Man kann auch ohne Kreativität in den sogenannten kreativen Berufen ganz gut überleben. Handwerkliches Geschick, Routine, die Fähigkeit, kluge Gedanken anderer als klug zu erkennen, die Skrupellosigkeit, diese Gedanken als die eigenen auszugeben – das reicht völlig. Man bekommt dann, zum Beispiel als Autor, jederzeit einen passablen Text hin. Es gibt so viele schlechte Texte. Mit einem passablen Text stehst du auf dieser Welt schon verdammt gut da.

Wenn es ein bisschen besser werden soll, muss man ins Risiko gehen. Du musst die viel begangenen Pfade verlassen, du musst bereit sein, dich zu entblößen und dich lächerlich zu machen. Du darfst nur nach deinen eigenen Regeln spielen. Es muss dir egal sein, ob du dir Feinde machst, ob deine Freunde dir die Freundschaft kündigen, ob dein Zeug überhaupt gedruckt wird. Du brauchst Mut. Feiglinge können keine guten Texte schreiben.

Das heißt nicht, dass Texte, die aus dieser Haltung heraus entstehen, immer gut sind. Aber es gibt keinen sehr guten Text, dessen Autor oder dessen Autorin nicht, in irgendeiner Weise, etwas riskiert hat.

Man muss die inneren Zensurinstanzen ausschalten. Man muss ganz nah bei sich sein. Wie ein Tier vielleicht? Man darf ein egozentrisches Arschloch sein, beim Schreiben ist das manchmal hilfreich. Es ist traurig, aber: Gute Menschen schreiben selten Texte, an die man sich erinnert. Deshalb hat sogar Jesus die Evangelisten für sich schreiben lassen, die waren Sünder.

Ich vermeide das Wort "Kreativität". Dieses Wort ist ein zu Tode gerittenes Pferd. Kreativität reicht nicht, um etwas zustande zu bringen. Selbstdisziplin muss dazukommen. Es gibt viele Leute, die gute Ideen haben, es gibt wenige Leute, die etwas daraus machen. Ich lehne das Wort "Kreativität" ab. Und ich bin hier, in meinem Text, der absolute Herrscher, verstehen Sie?

Wie kommt man in den Geisteszustand hinein, den man braucht, um gut zu schreiben? Ich weiß es nicht. Ich glaube, man spürt, wenn es so weit ist. Es ist wie Betrunkensein ohne Alkohol. Diesen Moment muss man unbedingt ausnutzen.

Ich muss oft Texte liefern, ich schreibe folglich auch dann, wenn ich weiß, dass ich nur etwas Passables zustande bringen werde. Es hilft, wenn ich gut und lange geschlafen habe. Seltsamerweise schreibe ich gerne im Dunkeln, auch am Morgen. Es ist unabdingbar, allein zu sein. Niemand wird an der Tür klopfen, kein Telefon wird klingeln, das Internet macht Pause. Ich bin mit mir allein, dem egozentrischen Arschloch, von dem ich lebe.