Man kann sich David Cameron sofort in einem Kasino vorstellen. Er hat dieses glatte Gesicht und stets leicht gebräunte Haut. Seine Anzüge sitzen perfekt, die Aussprache ist gestochen. Er sieht manchmal so gelassen aus, dass er gleichgültig wirkt. Im Wahlkampf war es lange so. Beim schottischen Unabhängigkeitsreferendum ebenso. Und bei der anstehenden Kampagne zu Europa könnte es auch so werden. Der britische Premierminister ist ein Mann, von dem man nicht weiß, was er will. Was für ihn in den kommenden zwei Jahren ein Vorteil sein könnte.

Seine Wiederwahl am vergangenen Donnerstag hat ein einzigartiges Pokerspiel eröffnet. Cameron wird spätestens 2017 ein Referendum abhalten lassen, das sein Land spalten und den Kontinent schwächen könnte: Es geht um die Frage, ob Großbritannien in der EU bleibt oder nicht. Wird er seine neue Autorität als wiedergewählter Premier nutzen, um seinem Land in der europäischen Frage Frieden zu verschaffen? Oder führt sie ihn in Versuchung zu sagen: "Fuck the EU"?

In London hoffen sie, dass er die EU umkrempeln wird. In Brüssel sind sie enttäuscht, dass Ed Miliband nicht gewonnen hat. In Berlin warten sie ab, was nun kommt. Wie tickt der Mann mit dem Pokerface?

Der 48-jährige Cameron, ein Eton- und Oxford-Absolvent und Nachfahre des letzten Königs von Großbritannien und Hannover, besitzt das Selbstvertrauen eines Manns aus der Oberschicht. Vernon Bogdanor, der ihn als Professor in Oxford unterrichtet hat, beschreibt ihn als einen seiner talentiertesten Studenten, beliebt und zuvorkommend. "Er hat allerdings keine große Rolle in der Studentenpolitik gespielt", erzählt Bogdanor. "In seiner Freizeit spielte er lieber Cricket und Tennis."

Als Cameron nach seinem Studium seine politische Karriere begann, war Margaret Thatcher an der Macht. Je mehr Europa wuchs und sich vom Wirtschaftsraum zur Währungsgemeinschaft weiterentwickelte, desto mehr fanden die Tories, dass die EU die britische Souveränität bedrohe. Europa wurde zu einer Obsession. Nachdem Cameron Parteichef geworden war, sorgte er erst mal für den Austritt der Tories aus der Europäischen Volkspartei – im Europaparlament sitzen sie nun mit der AfD und anderen EU-Kritikern wie der Dänischen Volkspartei zusammen.

Vor fünf Jahren zog Cameron zum ersten Mal in die Downing Street ein, damals als Reformer. Er ließ sich beim Geschirrspülen filmen, warb für die Homo-Ehe und philosophierte von einer zivilgesellschaftlichen "big society". Unter ihm, versprach er, werde seine Partei aufhören, "auf Europa herumzureiten", und vernünftig werden. Es kam anders. Die big society entpuppte sich als leeres Schlagwort, die Wirtschaftskrise fraß seinen Reformeifer, und in der EU hielt er sich aus gemeinsamen Großprojekten heraus: an den Rettungspaketen für die Südländer war Großbritannien genauso wenig beteiligt wie am Minsker Friedensvertrag für die Ukraine. Die ehemalige Großmacht ist zu einem Land auf dem Rückzug geworden.

Dass man ihn deshalb für egoistisch hält, nimmt Cameron scheinbar gelassen. Für taktische Gewinne geht er auch große Risiken ein. Denn je härter er in Brüssel auftritt, desto lauter ist der Applaus in London. Da er nur mit einer knappen (aber dafür absoluten) Mehrheit von zwölf Abgeordneten regiert, können ihn seine Leute noch stärker unter Druck setzen. "Das Referendum ist eine mächtige Waffe", warnt der frisch bestätigte Außenminister Philip Hammond, der neben Finanzminister George Osborne mit den Europäern verhandeln wird. "Die Tories werden der EU einheizen."

