DIE ZEIT: Herr Dorau, Sie wurden als Musiker bekannt und haben nun mit Sven Regener ein Buch mit autobiografischen Geschichten, Ärger mit der Unsterblichkeit, verfasst. Warum haben Sie es nicht selbst geschrieben?

Andreas Dorau: Vor drei Jahren traten mehrere Verlage an mich heran und fragten, ob ich Lust hätte, ein Buch zu schreiben, meine Liedtexte seien so lustig, und da liege ein Buch doch nahe. Das konnte ich mir auch vorstellen, aber dann versagte ich total. Ich war entsetzt von mir. Weil ich nie Tagebuch oder so führte, habe ich keine Übung im Schreiben. Es dauerte ewig, bis ich jede Formulierung hingedreht hatte. Ich bin aber nicht sprachlich gescheitert, sondern strukturell, was mich noch mehr verletzte.

ZEIT: Da war Sven Regener die Rettung?

Dorau: Sozusagen. Ich bin bei den Hamburg-Konzerten von Element of Crime als Gastsänger aufgetreten und habe ihm nach einem Auftritt von meinen Problemen erzählt. Er schlug vor, wir sollten von mir erlebte Geschichten aufschreiben. Das fand ich erst etwas eitel, freundete mich dann aber doch mit der Idee an.

ZEIT: Für das Buch wählten Sie eine unkonventionelle Form: Sie springen oft in der Zeit hin und her.

Dorau: Wir wollten ja keine Biografie verfassen, warfen allen Ballast über Bord. Kein Wort über eine öde Kindheit oder schreckliche Scheidungen. Stattdessen erzählen wir kleine Geschichten und das eben nicht chronologisch. Sven und ich kennen uns seit 1982 – das half, die Erinnerungen schnell und unproblematisch zu Papier zu bringen.

ZEIT: Sie beginnen mit Fred vom Jupiter, dem Lied, das die meisten Menschen mit Ihnen verbinden. Ihr ambivalentes Verhältnis zu dem Hit ist kein Geheimnis. Warum fangen Sie dann damit an?

Dorau: Sven Regener drängte darauf. Er sagte: Das war der Anfang von allem, da musst du durch. Ich war nicht begeistert, aber ich sagte mir, es ist wie bei Umzügen: Erst muss die verdammte Waschmaschine hoch, dann wird es einfacher. Außerdem interessieren sich einfach viele Leute für Fred vom Jupiter. Also brachten wir den Fred vom Jupiter-Dreck schnell hinter uns, um dann fröhlich fortzufahren.

ZEIT: Was ist so schlimm an Fred vom Jupiter?

Dorau: Ich habe nichts gegen das Stück. Nur die Aura des NDW-Teenagerhits, die den Song umgibt, konnte ich nie ausstehen. Natürlich wollte ich Erfolg, aber eben nur in Indie-Kreisen. Ich wollte in Magazinen wie Spex und Sounds stattfinden. Als dann das Radio auf Fred vom Jupiter ansprang, wurde es unheimlich. Ich war sechzehn, als Fred vom Jupiter erschien, und hatte genug mit der Pubertät zu kämpfen.

ZEIT: Um einen Teil der Einnahmen aus dem Lied wurden Sie lange von einem Lehrer geprellt. Wie konnte das passieren?

Dorau: Fred vom Jupiter entstand im Rahmen eines Schulprojektes. Als ich viele Jahre später bei einer Abrechnung der Gema das erste Mal genau auf die Urheber schaute, entdeckte ich da einen überraschenden Namen. Ich ging zu einem Anwalt und stellte fest, dass ich und die Mädchen, die Marinas, mit denen ich das damals aufgenommen hatte, belogen worden waren. Der Lehrer hatte sich auf "geistiges Eigentum der Schule" berufen. Als ihn mein Anwalt zur Rede stellte, überwies er aber sofort das Geld. Das muss er all die Jahre auf einem Extra-Konto gehortet haben, für den Fall, dass er mal auffliegt.

ZEIT: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Sie sich als Schüler einen "Job mit Schreibtisch und Telefon" wünschten. Das hat sich nicht erfüllt.

Dorau: Doch, ich habe ja einen Schreibtisch mit Telefon. Das wenige, was ich im Leben erreichen wollte, habe ich also erreicht. Mein Schreibtisch steht in einer Kanzlei für Musikrecht, wo ich ein Zimmer nutzen darf. Da gehe ich morgens hin und abends wieder weg. Das hilft mir, meinen Tag zu strukturieren. Da bin ich hanseatisch.

ZEIT: Zur Musik kamen Sie durch Holger Hiller von der Band Palais Schaumburg. Er gab Ihnen Gitarrenunterricht und förderte Sie, damit Sie etwas Eigenes machen.

Dorau: Stopp, ich glaube nicht, das Holger einen stinkend faulen Fünfzehnjährigen gefördert hat, er wollte vermutlich nur das Geld für meinen Gitarrenunterricht weiter kassieren. Immerhin war er bereits mein neunter Gitarrenlehrer. Den vorangegangenen war immer nach drei, vier Stunden der Kragen geplatzt, und ich war raus. Da hatte dann auch der Dümmste geschnallt, dass ich schwierig war.

"In Hamburg steppte in den Achtzigern nicht mal ein Eichhörnchen"

ZEIT: Wie haben Sie es geschafft, Musik zu Ihrem Beruf zu machen?

