Jack Sim ist 4.000 Kilometer von Singapur nach Indien gereist, und plötzlich klebt der Grund seiner Reise an seiner Schuhsohle. Sim steht vor dem Bahnhof der Stadt Rishikesh, Rikschas rollen an ihm vorbei, Autos hupen, und Sim macht ein Gesicht, als könne er sich nicht recht entscheiden, ob er sich ärgern oder lachen soll. Lustig ist es schon, dass ausgerechnet er in diesen braunen Haufen getreten ist. Denn deswegen ist er ja hierhergekommen: wegen der Scheiße.

Man mag dieses Wort für ordinär halten, für primitiv, eklig. Aber es ist ein Wort, das Jack Sim dauernd benutzt. Shit. Nicht weil er keine Manieren hätte, auch nicht, weil er provozieren wollte. Er findet einfach nur, dass die Menschheit endlich anfangen sollte, über Scheiße zu sprechen, vor allem die Inder.

Sim sucht sich einen Streifen Gras und wischt seine Sohle ab. Dann steigt er in den Wagen, der an der Straße auf ihn wartet. Er rollt an Tempeln vorbei, an mageren Kühen und an Touristen, die am Ufer des Ganges bunte Gewänder und Yogabücher kaufen. Sim hält ein riesiges Smartphone in der Hand. Auf einmal ruft er: "Stopp! Können wir umdrehen?"

Er schaut durch die Heckscheibe nach hinten. Der Fahrer wendet. Sim springt aus dem Wagen, bevor er richtig hält, und läuft zu einem Laden am Straßenrand. Dort stehen vier weiße Toilettenschüsseln. Sim macht Fotos. Er prüft auf dem Display seines Smartphones, ob sie gut geworden sind, dann macht er noch mehr Fotos. Er fotografiert die Klos wie andere Leute den Taj Mahal. Der Verkäufer schaut ihn ratlos an.

Jack Sim ist ein 58-jähriger kleiner, drahtiger Mann mit Brille, der viel redet. Vor allem aber ist er: Mr. Toilet, der Klomann der Welt. Vor 14 Jahren hat er in seiner Heimat Singapur die World Toilet Organization gegründet. Wenn Sim sich irgendwo vorstellt, kichern die Leute. Welttoilettenorganisation, hahaha. Er hat sich daran gewöhnt, sollen sie halt lachen. "Es gibt doch niemanden, der nicht aufs Klo geht", sagt er. "Warum können wir darüber nicht normal reden?"

Weil es uns peinlich ist. Weil wir uns dafür schämen, wie wir loswerden, was wir zu uns nehmen. Weil wir nicht gelernt haben, wie man darüber spricht.

In Deutschland haben wir Toiletten, überall, wo wir sie brauchen. Wir schließen die Tür hinter uns, verrichten unsere Notdurft und spülen unseren Kot und all die Bakterien und Viren in ihm mit einem Knopfdruck in die Kanalisation. Darüber, welchen Wert eine Toilette mit Wasserspülung hat, denken wir nicht nach.

Noch im Mittelalter entleerten die Menschen ihre Nachttöpfe durchs Fenster auf die Straße. Zwar hatte es Latrinen schon im alten Rom gegeben, und im Irak fanden Archäologen sogar Überreste von 4.000 Jahre alten Toiletten. Aber erst der Brite Alexander Cumming erfand im Jahr 1775 jene Toilette, die wir heute benutzen: eine Toilette mit Wasserspülung und Siphon, einem S-förmig gekrümmten Rohr, das als Geruchsverschluss dient.

Indien hat ein Toilettenproblem

Wenn heute von den großen Erfindungen der Menschheitsgeschichte die Rede ist, wird meist die Elektrizität genannt, der Buchdruck, das Telefon, der Computer, das Penicillin. Aber keine Erfindung hat laut Experten in den vergangenen 200 Jahren so viele Menschenleben gerettet wie die Toilette. Sie hat die Welt revolutioniert. Allerdings nur ihren reichen Teil. Denn noch immer gilt: Je ärmer ein Land ist, desto weniger Toiletten besitzt es.

Weltweit gibt es eine Milliarde Menschen, die sich im Freien erleichtern müssen, weil sie keinen Zugang zu einer Toilette haben. Open defecation, "offene Defäkation", heißt es vornehm, wenn Spitzenpolitiker und Gesundheitsexperten davon sprechen, dass jeder siebte Mensch auf der Welt seinen Urin und Kot auf Feldern, an Flüssen, auf Bahngleisen oder hinter der nächsten Straßenecke loswird. Den Hygiene-Missstand bis 2015 weitgehend zu beheben war eines der sogenannten Millenniumsziele der Vereinten Nationen. Es wurde verfehlt.

