Da posiert er auf dem Facebook-Foto, ganz in Weiß und mit Mönchstonsur, während sich Hannelore Kraft an seine Seite schmiegt. Die Ministerpräsidentin lächelt, ist ganz die nette Regentin von nebenan. Der Mann neben ihr schaut ernst und staatsmännisch durch seine Goldrandbrille, zugleich aber auch milde und mitfühlend, wie es sich für einen Gottesmann von Welt gehört. Mit so jemandem lassen sich Landesherren gerne ablichten beim Provinzbesuch. Das Problem ist nur: Der Mann auf dem Foto ist gar kein Priester, das sagt zumindest die Deutsche Bischofskonferenz. Eine obskure Vereinigung soll ihn geweiht haben, die in keiner Verbindung zur römisch-katholischen Kirche steht, weshalb Hubertus Groppe, so heißt der Mann, offiziell als exkommuniziert gilt. Für die Deutsche Bischofskonferenz ist der Fall damit erledigt: Hubertus Groppe sei ein Schwindler, heißt es, ein Felix Krull mit Priesterkragen. Er sonne sich im Glanz eines Amtes, das ihm von Amts wegen nicht zukomme. Man könne ihn keinesfalls ernst nehmen oder ihm vertrauen. Weiß er überhaupt, was er tut?

Groß, stattlich, mit rotem Gesicht und Goldkreuz am Revers steht Hubertus Groppe in seiner Paderborner Wohnung. Die Wohnung riecht muffig, das Mobiliar ist alt, auf dem Tisch liegt eine DVD: "Nackt unter Wölfen". Bruder Hubertus macht sich fertig. Er will nach Marsberg, in die Jugendpsychiatrie St. Johannesstift. Dort verbrachte er die 13 schlimmsten Jahre seines Lebens. Sie machten ihn zu dem Mann, der er heute ist. In Marsberg will er in der Kapelle die Messe lesen. Ein runder Mann trägt ihm die Plastiktüte. Darin: die Krankenakte von Groppe, Hubert, unehelich geboren 1952, ins Waisenhaus gebracht 1952, in die Psychiatrie überwiesen 1957, entlassen 1970. Der runde Mann heißt Hans-Konrad und verehrt Hubertus sichtlich. Den einen versuchte die Mutter als Säugling in der Pader zu ertränken, den anderen wollten die Eltern per Staubsauger abtreiben. Deshalb hat Hans-Konrad einen Hirnschaden und ist, wenn er redet, nur schwer zu verstehen. Hubertus hat Hans-Konrad vor Jahren bekehrt. Zusammen verteilen sie Brote gegen Spenden und benennen sie nach Papst Benedikt XVI. Denn Hubertus ist Bäcker, beziehungsweise er war es. Eine eigene Bäckerei hat er schon seit Jahren nicht mehr. Hubertus ist arbeitslos, er hat wenig, braucht wenig. Er sei ja ein bescheidener Mann Gottes, sagt er. Und so ziehen Hubertus und Hans Konrad los, der Kapelle entgegen, um die Messe zu feiern, die sie niemals feiern dürfen.

Der Weg nach Marsberg ist weit. 40 Minuten über die A 33. Draußen: Sauerland. Drinnen: Hubertus, der begeistert leere Kirchen zählt. "Und da gibt’s seit drei Jahren keinen Priester, und da seit zwei, und da seit vier." Es sei offensichtlich, lautet sein Fazit: Die Kirche brauche ihn. Alle, die behaupten, er sei kein Mann Gottes, sollten sich nur mal umschauen hier: überall Leere, Unglaube, Bedarf. "Es will mir nicht in den Kopf." Hans-Konrad schaut aus dem Fenster. Irgendwann murmelt er: "Schrecklich, schrecklich." Wir sind da.

Wenn die braunen Schwestern schliefen, kamen die Nonnen

Vor uns eine Art Schloss im Nirgendwo des Sauerlands mit Türmen, Erkern, Schnörkeln, Zinnen. Das ist die Kinder- und Jugendpsychiatrie Marsberg, das ehemalige St. Johannesstift. 1881 nahmen zwei Barmherzige Schwestern hier erstmals ein "wahnsinniges" Kind in ihre Obhut. Tausende folgten. Im Dritten Reich setzten die Nazis den Nonnen einen Arzt mit Parteibuch und ein Rudel braune Krankenschwestern vor die Nase. Der Arzt und die Schwestern spritzten 50 Kinder tot, mit Luminal, einem Mittel gegen Epilepsie, und nannten es Erlösung. Wenn die braunen Schwestern schliefen, kamen manchmal nachts die Nonnen und hielten Wache an ihrer statt. Sie sahen, wussten, schwiegen und vergaßen. Aber es gab auch andere, die halfen – und zwar den Kindern, nicht den Schwestern aus Berlin.

Ein Abstecher auf den Anstaltsfriedhof. Bruder Hubertus geht durch die Reihen: rechts Kinder, links Kinder, oben vergessene Nonnen, unten verstorbene Götter in Weiß. Hubertus posiert. Sein Fuß ruht auf einem Ärztegrab. Hans-Konrad dokumentiert das Ganze mit der Kamera. Später wird sein Fotolächeln im Internet gleich neben Hannelore Kraft zu finden sein.