Der Streit um Europa hat historische Gründe. Für deutsche Politiker ist die EU ein Friedensprojekt, der Aussöhnung mit der Vergangenheit und der neuen Verantwortung verpflichtet. Britische Politiker hingegen sind stolz auf ihre Rolle als Befreier im Zweiten Weltkrieg. Das heutige Europa sehen sie als kriselnde Währungsunion und Reservoir schrankenloser Zuwanderung. Der gemeinsame Markt ist in ihren Augen der einzige Vorteil der EU. Weswegen Cameron in seinen europäischen Reden stets an das Portemonnaie statt an das Herz appelliert. "Er versteht die rationalen Gründe, warum es im britischen Interesse ist, in der EU zu sein. Aber er hat kein emotionales Verhältnis dazu", sagt einer, der mit ihm zusammengearbeitet hat und nicht genannt werden möchte.

Wann immer Cameron davon spricht, dass Großbritannien zur EU gehöre, betont er im nächsten Satz, dass sich diese EU verändern müsse. Er will sie verschlanken und ihre Macht begrenzen – also das Gegenteil von dem, was der Integrationist Jean-Claude Juncker möchte. Im Poker um die EU ist der Kommissionspräsident Camerons größter Gegner. Ohne einen symbolischen Sieg, lautet Camerons Argument, werde er sein Volk nur schwer davon überzeugen können, in der EU zu bleiben. Und wer weiß, wie die dann dastehen würde, so ganz verlassen vom drittgrößten Land und zweitgrößten Beitragszahler ...? Das ist die Drohung, der Einsatz. "Sein Instinkt ist, aus der Position der Stärke heraus zu verhandeln", sagt der, der ihn kennt. "Aber er weiß auch, wann er einen Deal machen muss."

Die Frage ist, was für einen Deal er will und welchen er bekommen kann: Die Europäer sind nur zu kleinen Kompromissen bereit. Zwar wünschen sich die wenigsten einen Brexit, einen Austritt Großbritanniens, aber genauso wenig haben die 27 anderen Länder Lust, sich von London die Agenda diktieren zu lassen. Entsprechend kühl haben die meisten Verantwortlichen in Brüssel auf Camerons Wahlsieg reagiert. Er sei bereit, mit Großbritannien zusammenzuarbeiten, und warte nun auf Vorschläge, hat Juncker erklärt. Eine diplomatische Formulierung für: Leg die Karten auf den Tisch.

Camerons Reformliste (in Brüsseler Kreisen auch "Erpressungsliste" genannt) will er bei der nächsten Sitzung des Europäischen Rates Ende Juni präsentieren. Es ist noch unklar, ob sie Grundsätze wie die Freizügigkeit infrage stellen wird, die für Juncker und Merkel "nicht verhandelbar" sind. Im Wahlkampf hat Cameron versprochen, die Regeln für europäische Zuwanderer zu verschärfen, die Sozialhilfe beantragen. Dass deren Zahl verschwindend gering ist, weiß er genau. Aber er ist sich in diesem Punkt mit Angela Merkel einig, und auf Merkel kommt es an. Die beiden haben ähnliche Vorstellungen von Freihandel und haben bei den Verhandlungen zum EU-Haushalt eng zusammengearbeitet. "Die Beziehungen zwischen ihnen", betont der ehemalige Außenminister William Hague, "sind exzellent." Cameron setzt darauf, dass Merkel ihm entgegenkommen wird, um Großbritannien in der Union zu halten.

In Berlin hat man mit der BND-Affäre und dem nicht enden wollenden griechischen Drama erst einmal andere Sorgen. Die Hoffnung ist, dass sich Cameron in der Europadebatte nicht von den Radikalen treiben lässt. Dass sich mit Großbritannien keine neue Problemzone auftut, die Zeit und politische Energie verschlingt. Das Referendum soll in den nächsten zwei Jahren stattfinden – und 2017 wird nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich gewählt.

Das Ganze wird eine gigantische Übung in Diplomatie, Psychologie und Marketing werden. Wie spricht Merkel über Cameron, was sagt Cameron über Juncker, wie kommen sie miteinander klar? Es wird darauf ankommen, cool zu bleiben. Das Pokerface zu wahren.