Von der besagten einen Milliarde Menschen leben 600 Millionen in Indien. In den vergangenen Jahren ist eine Menge Geld in dieses Land geflossen. Einige der reichsten Männer der Welt sind Inder, in den Luxusvierteln von Mumbai sind die Quadratmeterpreise so hoch wie in New York oder London. Aber die Armut ist deswegen nicht verschwunden. Im Gegenteil. Das Neue ist: Es gibt in Indien jetzt mehr Handys als Toiletten. Aber im nach Einwohnern zweitgrößten Land der Welt hockt sich noch immer jeder Zweite einfach draußen hin, wenn er muss. Das Ergebnis ist, um es mit Jack Sims Worten zu sagen: ein gewaltiger Berg Scheiße.

In jedem Gramm Stuhl eines Menschen stecken Millionen Bakterien und Viren. Gelangen sie statt in ein Abwassersystem in Felder und Flüsse, sickern sie in den Boden und ins Trinkwasser – und erreichen wieder den Menschen. Die Folgen sind katastrophal. Typhus, Hepatitis und Cholera werden auf diese Weise übertragen. Es wird geschätzt, dass in Indien jedes Jahr 600.000 Menschen an Durchfallerkrankungen sterben, ein Drittel davon sind Kinder.

Man kann sagen, Indien hat ein Toilettenproblem.

Narendra Modi, seit vergangenem Mai indischer Premierminister, will es lösen. Kurz nach seiner Wahl hat er die größte Hygienekampagne gestartet, die es in Indien je gab. Bis zum 2. Oktober 2019, zum 150. Geburtstag des Nationalhelden Mahatma Gandhi, will er erreichen, dass kein Inder mehr auf die Felder muss. Über 100 Millionen Toiletten will die Regierung bauen, eine Toilette alle anderthalb Sekunden. Keine teuren Sitztoiletten mit Wasserspülung, aber immerhin einfache Hocktoiletten, bei denen man Urin und Kot mit einem Eimer Wasser in einen unterirdischen Tank spült.

Es gibt ein Land, in dem eine ähnliche Hygienekampagne eines Premierministers vor Jahrzehnten großen Erfolg hatte: Singapur, die Heimat von Jack Sim. Noch in den sechziger Jahren war Singapur ein Entwicklungsland, damals erleichterten sich auch dort viele Menschen im Freien. Heute hat praktisch jeder Bewohner Singapurs Zugang zu einer sauberen, hygienischen Toilette. Eine Erfolgsgeschichte, die Indien wiederholen kann, glaubt Jack Sim.

Er wuchs selbst in einem Slum auf. Es gab ein einfaches Plumpsklo mit Eimer, Schmeißfliegen surrten herum. Sim ekelte sich als Kind so sehr, dass er eine Zeit lang lieber zu Hause in eine Schüssel machte. Er hat nicht vergessen, wie glücklich er war, als seine Familie schließlich in eine kleine Wohnung mit Toilette zog.

Jack Sim sagt, je mehr Hygiene es in einem Land gebe, desto gesünder und produktiver seien seine Bürger, desto mehr Investoren und Touristen kämen in dieses Land. Anders ausgedrückt: Toiletten schaffen Reichtum.

Man kann es also für eine weise Entscheidung halten, dass die indische Regierung das Land mit Toiletten versorgen will. Und man könnte glauben, dass die Menschen, die bisher in die Felder mussten, sich über eine eigene Toilette genauso freuen würden wie damals der kleine Jack Sim.

Wenn es so einfach wäre, wäre allerdings diese Geschichte in Hirmathla anders abgelaufen.

Hirmathla ist ein Dorf im indischen Bundesstaat Haryana, eineinhalb Stunden Autofahrt südwestlich von Neu-Delhi. Unverputzte Backsteinhäuser reihen sich aneinander, in den engen, staubigen Gassen liegen Kühe und dösen, Kinder spielen in der Sonne. Zweihundert Familien leben hier. Tagsüber sieht man fast nur Frauen. Manche von ihnen sind ein paar Jahre zur Schule gegangen, andere haben nie lesen und schreiben gelernt. In der Nähe steht eine Fabrik für Fahrzeugteile, dort arbeiten die Männer für ein paar Dutzend Rupien am Tag. Es gibt ärmere Dörfer in Indien und reichere. Hirmathla ist ein Durchschnittsdorf. Und eines, in dem die Menschen schon immer auf die Felder gehen, um sich zu erleichtern.