Wie schwül es ist: nirgends Luft! Hubertus flüchtet unter einen Baum, überall ist Zwielicht. Hans-Konrad gähnt. Er reicht Hubertus die Plastiktüte. Von Seite eins der Akte schaut ein Junge mit Latzhose wie ein Sträfling in eine Welt, die ihn nicht mag. "Ich", sagt Hubertus. "Groppe, Hubert", sagt die Akte, "Größe 110,5 cm, Gewicht 23,7 kg, runder Schädel ohne wesentliche Deformierungen, Umfang 51,5 cm. Hinterkopf nur wenig ausgeprägt, niedrige, noch leicht balkonartig vorspringende Stirn". Der Junge entspricht den "Durchschnittsleistungen seiner Altersstufe". Er ist also gesund. Wie kam er hierher? "Von Anfang an", heißt es weiter, erwies sich Groppe, Hubert, "als typisches Heimkind mit ausgeprägter Heimroutine". Er muckt nicht, mault nicht, verlangt keine Liebe oder Aufmerksamkeit, tut, was man sagt, wenn man es sagt, nässt nur selten ins Bett, wirkt aber trotzdem schlampig und irgendwie verdächtig. Was macht so ein Junge hier? Bruder Hubertus sagt leise: "Meine Mutter."

Sie hieß Thea. Einige im Dorf behaupteten, sie wurde vergewaltigt von Paul, dem Bäcker, ausgerechnet dem Bäcker. Doch vielleicht hatten Paul und Thea auch nur Spaß, das reichte damals schon, um als Dirne zu gelten. Paul war verheiratet. Er wollte Hubert nicht, und Thea wollte er auch nicht. Niemand wollte Thea mehr im Dorf, als alle wussten, was sie für eine war. Sie versuchte Hubert loszuwerden, um die Schande loszuwerden. Nach der Geburt, steht in der Krankenakte, war Thea "zunehmend reizbar-unwirsch verstimmt, wurde krankhaft misstrauisch und entwickelte einen Verfolgungswahn, entnahm aus Telefongesprächen, man wolle sie umbringen, vergiften". Sie wird eingewiesen. Diagnose: "Schizophrenie, paranoide Form, bei intellektueller Minderbegabtheit". Thea bekommt Elektroschocks und Psychopharmaka. 1956 wird sie in die Erwachsenenpsychiatrie nach Marsberg überwiesen. Hubert ist jetzt der Sohn einer "Schwachsinnigen". Als er sich im Waisenhaus prügelt, kommt auch er in die Psychiatrie. Nur einen Steinwurf entfernt von Thea wächst er auf. Alle paar Monate darf er sie besuchen. Sie ist ihm fremd, so wie Paul. Als der Jahre später stirbt, versucht Hubert gerade Krankenpfleger zu werden. Jemand gibt ihm einen Tipp: "Dein Vater ist hier." Er besucht ihn in der Leichenhalle. Da liegt Paul nackt, kalt und tot. Sein Sohn schaut ihn an wie der Metzger das Fleisch. Er fühlt gar nichts. Irgendwann geht er. Und später muss er noch mal gehen, als sie im Krankenhaus erfahren, dass Hubert als Kind in Marsberg war.

Einmal versucht Hubert, mit Thea über Paul zu reden. Sie flieht und bricht den Kontakt ab. Die Ärzte sagen, die Besuche wühlten sie zu sehr auf. Einige Zeit sieht Hubert seine Mutter noch. Dann hat sie Freigang und wankt die Straße herunter – auf ihn zu und an ihm vorbei. Erst vor ein paar Jahren ist Thea gestorben. 50 Jahre war sie in Marsberg in der Anstalt. Bruder Hubertus erfährt von ihrem Tod per Post. Er soll die Begräbniskosten tragen. Doch er hat nichts. Er lebt von Hartz IV. – Es wäre eine Farce, wäre es keine Tragödie.

Bruder Hubertus zwinkert ins Licht. Es ist schon spät. Sie wollen ja noch die Messe halten irgendwann. Und Hubertus will das wirklich. "Ich bin Priester", sagt er und setzt hinter jedes Wort ein Ausrufezeichen. Alle, die wie die Bischofskonferenz etwas anderes behaupteten, hätten keine Ahnung oder wollten ihn vernichten. Gut, er habe nie Theologie studiert. Jesus aber auch nicht. Außerdem habe er ein paar Kurse im Fernstudium belegt. Mehr sei eben nicht drin gewesen. In Marsberg gab es nur die Sonderschule. Und weil er auf der Sonderschule in Marsberg war, gab ihm später im Leben keiner eine Chance. Dabei wollte Hubertus schon als Kind Priester werden. Zum Priester schauten in Marsberg alle auf, selbst die Nonnen. Er war unangreifbar. Auf ihn und die anderen Kinder schauten dagegen immer alle nur herab. Sie waren verdächtig, man konnte ihnen nicht vertrauen oder sie ernst nehmen, zudem waren sie "schwachsinnig", wie es damals hieß. Doch jetzt habe er wirklich keine Zeit mehr. "Komm, Hans-Konrad." – "Ja, Hubertus." Zusammen gehen sie Richtung Schloss. Patienten dösen in der Sonne, schwatzen, essen Currywürste im Café. Jemand schreit. Aber nur kurz.