Dorau: Beruf? Dass ich "Musik beruflich" mache, sehe ich bis heute nicht. Zum Glück besteht mein Leben aus mehreren Einnahmequellen. Mal mache ich eine Weile Musik, dann aber wieder was mit Filmen. Davon handelt ja auch das Buch.

ZEIT: War die Hamburger Undergroundszene in den Achtzigern wirklich so aufregend, wie behauptet wird?

Dorau: Eher nicht, ich bin lange überhaupt nicht ausgegangen. Selbst nach meinen ersten Konzerten stieg ich immer brav in die U1 und fuhr zurück nach Wandsbek. In Hamburg war damals längst nicht so viel los, wie viele heute annehmen. Hier steppte nie der Bär. Hier steppte nicht mal ein Eichhörnchen. Da wird viel Vergangenheit verklärt, was die wilden Hamburger Nächte angeht. Orgien mit Halbnackten, bei denen Welthits geschrieben wurden, gab es hier jedenfalls nicht.

ZEIT: Sie sind nach München gegangen und haben Film studiert. Ein Kulturschock?

Dorau: Ja, aber ein positiver. So wie bei einem New Yorker, der nach Kalifornien geht. Die idealistische Neue Deutsche Welle hatte sich 1982 erledigt, der Feind hatte gesiegt. Das, was wir vermitteln wollten, hatte die Industrie geschluckt, aber so funktioniert Geschichte nun mal. Jedenfalls hatten die Hubert Kahs und Fräulein Menkes gewonnen. Die positive Aufbruchsstimmung war verflogen, und ich hatte keine Lust mehr, Musik zu machen. Ich wollte einen Ortswechsel und etwas Neues, also studierte ich Film in München. Ich war ja noch in einem Alter, wo ein Studium normal ist, also nicht wie bei einem Fußballer, dem am Karriereende nur ein Trainerschein oder der Zeitungskiosk bleibt.

ZEIT: Zur goldenen Zeit der Musikindustrie in den Neunzigern waren Sie bei der Plattenfirma Universal als Video-Consultant angestellt. In Ihrem Buch schildern Sie das als eine einzige dauerberauschte Party.

Dorau: Wir hatten den Techno-Boom und dazu den netten Effekt, dass alle Leute sich ihre Vinyl-Sammlung noch mal als CDs anschafften. Die Musikindustrie schwamm in Geld und ließ das raushängen. In jedem Büro bei Universal stand ein mit Schampusflaschen gefüllter Kühlschrank, das war der Standard. Mir schmeckt Champagner gar nicht so gut. Aber Partys machen mir nun mal Spaß, und der Anlass ist doch meist egal. Nur wenn einem im Laufe des Abends der Anlass doch bewusst wurde, konnte es irgendwie unangenehm werden.

ZEIT: Ihre Musik erschien damals auch bei Universal. Haben Sie auf die Goldene Schallplatte hingearbeitet?

Dorau: Natürlich wollte ich auch mal in die Charts, da muss man nicht drum herumreden. Aber das Problem, das sich mit dem Album Ärger mit der Unsterblichkeit einstellte, das bei dem kleinen Label Ata Tak erschien und meinem Buch auch den Namen gab, war, dass wir Schwierigkeiten mit der Klassifizierung hatten. In den großen Plattenläden wie der Kette WOM, die es damals noch gab, wussten sie nicht, in welchem Fach sie uns einordnen sollten: Das Electronic-Genre gab es so noch nicht. Schlager waren wir nicht. Rock oder Pop waren wir auch nicht. Da blieb das Indie-Fach. Da stand aber nur Gitarrenmusik – und Gitarren gab es bei mir nicht zu hören. Weil das alles so kompliziert war, orderten die Händler lieber nur eine CD, was ein Problem darstellte. Mein Anwalt riet mir dann, zu einer großen Firma zu gehen, damit meine Platten überhaupt eine Chance hätten, wahrgenommen zu werden.

ZEIT: Sie leben heute wieder in Hamburg. Warum nicht, wie die meisten Ihrer Kollegen, in Berlin?

Dorau: Ich mag Berlin heute nicht besonders, und das Mauer-Berlin mochte ich noch viel weniger. Die Mystifizierung dieser Stadt hat mich nie beeindruckt. Außerdem kann ich mir die Miete in Hamburg leisten.

ZEIT: Bleiben in Ihrem Buch, wie in den meisten offiziellen Biografien, die besten Geschichten unerzählt?

Dorau: Gut, es fehlen einige drastische Sachen – aber das waren eben keine guten Geschichten. Die hätten eher so gewirkt, als wenn wir die auch noch so reinwürgen wollten. Aber billige Effekte brauchen wir nicht.

ZEIT: In der Musikzeitschrift Sounds war damals zu lesen, sie seien der "einzige Mensch, der keine Orange schälen kann". Haben Sie das mittlerweile gelernt?

Dorau: Darüber war ich beleidigt. Der Satz verfolgt mich seit vielen Jahren in Interviews. Immer wieder wurde ich gefragt, ob ich inzwischen Orangen schälen könne. Dabei stellt sich mir diese Frage überhaupt nicht, denn ich esse überhaupt keine Orangen. Mandarinen schmecken mir viel besser.