Die Dorfbewohner gehen lieber in die Felder

Anfang des Jahres 2011 fuhren Mitarbeiter der indischen Hilfsorganisation Sulabh nach Hirmathla. Sulabh versucht seit vielen Jahren, die sanitäre Ausstattung indischer Dörfer zu verbessern.

"Wir wollen euch Latrinen bauen", sagten die Leute von Sulabh zu den Familien im Dorf.

Da geschah etwas Seltsames. Die Dorfbewohner freuten sich nicht. Im Gegenteil: Sie wollten keine Latrinen haben.

Toiletten zu bauen, das ist nur eine Frage des Geldes, könnte man meinen. Auch Jack Sim dachte das am Anfang. Aber es gibt noch einen weiteren Grund dafür, dass das Hygieneproblem in Indien so groß ist wie nirgendwo sonst auf der Welt. Viele Inder gehen nicht nur deswegen auf die Felder, weil es in ihrem Dorf, in ihrem Stadtviertel keine Latrinen gibt. Sondern weil sie es gar nicht anders wünschen.

Exkremente gelten im Hinduismus als unrein. Das ist nicht weiter sonderbar, sie sind es ja irgendwie auch. Im Hinduismus aber folgte daraus, dass es die Aufgabe der alleruntersten Kaste ist, die Toiletten zu reinigen. Dalit heißen die Menschen, die dieser Kaste angehören, früher nannte man sie untouchables – "Unberührbare". Sie sind es, die seit jeher die Exkremente aus den Behältern der Plumpsklos leeren, oft von Hand.

Irgendwann galten nicht mehr nur die Exkremente als unrein, sondern auch die Toiletten. Und alles, was auf diesen Toiletten geschieht, erst recht. In Indien ist der menschliche Kot ein noch viel größeres Tabu als irgendwo sonst auf der Welt.

In Dörfern wie Hirmathla können es sich viele Menschen nicht vorstellen, eine Toilette in der Nähe ihres Hauses zu haben, also dort, wo sie essen. Ebenso wenig können sie sich vorstellen, mit ihren Exkrementen in einen engen Raum gesperrt zu sein. Sie halten das für unhygienisch, weil es allem widerspricht, was sie von ihren Eltern und Großeltern gelernt haben und die wiederum von deren Eltern und Großeltern, seit Jahrhunderten.

Also gehen sie lieber auf die Felder.

Wer, wie wir in Deutschland, immer eine Toilette hatte, kann sich nicht vorstellen, ohne sie zu leben. Aber manche Menschen, die nie eine Toilette hatten, können sich nicht vorstellen, eine zu benutzen. Das ist der komplizierte Teil der Geschichte.

Im Wirbel um die Hygienekampagne des Premierministers Modi geht unter, dass schon frühere indische Regierungen viele Millionen Toiletten bauen ließen. Oft endeten die Latrinen als Lagerraum. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass selbst in 40 Prozent der indischen Haushalte mit Toilette mindestens ein Familienmitglied auf die Felder geht.

Es kommt also nicht nur darauf an, Toiletten zu bauen. Man muss die Inder auch davon überzeugen, sie zu benutzen.

Deshalb reist Jack Sim zurzeit so oft nach Indien. Er ist zu einer Art Toilettenberater der Regierung geworden. Er soll helfen, den Indern den Wert des Klos zu erklären.

Bevor Sim in die Stadt Rishikesh fuhr, wo er sich dann die Schuhsohle verdreckte, hatte er in der Hauptstadt Neu-Delhi einen Termin bei einem hohen Regierungsbeamten. Es ging um 100.000 neue Schultoiletten im Bundesstaat Uttar Pradesh.

Im vierten Stock eines Hochhauses erwartete ihn der Beamte in einem geräumigen Büro. Er saß hinter seinem Schreibtisch, ein gedrungener Mann mit grimmigem Blick, Goldringe an den Fingern. Noch hatte er einen Telefonhörer am Ohr, sein Ton war barsch. Er legte auf und wandte sich Sim zu. Der schob seine Visitenkarte über den Tisch.

"Die Toilette braucht in Indien ein ganz neues Image"

Sie sprachen kurz über den geplanten Bau der Schultoiletten, dann kam Sim zur Sache. "Die Toiletten alleine reichen nicht", sagte er. "Sie müssen auch ein Ort sein, wo die Schüler gerne hingehen."

"Was ist denn Ihre Lösung?", fragte der Beamte.

Sim schlug vor, dass die Schüler die Toiletten dekorieren könnten. Sie anmalen, mit Blumen schmücken. So würde es ihnen leichterfallen, sie als "ihre Toiletten" anzusehen. Als etwas Schönes, das sie wertschätzen.

Der Regierungsbeamte lehnte sich zurück, die Arme hatte er über dem Bauch verschränkt. Sein Blick war skeptisch.

