Kreativität kommt natürlich von oben; auch wenn manche nüchterne Zeitgenossen das gern leugnen. Sie denken sich den heutigen Künstler gern unabhängig vom Himmel. Wahrscheinlich haben sie Furcht, als fromm zu gelten oder, schlimmer noch, als sentimental. Aber es hilft ihnen nichts: Der Himmel – also der Glaube, dass alles Sein sich einer höheren Macht verdankt – existiert. Seit wann? Nun, seit Menschengedenken. Und fast genauso lange prägt er auch unsere Vorstellung vom Künstlertum.

Die alten Griechen glaubten, dass das Chaos die Götter und die Titanen gebar, damit sie über die Menschen und über die Elemente herrschen. Die Christen glauben, dass Gottes Odem und Wort die Welt erschufen, wobei der Schöpfer seinen Geschöpfen am Ende befahl: "Macht euch die Erde untertan!" Dieser Auftrag wirkte, vor allem auf das menschliche Selbstbewusstsein. Jahrhundertelang galt in unserem Kulturkreis der schöpferische Mensch als ein Nachfahre und Nachahmer des Schöpfergottes. Und bis heute genießen Künstler einen hohen Status, ja werden als kleine Götter verehrt, weil sie auf geheimnisvolle, nicht messbare Weise etwas zustande bringen, das auch Atheisten jubeln lässt: wunderbar!

Was ist ein Wunder? Die Glaubenskongregation in Rom kann es definieren, wir anderen halten uns vornehm und feige zurück. Dafür sprechen wir dauernd von Kreation, Inspiration, Schöpfung, als seien das ganz profane Begriffe.

Was meinte Cicero mit "göttlicher Eingebung"? Was meinte Schiller mit "Freude schöner Götterfunken"? Doch nichts anderes, als dass es Bereiche unseres Seins gibt, die sich einer rationalen, vernünftigen, rein verstandesmäßigen Beschreibung entziehen. Zu diesen Bereichen gehört immer noch die Kreativität. Sie mag durch vielen Gebrauch abgenutzt und profanisiert sein, trotzdem bezeichnet sie etwas Höheres.

Nein, man muss nicht an Gott glauben, um kreativ zu sein. Im Gegenteil. Künstler sind oft Gotteslästerer und unterwerfen sich nicht gern irgendwem. Das Vorbild für ihr Autonomiestreben aber stammt wiederum aus dem Mythos. Prometheus stielt das himmlische Feuer, um es den Menschen zu bringen. Für diesen Frevel schmiedet ihn Zeus an den Kaukasus, wo ein Adler von seiner ständig nachwachsenden Leber zehrt. Goethe hat aus dem grausamen Schicksal des Titanensohns eine Ode auf den genialen, den prometheischen Menschen gemacht. Sie gipfelt in dem berühmten Vers: "Hier sitze ich, forme Menschen nach meinem Bilde!"

Es ist eine Schmährede auf die höchste Autorität, eine Selbstbehauptungshymne, ein Freiheitsruf. Viele moderne Dichter haben den aufmüpfigen Prometheus denn auch in eigenen Werken verewigt. Doch von den Göttern und von der Frage, ob wir Menschen nun selbst das Höchste sind oder nicht, kamen sie dabei nie los.