Kreativität muss kein Gottesgeschenk sein; zumal nicht in christlicher Sicht. Über Jahrhunderte hinweg konnten die Künstler nach Meinung der Kirchen auch vom Teufel zur schöpferischen Freiheit verleitet werden. Insbesondere die bildliche Auslegung der Heiligen Schrift stand unter fortwährendem Verdacht, eine verborgene Ketzerei zu formulieren. Manch berühmtes Altargemälde, zu dem wir heute andächtig pilgern, war zu seiner Zeit hochumstritten. Die orthodoxe Kirche hat lange sogar um ein generelles Bilderverbot gerungen; die Erlaubnis bildlicher Darstellungen wurde schließlich von einem starren Regelwerk kontrolliert, das bis heute so etwas wie eine individuelle Handschrift des Künstlers nur mit Mühe erkennen lässt. Schöpferisch zu sein hieß, die dogmatischen Vorgaben anwenden zu können.

Das konnte auch eine ganz bestimmte Art von kreativer List freisetzen – wie in den Zeiten drückender Zensurgesetze des Staates. Der besondere Esprit Heinrich Heines, überhaupt der ironische Witz der deutschen Vormärzdichter beruhten auf den literarischen Kniffen, mit denen sie die Zensoren täuschten. Kreativ kann auch der Umgang mit Unfreiheit sein. Niemand wusste das besser und fürchtete es mehr als die kommunistischen Parteien des 20. Jahrhunderts. Wer in ihrem Machtbereich etwas anderes tat, als die dogmatischen Vorgaben auszutuschen, konnte mit dem Tode bestraft werden wie die Ketzer des Mittelalters. Indes war auch niemals sicher, welches die richtige Ausführung der Parteilinie war; hier konnte jede kreative Bewegung, Abweichung wie Übererfüllung, lebensgefährlich sein. Das kreative Prinzip schlechthin war eine Provokation.

Und wird es wahrscheinlich, wenngleich nicht immer mit letaler Konsequenz, auch in der offenen Gesellschaft bleiben. Der französische Schriftsteller Frédéric Beigbeder hat aus seiner Zeit in einer Werbeagentur berichtet, wie gerade die inspiriertesten Ideen von der auftraggebenden Wirtschaft zerredet und zerrieben wurden. Alles wahrhaft Kreative im Sinne des Neuen galt als anstößig und absatzgefährdend. Journalisten können in ihren Verlagen Ähnliches erleben. Und erst recht wird jede ungewöhnliche Idee, die das Internet erreicht, mit Empörungswogen ertränkt. Man könnte geradezu sagen, dass der Shitstorm die zeitentsprechende Antwort auf Kreativität ist. Jedenfalls wenn Kreativität noch mit dem Schaffen von etwas Ungewöhnlichem zusammengedacht wird.

Anders verhält es sich natürlich mit jener angewandten Kreativität, die eher dem Malen nach Zahlen entspricht – der willenlosen Ausführung eines Auftrags. Dass man heute für die Designer, Werbeleute, Modemacher den Ausdruck Kreative benutzt, zeigt die opportunistische Scheu unserer Gesellschaft vor jeder Novität.