"Es braucht einen Plan, wer die Toiletten reinigen soll", fuhr Sim fort. "Wenn die Toiletten schmutzig sind und stinken, werden sie nicht mehr benutzt."

Der Beamte nickte.

Sim wollte wissen, welche Mittel es für die Reinigung gibt. Ob die Schüler sich selber darum kümmern werden oder nicht. "Kann ich eine Liste der Schulen bekommen?", fragte er. "Ich würde gerne helfen."

Der Beamte griff zum Telefon und stellte auf Lautsprecher. "Ich habe hier jemanden von der Welttoilettenorganisation", sagte er. "Mister Sim wird Sie in genau einer halben Stunde treffen." Er legte auf, schrieb einen Namen und eine Adresse auf einen Zettel und gab ihn Sim. Die Adresse gehörte zu einer Finanzbehörde. Dort wird das Geld für den Bau der 100.000 Schultoiletten verwaltet, und dort würde Sim die Liste der Schulen bekommen.

Die beiden Männer tranken Tee und aßen Kekse. "Die Toilette braucht in Indien ein ganz neues Image", sagte Sim. Er plane eine landesweite Kampagne, er habe viele Ideen.

"Whatever it takes", "Was immer es braucht", sagte der Beamte.

Aber dann erzählte Sim von seinen Plänen. Prominente könnten das Tabuthema ansprechen, sagte er, Bollywood-Stars zum Beispiel. Oder Comedians. Sie könnten in einer Fernsehshow gegeneinander antreten und die besten Toilettenwitze erzählen. In England habe es so was schon gegeben, einen Golden Poo Award.

Die Miene des Regierungsbeamten wurde wieder grimmig. "Die Menschen dürfen nicht ausgelacht werden, weil sie keine Toilette benutzen", sagte er.

"Nein, natürlich nicht", sagte Sim. So habe er es nicht gemeint.

Das Missverständnis zeigt, wie schwierig die Aufklärungsarbeit in Indien ist: Spricht man das Tabuthema zu vorsichtig an, ändert sich nichts. Spricht man es zu direkt an, fühlen sich die Menschen gedemütigt.

Jack Sim hat nach der Schule als Kellner gearbeitet. Später fand er einen Job als Verkäufer von Baumaterialien, und er war im Verkaufen so gut, dass ihn ein wohlhabender Geschäftsmann fragte, ob sie nicht gemeinsam eine Firma gründen wollten. Sie handelten mit Dachziegeln. Jack Sim, das Kind armer Eltern, wurde zu einem Unternehmer. Und zu einem reichen Mann.

Ende der neunziger Jahre aber brach die Wirtschaft in Südostasien ein. Sims Unternehmen rutschte in die Krise. Sim selbst auch. Er war gerade 40 Jahre alt geworden. Noch mal 40 Jahre, dann bin ich tot, dachte er. Vielleicht sollte er die Zeit besser nutzen, als nur dem Geld nachzujagen. Vielleicht sollte er versuchen, die Welt ein klein wenig zu verändern.

In der Zeitung las er damals einen Artikel, in dem der Premierminister Singapurs mit der Aussage zitiert wurde, dass sich der Zustand eines Landes am Zustand seiner Toiletten ablesen lasse. Jack Sim dachte zurück an seine Kindheit im Slum. Wären Toiletten nicht etwas, wofür er sich einsetzen könnte?

So wurde der Bauunternehmer Jack Sim zu Mr. Toilet.

Sechs Monate im Jahr ist er mittlerweile unterwegs, rund um die Welt. Reist er auf Einladung von Regierungen oder Stiftungen, bekommt er ein Zimmer im Fünf-Sterne-Hotel reserviert. Ist er auf eigene Kosten unterwegs, bucht er ein 20-Euro-Zimmer in einer Backpacker-Herberge. Manchmal verbringt er einen Abend als Dinnergast im Palast des Präsidenten und schlingt am nächsten Tag im Flughafenparkhaus ein Stück Pizza herunter. Jack Sim war arm, er war reich, jetzt ist er irgendwas dazwischen. Er ist in Singapur an einem Unternehmen beteiligt und besitzt drei Immobilien, seine Frau arbeitet halbtags als Maklerin. Es reicht für ein gutes Leben. Aber wenn Sim heute über Statussymbole redet, dann meint er damit Toiletten. Nur: Wie überzeugt man die Inder von deren Wert?

