Woraus schöpft der Dichter? Also sprach Friedrich Nietzsche: "Man hört, man sucht nicht, man nimmt, man fragt nicht, was da gibt, wie ein Blitz leuchtet ein Gedanke auf." Dichten und Denken sind offenbar ein Naturereignis, nach dessen Ursprung wir nicht fragen sollen. Wagen wir die Frage trotzdem: Woher kommt der Blitz, was leuchtet auf? Der griechische Philosoph Parmenides sagte im 5. Jahrhundert vor Christus: Im Augenblick der Erkenntnis öffnet sich ein großes Tor, und es ergießt sich daraus ein Licht. Dieses Licht ist so gewaltig, dass der einzelne Gegenstand, das Seiende, darin aufgelöst wird. In der Blendung offenbart sich dem Philosophen das große Ganze, das Sein.

Die Platoniker sprachen später von der "Sonne der Sonne", vom Logos, von Gott. Beweisen wollten sie diesen Gott nicht, aber an sich selbst erfuhren sie, dass das "schlafende Auge ihrer Seele" geweckt und mit Licht erfüllt wurde. Die ewige Wahrheit war ihnen, wie einst dem Parmenides, ins Auge gegangen. So waren sie sehend geworden, Seher, Erleuchtete, Erhellte, Propheten, Philosophen.

Die Lichtmetapher kommt aus der antiken Denktradition. Das Alte Testament macht eine andere Metapher populär: die inspiratio, die Einhauchung, die Beatmung. Der Schöpfer belebt aus gewaltig aufgepusteten Wangen sein aus Lehm geformtes Geschöpf. Pneuma hieß ursprünglich Hauch, verwandelte sich dann in Atem, in Odem, auch in den Lebensodem, und noch heute ist die Redensart vom "Aushauchen der Seele" gebräuchlich. Beim Eintritt des Todes wird sie dem Schöpfer zurückgegeben. Der Geist wird wieder Luft.

Wie viel von diesem Walten und Gestalten, von Inspiration und Erleuchtung, geschieht auch bei uns Heutigen: wenn wir schreiben, malen, Theater spielen, wenn wir eine Zeitungsseite, ein Abendkleid, eine Frisur, eine mathematische Formel oder eine Werbekampagne entwerfen? Eine Kreation vollzieht sich immer dann, wenn bisher noch nicht da gewesene Dinge aus dem Dunkel ins Licht geholt werden. Allerdings ist die Kreation kein Inventat, nichts neu Erfundenes, vielmehr eine Koinzidenz: ein Zusammenfallen von bereits vorhandenen Dingen.

Beispiel Samuel Beckett. Der Dramatiker soll zehn Jahre lang auf dem Sofa gelegen und eine neue Dramaturgie gesucht haben. Sein geduldiges Warten wurde belohnt: Eines Tages fiel ihm Warten auf Godot ein. Als dieses Stück die Theater eroberte, hat die Literaturwissenschaft versucht, Becketts Inspiration nachzuzeichnen, und tatsächlich ließen sich die einzelnen Bestandteile benennen. Da war zum einen das Sofa, auf dem Beckett gelegen und nachgedacht hatte. Da war seine Liebe zum irischen Varieté, das er als Kind kennengelernt hatte. Und da war Becketts Bewunderung für Shakespeares Endzeitdrama Der Sturm. Daraus übernahm der Dramatiker die Insel, und aus den erinnerten Varieté-Conférenciers formte er seine beiden Hauptfiguren Wladimir und Estragon. Kurz: In Becketts Geist trafen die verschiedensten Dinge zusammen, sein eigenes Warten, seine Kindheitserinnerungen, sein literarisches Wissen sowie eine große theologische Bildung. Und aus der Koinzidenz all dieser bisher unverbundenen Dinge entstand nun: Warten auf Godot, das Jahrhundertstück.

Da schmiegte sich der Ball an Lionel Messis Fuß, und es geschah ein Wunder

Diesen Vorgang der Koinzidenz erleben wir alle manchmal: im Traum. Da wird etwas aus unserem Dunkel hell. Unpassendes schießt zusammen: Alltagsreste, Verdrängtes, Erlebtes, Wünsche, Ängste, Wissen, Mythen. Und insofern wäre es für einen Schriftsteller vermutlich das Beste, er würde im Schlaf schreiben. Oder sich wie Samuel Beckett aufs Sofa legen. Im Liegen geschieht ja meistens das Schönste: wenn es zwischen zwei Menschen funkt. Wenn sich in den Augen des andern die Sterne offenbaren, die ewigen Wahrheiten in der Finsternis der Nacht. Als Liebende sind wir kreativ. Küsse inspirieren uns, sie beleben und beseelen.

Ach ja, und Messi natürlich! Haben Sie ihn gesehen, im Hinspiel Barcelona – Bayern? Zwei Mannschaften waren dabei, sich durch das gekonnte Entwickeln ihrer Systeme zu neutralisieren. Da kam er, Lionel Messi. Vielleicht sollte ich besser sagen: Da schmiegte sich der Ball an Leos Fuß, und es geschah ein kleines Wunder. Der Täter lachte wie ein Schülerbub, dann blickte er hoch, zum nächtlichen Himmel über dem Stadion: Danke für das Tor.

Sie erinnern sich? Es hat sich seinerzeit für Parmenides geöffnet. Hier öffnete es sich für Messi. Und manchmal öffnet es sich auch für uns, die gewöhnlichen Sterblichen. Wenn wir auf dem Sofa liegen, wenn wir einander lieben und schlafen und träumen, erfahren wir das Wunder der Inspiration, der Erleuchtung. Dann entsteht aus der Koinzidenz von Nacht und Licht eine neue Welt.

Unser Autor Thomas Hürlimann, 64, ist ein Schweizer Dramatiker und Schriftsteller. Er ist bekannt als Verfasser der Romane "Der große Kater" und "Vierzig Rosen".