Vom argentinischen Autor César Aira heißt es, er würde Manuskripte, einmal beendet, nie erneut durchsehen und sie erst recht nicht überarbeiten. Ob das stimmt, ist schwer zu überprüfen. Vielleicht gehört es auch zur eigenen Legendenbildung. Oder es ist eine Art Schutzbehauptung, um aufkommender Kritik offensiv zu begegnen. Denn tatsächlich gerät man als Aira-Leser immer wieder an den Punkt, an dem man die Stirn in Falten legt, den Kopf schüttelt und denkt: Nee, ne? Weil Aira sich gerade wieder per Schleudersitz aus einer bis dahin einigermaßen nachvollziehbar erzählten Geschichte hinauskatapultiert, knallhart anderswo aufschlägt, dort aber einfach weitermacht, als hätte er nur harmlos einen Fuß vor den anderen gesetzt. Würde man die brutalen Sprünge, Schwenks und Richtungswechsel nicht als Leser, sondern als Verkehrsteilnehmer erleben, man litte schnell an einem Schleudertrauma.

Aber Autoscooter fahren macht ja auch Spaß. Und natürlich ist es keine Schludrigkeit, die Airas Texte aus der Kurve trägt, eher eine Art kontrollierte Unverschämtheit. Der Autor testet einfach aus, was geht; womit er durchkommt; welcher scheinbar rohe Schlenker vielleicht doch noch zu einem eleganten Salto führt. Da wird ein Splatterfinale an ein Stück sozialen Realismus montiert, Sci-Fi-Pulp wird mit einer Literaturbetriebs-Novelle verschnitten, oder bodygebuildete Gespenster werden durch eine Gastarbeitergeschichte gejagt – immer wieder krude, immer wieder kühn. Und weil Airas Werke meist kurz sind, kaum 100 Seiten lang, und man jedes einzelne auch für einen Ausrutscher halten könnte, ist es eigentlich eine schöne Idee, gleich mehrere Bücher auf einmal rauszuhauen, wie es jetzt der Verlag Matthes & Seitz macht, der mit drei bisher unveröffentlichten Werken gerade eine Bibliothek César Aira beginnt. Die soll in den kommenden Jahren auf zehn Bände anwachsen. Dann hat der Autor vielleicht endlich ein ordentliches Zuhause in Deutschland, nachdem er zuvor mit immerhin sieben übersetzten Büchern schon bei fünf verschiedenen Verlagen gelandet war.

Die kleine Sonderanstrengung kommt womöglich gerade zur rechten Zeit. Aira stand in diesem Jahr auf der Shortlist des Man-Booker-Preises. Viele lateinamerikanische Kollegen halten ihn ohnehin seit Langem für einen der bedeutendsten Autoren des Kontinents. Einen herausragenden Meilenstein kann er zwar nicht vorweisen, aber seine ureigene Kreuzung aus wuchernder Fantasie und formalem Freibeutertum hat doch zu einem gewaltigen Gesamtausstoß geführt. Selbst die geplanten zehn Bände bei Matthes & Seitz bilden nur ein Bruchteil von Airas Œuvre ab, das nun, in dessen 67. Lebensjahr, bei unglaublichen 90 Titeln liegt.

Bestimmt ist der Autor gerade deshalb so weit gekommen, weil ihm das durchgearbeitete Einzelwerk nie so am Herzen lag wie das fortgesetzte Schreiben. Was man durchaus programmatisch verstehen darf: Der Weg ist das Ziel, the method is the message. Aira verteidigt die sogenannte Flucht nach vorn. Zur mutmaßlichen Verbesserung eines bereits existierenden Manuskripts müsste er ja schließlich den Blick zurückwerfen – würde er dann nicht die literarische Schöpfung vernachlässigen zugunsten einer bloßen literarischen Reparatur? Da zieht er lieber gleich wieder weiter in den nächsten Kampf.