Jack Sims Idee: Ein Blockbuster

Jack Sim, der ehemalige Großunternehmer, glaubt: Damit die Toiletten in Indien sich verwandeln von etwas, über das niemand spricht, in etwas, das jeder haben will, braucht es noch mehr als ein paar Werbespots mit Bollywood-Stars oder eine Show mit Toilettenwitzen. Es braucht einen großen Film, einen Blockbuster. Weil die Menschen über einen erfolgreichen Film diskutieren, weil seine Botschaft hängen bleibt. Das ist Jack Sims Idee.

Er hat sogar einen Plan, wie auch jene Menschen den Film sehen können, die weder Geld für einen Fernseher noch für eine Kinokarte haben. Nicht drei, vier oder fünf Millionen Inder sollen diesen Film sehen, sondern dreißig, vierzig oder fünfzig Millionen. Deshalb ist er nach Rishikesh gefahren. Er will sich einen der Orte anschauen, wo sein Film nächstes Jahr auf Großbildleinwänden laufen könnte.

Im vergangenen Januar hat Indien im Rahmen von Narendra Modis Hygienekampagne den jährlichen Gipfel der Welttoilettenorganisation ausgerichtet. Politiker und Unternehmer, Toilettenexperten und Entwicklungshelfer diskutierten in Neu-Delhi zwei Tage lang über Hygiene. Unter den Teilnehmern des Gipfels war auch der Leiter des größten Meditationszentrums in Rishikesh, ein Mann mit großem Einfluss in Indien. Er versprach Jack Sim, ihn bei seiner Kampagne zu unterstützen. Und er erzählte ihm von der Kumbh Mela, einem hinduistischen Fest, das im nächsten Frühjahr im Norden Indiens wochenlang gefeiert wird. Die Gegend um die Tempelstadt Rishikesh ist nicht nur ein Touristen-, sondern auch ein Pilgerzentrum. Bis zu 100 Millionen Hindus aus dem ganzen Land werden im nächsten Jahr in der Region erwartet. Sie werden ein Bad im Ganges nehmen. Und wenn es nach Sim geht, werden sie seinen Film sehen.

Denn all die Pilger werden, das wird sich gar nicht vermeiden lassen, immer wieder lange warten müssen: an den Bahnhöfen, an den Busstationen, an den Zugängen zum Ganges. Sie werden herumstehen. In dieser Zeit will ihnen Sim den Film zeigen.

Er plant den Aufbau von 50 Großbildleinwänden, obwohl es den Film noch gar nicht gibt, aber das bereitet ihm keine Sorgen. Einfach machen, das war schon immer sein Lebensplan. Dächte er anders, wäre er nicht reich geworden. Es gäbe dann weder die Welttoilettenorganisation noch den Welttoilettentag am 19. November, der jahrelang eine Witzmeldung auf den Panorama-Seiten der Zeitungen war, aber inzwischen von den Vereinten Nationen anerkannt ist.

Einen indischen Produzenten hat Jack Sim für seinen Film schon gefunden. Mit ihm erarbeitet er das Drehbuch. Es muss in der Geschichte darum gehen, wie eine Toilette das Leben verbessern kann. Sim hat sich zur Vorbereitung Bollywood-Filme angesehen und Slumdog Millionär, jenen Oscar-prämierten Film, in dem ein Junge aus einem Slum in Mumbai den 20-Millionen-Rupien-Jackpot bei der indischen Version von Wer wird Millionär? holt. Ein Film, der Sozialstudie, Drama und Liebesgeschichte in einem ist. Natürlich hat er ein Happy End.

Auch Sims Film braucht ein gutes Ende. Er will sich eine Geschichte ausdenken, in der ein Klo die Menschen glücklich macht. Dafür gibt es in der Filmgeschichte keine Vorbilder. In der Wirklichkeit schon.

Jack Sim könnte sich zum Beispiel von Hirmathla inspirieren lassen, dem Dorf, dessen Bewohner keine Latrinen haben wollten.

Die Geschichte dieses Dorfes geht nämlich noch weiter. Die Mitarbeiter der Hilfsorganisation gaben nicht so einfach auf. Sie warben weiter für den Bau von Toiletten. Sie informierten über ihren Nutzen und sprachen von den Krankheiten, die sie verhindern könnten.

Schließlich gab es ein paar Dorfbewohner, die ins Nachdenken kamen, zum Beispiel Shakuntala Devi, eine 50-jährige Frau, sechsfache Mutter und fünffache Großmutter. Devi hat eine energische Stimme, sie ist ein Mensch, der sich nicht scheut, über Tabus zu sprechen. Ihr ganzes Leben lang hatte sie sich im Freien erleichtert, war immer hinausgegangen auf die Felder. Aber immer nachts, im Dunkeln, tagsüber schämte sie sich zu sehr.

