Wenn heute von den großen Erfindungen der Menschheitsgeschichte die Rede ist, wird meist die Elektrizität genannt, der Buchdruck, das Telefon, der Computer, das Penicillin. Aber keine Erfindung hat laut Experten in den vergangenen 200 Jahren so viele Menschenleben gerettet wie die Toilette. Sie hat die Welt revolutioniert. Allerdings nur ihren reichen Teil. Denn noch immer gilt: Je ärmer ein Land ist, desto weniger Toiletten besitzt es.

Weltweit gibt es eine Milliarde Menschen, die sich im Freien erleichtern müssen, weil sie keinen Zugang zu einer Toilette haben. Open defecation, "offene Defäkation", heißt es vornehm, wenn Spitzenpolitiker und Gesundheitsexperten davon sprechen, dass jeder siebte Mensch auf der Welt seinen Urin und Kot auf Feldern, an Flüssen, auf Bahngleisen oder hinter der nächsten Straßenecke loswird. Den Hygiene-Missstand bis 2015 weitgehend zu beheben war eines der sogenannten Millenniumsziele der Vereinten Nationen. Es wurde verfehlt.

Von der besagten einen Milliarde Menschen leben 600 Millionen in Indien. In den vergangenen Jahren ist eine Menge Geld in dieses Land geflossen. Einige der reichsten Männer der Welt sind Inder, in den Luxusvierteln von Mumbai sind die Quadratmeterpreise so hoch wie in New York oder London. Aber die Armut ist deswegen nicht verschwunden. Im Gegenteil. Das Neue ist: Es gibt in Indien jetzt mehr Handys als Toiletten. Aber im nach Einwohnern zweitgrößten Land der Welt hockt sich noch immer jeder Zweite einfach draußen hin, wenn er muss. Das Ergebnis ist, um es mit Jack Sims Worten zu sagen: ein gewaltiger Berg Scheiße.

In jedem Gramm Stuhl eines Menschen stecken Millionen Bakterien und Viren. Gelangen sie statt in ein Abwassersystem in Felder und Flüsse, sickern sie in den Boden und ins Trinkwasser – und erreichen wieder den Menschen. Die Folgen sind katastrophal. Typhus, Hepatitis und Cholera werden auf diese Weise übertragen. Es wird geschätzt, dass in Indien jedes Jahr 600.000 Menschen an Durchfallerkrankungen sterben, ein Drittel davon sind Kinder.

Man kann sagen, Indien hat ein Toilettenproblem.

Narendra Modi, seit vergangenem Mai indischer Premierminister, will es lösen. Kurz nach seiner Wahl hat er die größte Hygienekampagne gestartet, die es in Indien je gab. Bis zum 2. Oktober 2019, zum 150. Geburtstag des Nationalhelden Mahatma Gandhi, will er erreichen, dass kein Inder mehr auf die Felder muss. Über 100 Millionen Toiletten will die Regierung bauen, eine Toilette alle anderthalb Sekunden. Keine teuren Sitztoiletten mit Wasserspülung, aber immerhin einfache Hocktoiletten, bei denen man Urin und Kot mit einem Eimer Wasser in einen unterirdischen Tank spült.

Es gibt ein Land, in dem eine ähnliche Hygienekampagne eines Premierministers vor Jahrzehnten großen Erfolg hatte: Singapur, die Heimat von Jack Sim. Noch in den sechziger Jahren war Singapur ein Entwicklungsland, damals erleichterten sich auch dort viele Menschen im Freien. Heute hat praktisch jeder Bewohner Singapurs Zugang zu einer sauberen, hygienischen Toilette. Eine Erfolgsgeschichte, die Indien wiederholen kann, glaubt Jack Sim.

Er wuchs selbst in einem Slum auf. Es gab ein einfaches Plumpsklo mit Eimer, Schmeißfliegen surrten herum. Sim ekelte sich als Kind so sehr, dass er eine Zeit lang lieber zu Hause in eine Schüssel machte. Er hat nicht vergessen, wie glücklich er war, als seine Familie schließlich in eine kleine Wohnung mit Toilette zog.

Jack Sim sagt, je mehr Hygiene es in einem Land gebe, desto gesünder und produktiver seien seine Bürger, desto mehr Investoren und Touristen kämen in dieses Land. Anders ausgedrückt: Toiletten schaffen Reichtum.

Man kann es also für eine weise Entscheidung halten, dass die indische Regierung das Land mit Toiletten versorgen will. Und man könnte glauben, dass die Menschen, die bisher in die Felder mussten, sich über eine eigene Toilette genauso freuen würden wie damals der kleine Jack Sim.

Wenn es so einfach wäre, wäre allerdings diese Geschichte in Hirmathla anders abgelaufen.

Hirmathla ist ein Dorf im indischen Bundesstaat Haryana, eineinhalb Stunden Autofahrt südwestlich von Neu-Delhi. Unverputzte Backsteinhäuser reihen sich aneinander, in den engen, staubigen Gassen liegen Kühe und dösen, Kinder spielen in der Sonne. Zweihundert Familien leben hier. Tagsüber sieht man fast nur Frauen. Manche von ihnen sind ein paar Jahre zur Schule gegangen, andere haben nie lesen und schreiben gelernt. In der Nähe steht eine Fabrik für Fahrzeugteile, dort arbeiten die Männer für ein paar Dutzend Rupien am Tag. Es gibt ärmere Dörfer in Indien und reichere. Hirmathla ist ein Durchschnittsdorf. Und eines, in dem die Menschen schon immer auf die Felder gehen, um sich zu erleichtern.