Mit Band eins der neuen Bibliothek, der Novelle Wie ich Nonne wurde, wird man Airas halsbrecherischem Verfahren gleich frontal ausgeliefert. Der erste Absatz des Buches verspricht noch brav eine Art Lebensbeichte über die Zeit, "bis ich in den Orden eintrat". Doch schon nach der brillanten Auftaktszene, in der ein sechsjähriges Mädchen namens César Aira zum ersten Mal Erdbeereis isst und fast daran stirbt, gerät die Geschichte auf Abwege. Nach einem vierwöchigen Krankenhausaufenthalt voller Fieberträume tritt César zu spät in die Schule ein, um noch lesen zu lernen. Stattdessen entwickelt er – beziehungsweise sie – verschiedene Obsessionen, die mal die Mutter, mal den Vater, mal die Lehrerin, mal die Mitschüler betreffen und die im Buch wie eine Art Nummernrevue aufeinanderfolgen. Die Erzählerfigur blickt auf ihre bittere Leidensgeschichte offensichtlich von weit her zurück. Zum Beispiel mit so schönen Sätzen wie diesen: "Es ist nicht zu vermeiden, dass man sich von einem Gefängnishof romantische Vorstellungen macht, auch wenn man, wie in meinem Fall, gar nicht wusste, was Romantik ist. Und ehrlich gesagt auch nicht, was ein Gefängnis ist." Doch trotz dieses Erwachsenentons wird die Ich-Erzählerin bereits mit sechs Jahren sterben, weit entfernt im Übrigen von jedem Gedanken an Orden oder Klöster. "Wie ich Nonne wurde"? Nichts dergleichen! Wer allerdings als Leser am Ende noch darauf bestehen wollte, dass derartigen Ansagen im Text etwas entsprechen müsste, der wäre für die Aira-Lektüre sowieso nicht geeignet. Besser lernt er die totale Unabsehbarkeit dieses querfeldein bretternden Schreibens schätzen, das zwar gelegentlich repetitiv, verlabert oder schlicht kryptisch ist, dann aber auch immer wieder zauberhafte Fantastereien, tief bewegende Miniaturen und irre literarische Gimmicks zu bieten hat.

Im Vergleich zur meist düster-klaustrophobischen Atmosphäre des Kindheitsdramas Wie ich Nonne wurde sind Der Beweis und Der kleine buddhistische Mönch geradezu luftig dahererzählt. Beide handeln von kleinen culture clashs, die Aira eskalieren lässt. Im Beweis trifft der brave Teenager Marcia auf die lesbischen Punks Mao und Lenin, die ihr gleich mit dem ersten Satz des Buches ein herzhaftes "Wollen wir ficken?" zurufen. Marcia ist zunächst angewidert, dann immerhin gesprächsbereit. Doch Mao und Lenin sabotieren bald jeden Dialog und inszenieren stattdessen einen grell gewalttätigen "Liebesbeweis", der zivile Opfer lustvoll in Kauf nimmt. Der kleine buddhistische Mönch hingegen, den man sich wohl etwa salatgurkengroß vorstellen muss, lernt in seiner Heimat Südkorea die französischen Touristen Napoleon Chirac und Jacqueline Bloodymary kennen. Während er sich als Guide bei ihnen einschmeichelt und sie per Schnellzug zu einem nahe gelegenen Tempel bringt, geraten langsam Raum, Zeit und ein paar andere, kulturelle Koordinaten auf aberwitzige Weise aus den Fugen. Ausnahmsweise fließt kein Blut – abgesehen von einer Anekdote, in der ein lebensmüdes Pferd einen Turm hinaufklettert, um von dort aus spektakulär Selbstmord zu begehen.

Aira ködert den deutungshungrigen Leser gern mit autobiografischen Brocken, mit philosophischen oder gesellschaftskritischen Einschüben. Aber das sind eher Zugaben und oft falsche Fährten, Kulissen, die der Autor ebenso schnell niederreißen kann, wie er sie sprachlich hochgezogen hat. Hier wird eine literarische Schnitzeljagd veranstaltet, nicht um am Ende einen Schatz in der Hand zu halten, sondern aus reiner Freude am Streuen und Kombinieren der Schnitzel. Aira laboriert an keinem verborgenen Thema, sondern immer offen am Text. Von dessen Freiheiten scheint er auf ewig fasziniert. Und vielleicht wagt er sich dort am weitesten vor, wo er diese Freiheit auf verquere und gespenstische Weise einmal ins Leben projiziert: beim grausamen Höhepunkt von Der Beweis, wenn Mao und Lenin vor den Augen des Dummerchens Marcia, das noch der "Welt der Erklärungen" anhängt, wie zwei natural born killers ein völlig willkürliches Blutbad unter der Kundschaft eines riesigen Supermarktes anrichten. Der Autor schildert nicht nur die Todesfälle betont detailreich, sondern inszeniert den Gewaltexzess fast als dionysisches Fest der ewigen kreatürlichen Wandlung, in der ein Verbrennungsopfer binnen Minuten zum Tier, zur Pflanze, zum Stein, zum "knisternden Bonbonpapier" wird. In einer sinnlosen, gottlosen Welt, hat es kurz zuvor geheißen, sei doch wohl alles erlaubt.

Wenigstens dem Text. Das ist seine einsame Größe. Und César Aira dient ihm gern, mit seiner sehr eigenen Form von écriture automatique, als bescheidener, unerschrockener, bisweilen auch brachialer Missionar.