Die Angst vor Vergewaltigungen

Sie gab zu, dass sie es unbequem fand, jeden Tag so früh aufstehen zu müssen, noch vor Sonnenaufgang. Manchmal schlief sie schlecht aus Sorge, nicht rechtzeitig aufzuwachen. Shakuntala Devi war also bereit, ein Leben mit Toilette auszuprobieren.

Anfangs fand sie es merkwürdig, sich in einen engen, geschlossenen Raum zu zwängen. Sie fühlte sich eingesperrt. Aber sie fand es auch bequem, dass sie nicht mehr so viel Zeit damit vergeuden musste, auf die Felder zu gehen. Und dass sie morgens länger schlafen konnte. Es dauerte vier Wochen, dann hatte sie sich an ihr Klo gewöhnt. Die Abneigung gegen die vermeintlich unreine Toilette war verschwunden.

Auch die anderen Bewohner, die bereit gewesen waren, die Toiletten auszuprobieren, konnten es sich auf einmal nicht mehr anders vorstellen. Und plötzlich gab es weitere Interessenten. Die Hilfsorganisation baute in Hirmathla eine Latrine nach der anderen. Die Familien bekamen sie nicht umsonst. 3.000 Rupien, umgerechnet 45 Euro, mussten sie dafür bezahlen. Ein Viertel des Anschaffungspreises. Die Menschen sollten die Toiletten nicht als Almosen empfinden, sondern als etwas Wertvolles, als ihren Besitz.

Heute haben alle Familien in Hirmathla eine Toilette. Die Hilfsorganisation ist stolz auf ihr Vorzeigedorf.

Für einen spannenden Film, wie er Jack Sim vorschwebt, ist diese Geschichte allerdings vielleicht zu unspektakulär, eine Sozialstudie ganz ohne Dramatik und Romantik, mehr Dokumentation als Spielfilm. Trotzdem enthält sie eine weitere Wahrheit über Indiens Toilettenproblem.

Es waren in Hirmathla vor allem die Frauen, die sich von den Vorteilen einer Toilette überzeugen ließen. Das war kein Zufall. Indische Männer haben kaum ein Problem damit, ihre Notdurft in der Öffentlichkeit zu verrichten. Man sieht sie nicht nur überall völlig ungerührt stehen und pinkeln, man sieht sie auch mitten am Tag am Straßenrand hocken.

Die Frauen hingegen schämen sich meist, am helllichten Tag auf die Felder zu gehen. Auch im Dunkeln aber fühlen sich viele von ihnen nicht wohl. Sie haben Angst, vor Skorpionen und Schlangen, vor allem aber vor den Männern. Indien, das Touristenparadies, ist auch ein Land, in dem alle 15 Minuten eine Frau vergewaltigt wird und Politiker dies manchmal mit dem Satz kommentieren: "Jungs sind eben Jungs."

Jack Sim denkt darüber nach, genau das zum Thema seines Films zu machen: Ein Mädchen könnte vergewaltigt werden, weil es im Haus seiner Eltern keine Toilette gibt. "Eine wahre Geschichte", sagt er.

Es ist die traurige Geschichte von Murti und Pushpa, zwei Mädchen, die man vor fast einem Jahr im Dorf Katra an einem Baum aufgehängt fand. Vorher waren sie offenbar von mehreren Männern vergewaltigt worden.

Katra liegt südöstlich von Delhi, sieben Stunden dauert die Fahrt. Je mehr man sich diesem Dorf nähert, desto einsamer wird die Gegend, desto weniger Siedlungen unterbrechen die Pfefferminz- und Tabakfelder, auf denen die Menschen hier ihre Tage verbringen. Ein paar klapprige Traktoren tuckern die Straße entlang, Ochsen ziehen Holzkarren hinter sich her.

Im Dorf schirmt eine Mauer das schmale Haus ab, in dem Murtis Eltern leben. Sohan Lal, der Vater, ist ein kleiner Mann, 50 Jahre alt, die Sonne hat das Gesicht des Feldarbeiters ledrig gegerbt. Lal war es, der am 27. Mai des vergangenen Jahres zur Polizei ging, um seine Tochter und ihre Cousine als vermisst zu melden.

Lals Frau schrubbt wie besessen Töpfe und Pfannen, während er erzählt, was seiner Meinung nach an jenem Abend passierte, an dem Murti starb, drittes von vier Kindern, einzige Tochter, zwölf Jahre alt.

