 8. Mai dazu: "Es greift ans Herz, die fast vor sechs Jahren gesprochenen Sätze mit dem Sinn zu vergleichen, den ihnen der tragische Ablauf eines heroischen Lebens gegeben hat."

Selbst für einen Kranz haben die Kremser Nazis noch gesorgt. Hitler mag tot sein, doch sein Werk lebe weiter, lautet die Botschaft von Gauleiter Jury. "Dieser Körper konnte sich verbrauchen, der Geist aber, der ihn beseelte, war so gewaltig, dass er ewig leben und dass seine Größe vielleicht erst in Jahrzehnten oder Jahrhunderten nicht allein dem deutschen Volk, sondern der ganzen Welt bewusst werden wird."

Im Mai 1945 schließt sich auch der Kreis bei der publizistischen Lokalgröße. Es ist der Verlag Faber in der Oberen Landstraße, in dem die letzte Ausgabe des Kampfes, der bis wenige Tage zuvor noch Donauwacht hieß, gedruckt wird. Einer der Drucker der NS-Postille, Anton Ebentheuer, war zwei Wochen zuvor von der Gestapo als Widerstandskämpfer verhaftet und hingerichtet worden.

Am Morgen des 8. Mai wird die Zeitung noch ausgeliefert, der Gauleiter ist bereits auf dem Weg nach Zwettl und erschießt sich in der folgenden Nacht. Der Standortkommandant von Krems, Oberst Ferdinand Soche, setzt sich nach Sprengung der beiden Donaubrücken um 4.30 Uhr in Richtung Westen ab. Die drei Häftlinge in Stein erblicken an diesem Morgen eine rote und eine weiße Fahne auf dem Turm und wanken durch den Hof in die Freiheit.

Oberst Soche wird wegen der Sprengung der Donaubrücken 1946 in einem Volksgerichtsprozess wegen "boshafter Beschädigung fremden Eigentums" verurteilt. Marie Strasser, die Witwe eines geköpften Widerstandskämpfers, die in der Zwischenzeit in seine Wohnung eingewiesen wurde, lässt der Oberst delogieren.

Nach 1955 werden im Faber Verlag wieder Lokalzeitungen gedruckt. Dem alten Geist wird gelegentlich gehuldigt, und so verlangt der Obmann des Kameradschaftsvereines, Herbert Faber, 1963 den Boykott einer Feier, bei der auch im KZ ermordete Priester geehrt werden. Der Zwang zur Realpolitik lässt die Geschichte in den siebziger Jahren in einem anderen Licht erscheinen. So wird der "Nestor" des Zeitungswesens anlässlich seines 80. Geburtstags von Bundeskanzler Bruno Kreisky persönlich in Krems geehrt.