Für Tierversuche kann man keine Sympathie erwarten. Sie finden in einer Parallelsphäre von Labors und Instituten statt, mit der kaum ein Laie je in Berührung kommt. Auch wer sie im Prinzip für nötig hält und darauf vertraut, dass der Gesetzgeber diese unsichtbare Sphäre strengen Regeln unterworfen hat, will es wahrscheinlich selbst gar nicht so genau wissen: wovor das Tierschutzgesetz die Labortiere da schützt. Von den millionenfachen Experimenten profitieren wir lieber stillschweigend, als uns mit einem ethischen Dilemma zu belasten.

Es lautet so: Wir Menschen nutzen Angehörige anderer Spezies im Dienst unserer eigenen Neugier. Etwa in der Grundlagenforschung, bei der Medikamentenentwicklung oder um die Ungiftigkeit chemischer Substanzen zu überprüfen.

Diese Motive sind nachvollziehbar, ganz pragmatisch. Aber in jedem einzelnen Fall drückt sich auch diese Norm aus: Wir (Menschen) dürfen über sie (die übrigen Tiere) verfügen. Das ist für unseren Lebensstil zweckmäßig und insbesondere für unsere moderne Medizin wichtig. Aber schön ist es nicht. Und folglich gibt es auch keine Pro-Tierversuchs-Bewegung hierzulande.

In Erscheinung treten hingegen die Kämpfer für ein Verbot von Tierversuchen. Etwa in Tübingen, wo gerade ein renommierter Hirnforscher nach monatelangen Schmähungen und Drohungen von Experimenten an Affen Abstand nahm. Oder im EU-Parlament, wo am Montag Vertreter der Initiative "Stop Vivisection", mit den Unterschriften von 1,2 Millionen Bürgern im Rücken, für ein Verbot aller Tierversuche stritten. Die Maximalforderung also, und nicht etwa die abermalige Verschärfung der Tierschutzregeln. Jener Regeln, die im internationalen wie im historischen Vergleich ungewöhnlich streng sind.

Im Gegensatz zum Tübinger Fall mit seinen Angriffen ad personam erscheint die europäische Bürgerinitiative sympathisch: Bis ins Zentrum der Brüsseler Macht für Tiere – wenn das kein Zeichen von Empathie ist!

Sinnvoll ist die Forderung allerdings nicht.

Nicht nur, weil dieselbe EU, die bitte schön Tierversuche verbieten soll, immer höhere Standards für die Sicherheit von Chemikalien vorschreibt, welche man wiederum oft nur an Labortieren überprüfen kann. Nicht nur, weil durch ein Verbot die Grundlagenforschung und die Medizin absehbar ins Stocken gerieten. Sondern auch, weil Tierversuche ein schlechtes Exempel sind, um unser Verhältnis zu anderen Wesen neu zu justieren.

Zunächst sind Labortiere eine Minderheit: In Deutschland leben mehr als 30 Millionen Haustiere, hauptsächlich Katzen, Hunde, Kleinsäuger. Viel größer ist die Zahl geschlachteter Nutztiere, mehr als 750 Millionen sind es pro Jahr, vor allem Hühner, Schweine und Puten. In Relation dazu die Zahl der Versuchstiere: Sterben müssen in oder nach Experimenten jährlich etwas mehr als drei Millionen Tiere (überwiegend Mäuse und Ratten).

Und wofür? Während wir die einen im Übermaß unserem Verdauungstrakt zuführen (Motiv: Kotelett), helfen uns die anderen womöglich beim Verständnis schwerer Krankheiten (Motiv: Parkinson). Sie tragen also dazu bei, menschliches Leid zu lindern. Darm oder Hirn, da muss man kein Philosophie-Hauptseminar besucht haben, um die unterschiedlichen Motive für die Ausbeutung von Tieren unterschiedlich legitim zu finden. Eines ist eher vertretbar als das andere.

Zu der absoluten Position eines totalen Verbots existiert gar kein argumentativer Gegenpol. Wer forderte schon eine Deregulierung von Tierversuchen? Die über die Jahre verschärften Gesetze sind – vorübergehend und unperfekt, wie Kompromisse halt sind – immer das Ergebnis der Abwägung widerstrebender Güter. Dazu zählt pure Neugier, gewiss, aber auch Tierschutz. Und das solidarische Motiv, Angehörigen unserer eigenen Spezies zu helfen. Nennen wir es Menschenschutz.