Es war ein Dienstagabend im Mai, gegen neun Uhr abends, als Murti und ihre Cousine Pushpa auf die Felder gingen, um sich zu erleichtern. Sie kamen nicht zurück. Ein Mann aus dem Dorf berichtete, draußen trieben sich Männer herum, er habe sie mit den Mädchen gesehen. Die Familien starteten eine Suche. Sohan Lal ging zur Polizei. Und weil er das Gefühl hatte, dass die Dorfpolizei ihn nicht genügend unterstützte, machte er sich auch noch auf den Weg in die nächste Stadt, 70 Minuten entfernt. Mittlerweile war es nach zwei Uhr morgens. Auf dem Weg ein Anruf: Man habe die Mädchen gefunden. Sie hingen tot an einem Mangobaum.

Es wurde wieder hell in Katra. Polizisten kamen, um die Leichen abzunehmen, aber die Dorfbewohner hielten sie davon ab, bis halb fünf am Mittwochnachmittag. Aus Angst, die Beweise würden vertuscht.

Hätte es Toiletten gegeben, wären sie noch am Leben

Jemand machte Fotos von der barbarischen Szene, sie gingen online: zwei schmale Mädchen in bunten Kleidern, aufgehängt an den Schals, die sie trugen, ihre Köpfe nach unten geknickt. Um sie herum die Dorfbewohner, Männer, Frauen, Kinder, wie eine Schutzmauer. Die ersten Journalisten kamen. Bald wurde das Ergebnis der medizinischen Untersuchung bekannt gegeben: Murti und Pushpa waren vergewaltigt worden.

Die Geschichte machte Schlagzeilen, erst in Indien und dann in der ganzen Welt: zwei unschuldige Mädchen, der Aufschrei war gewaltig. Wie schon bei der Massenvergewaltigung einer Studentin in Neu-Delhi eineinhalb Jahre zuvor gab es landesweit Proteste. "Verhaftet sofort alle Angeklagten", stand auf den Schildern der Demonstranten und: "Erhebt euch jetzt, um das Patriarchat zu beenden!"

Dieses Mal aber rückte noch etwas in den Fokus: Die beiden Mädchen waren im Freien gewesen, weil sie im Dunkeln auf die Felder gehen mussten. Hätte es in Katra Toiletten gegeben, so die Schlussfolgerung, wären sie noch am Leben.

Der Tod der beiden Mädchen brachte das indische Toilettendilemma in die internationalen Schlagzeilen. Die Vereinten Nationen verurteilten die Tat – und wiesen auf die Gefahr für Frauen hin, wenn sie sich draußen erleichtern müssen.

Wenig später, am Tag der Unabhängigkeit, stand der neu gewählte Premierminister Narendra Modi vor dem Roten Fort in Delhi und sprach davon, was für eine Schande es sei, dass indische Frauen auf die Felder gehen müssten. Plötzlich war klar: Toiletten können nicht nur Krankheiten verhindern, sondern auch Vergewaltigungen.

In Katra wurden damals fünf Männer aus dem Dorf verhaftet. Der Medienwirbel war groß genug, um das CBI ermitteln zu lassen, Indiens Bundespolizei. Diese kam allerdings zu dem Ergebnis, dass Pushpa, die Ältere, eine Affäre mit einem der mutmaßlichen Vergewaltiger hatte. Pushpa und ihr Freund, so die Sicht des CBI, seien auf dem Feld zum Sex verabredet gewesen. Murti habe Schmiere gestanden. Dann habe jemand das Paar entdeckt, woraufhin die beiden Mädchen sich aus Angst vor der Strafe durch ihre Familien erhängt hätten. Die medizinische Untersuchung, wonach beide Mädchen vergewaltigt worden seien, sei falsch.

Alle Angeklagten kamen frei.

Haben die Mädchen sich wirklich selbst umgebracht? Oder wollte das CBI doch nur einen weiteren Vergewaltigungsfall vertuschen?

Sohan Lal, der Vater der toten Murti, kämpft darum, dass das Verfahren wieder aufgenommen wird. Es sieht nicht gut aus.

Oft geht er zu jenem Baum, an dem seine Tochter starb. Auf dem Weg kommt er auch an dem Tabakfeld vorbei, auf dem die Mädchen ihre Notdurft verrichteten. Wäre alles anders gekommen, wenn die Familie eine Latrine gehabt hätte?

Sohan Lal zuckt die Schultern.

Vor seinem Haus steht jetzt ein Toilettenhäuschen, knalltürkis gestrichen, mit rosafarbenem Dach, wie eine grelle Erinnerung an jenen 27. Mai, der alles verändert hat.

Von jenem Tag, über den sie hier nur noch als "der Zwischenfall" sprechen, sind dem Dorf Katra 108 solcher Toilettenhäuschen geblieben. Die Hilfsorganisation Sulabh, die auch in Hirmathla die Toiletten baute, übergab sie feierlich im August vergangenen Jahres. Es waren schöne Bilder für die Hilfsorganisation.

Versprochen hatte sie allerdings 400 Toiletten. Seit Monaten hat sich kein Arbeiter mehr im Dorf blicken lassen. Warum, wissen die Bewohner dort nicht. Vielleicht, weil in der Zwischenzeit der Ermittlungsbericht der Bundespolizei veröffentlicht wurde. Vielleicht, weil längst keine Journalisten mehr nach Katra kommen.

Im Bundesstaat Uttar Pradesh, wo die Mädchen Murti und Pushpa starben, werden im Schnitt zehn Vergewaltigungen am Tag gemeldet. Fast zwei Drittel davon ereignen sich nach offiziellen Angaben, wenn die Mädchen und Frauen auf die Felder gehen. Auch in Katra, wo nicht alle Familien eine Toilette bekommen haben, machen sie sich weiter auf den Weg, immer morgens und abends, wenn es dunkel ist.

Jack Sim sitzt am Jolly Grant Airport nahe der Stadt Rishikesh und wartet darauf, dass sein Flug nach Delhi aufgerufen wird. Dort hat er noch einen letzten Termin, direkt danach wird er zurück nach Singapur fliegen. Der Mann, der in den vergangenen Tagen wie ein Aufziehmännchen durch Indien gerattert ist, sieht müde aus. Den Morgen hat er noch einmal damit verbracht, sich gute Plätze für die Großbildleinwände anzuschauen. "Vielleicht schlafe ich auf dem Flug", sagt er.

Sim betritt die Maschine und sucht Sitzreihe 23. Platz C ist ein Gangplatz. Er setzt sich hin, jetzt könnte er die Augen schließen. Aber das Flugzeug ist noch nicht mal zur Startbahn gerollt, da beugt er sich schon zur Seite und unterhält sich mit seinen beiden Sitznachbarn, bis zur Landung in Delhi wird er nicht aufhören zu reden. Natürlich über Toiletten.

Die Geschichte von Murti und Pushpa wäre wohl doch zu deprimierend für einen Film. Aber es gibt da noch eine dritte Toilettenstory aus Indien, von der Jack Sim überlegt, ob er sie für seinem Film benutzen kann. Sie spielt in dem Dorf Bhaisaha nahe der Grenze zu Nepal.

Dort lebt Priyanka Rai, 22 Jahre alt, eine sanfte Frau mit rundem Gesicht, im achten Monat schwanger mit dem zweiten Kind. Vor drei Jahren heiratete sie den Mann, den ihre Eltern für sie ausgesucht hatten. Auf dem Land ist das noch immer üblich. Auch dass die Braut nach der Hochzeit zu ihrem Mann und dessen Familie zieht.

Die Familie von Priyanka Rais Bräutigam aber hatte keine Toilette. Und obwohl die Braut auch in ihrem Elternhaus keine Toilette gehabt hatte, kam es für sie nicht infrage, dass sie ihr ganzes Leben lang auf die Felder gehen sollte. Sie verließ ihren Mann. Ein Skandal. Und ein geradezu filmreifes Liebesdrama.

Es hat in den vergangenen Jahren immer wieder Frauen gegeben, die sich weigerten, zu heiraten, wenn es im Haus des Mannes keine Toilette gab. Die Bewegung wurde unter dem Namen "No toilet, no bride" bekannt.

Ein Mann, der ohne Toilette keine Frau findet, das könnte eine gute Handlung sein für Jack Sims Film.

Würde aus der Geschichte von Priyanka und Lalchand Rai tatsächlich eine Bollywood-Romanze, dürfte sie mit der Flucht der Braut natürlich nicht zu Ende sein. Stattdessen würde Lalchand seiner fortgelaufenen Frau eine Toilette bauen. Sie würde zurückkommen, und das Paar würde sich in die Arme fallen, am besten direkt vor dem Klohäuschen. Das wäre ein Happy End, das gut zu einer Großbildleinwand am Ganges passen würde.

Die Realität war, wie so oft, etwas komplizierter. Das Happy End gab es wirklich, aber es war nicht Lalchand, der die Toilette baute, sondern die Hilfsorganisation Sulabh. Mitarbeiter hatten aus der Zeitung von der fortgelaufenen Braut erfahren. Flugs stellten sie dem Bräutigam eine Latrine auf den Hof seines Hauses in Bhaisaha. Dort steht sie noch heute: vier Wände aus Stein, in einer Wand eine Tür und dahinter eine weiße Keramikschüssel mit einem Loch. In der Ecke ein Eimer mit Wasser, um den Urin und den Kot wegzuspülen. Damit die ganze Scheiße endlich verschwindet. So würde es Jack Sim ausdrücken.