Keine Gnade für Hubertus – Seite 1

Da posiert er auf dem Facebook-Foto, ganz in Weiß und mit Mönchstonsur, während sich Hannelore Kraft an seine Seite schmiegt. Die Ministerpräsidentin lächelt, ist ganz die nette Regentin von nebenan. Der Mann neben ihr schaut ernst und staatsmännisch durch seine Goldrandbrille, zugleich aber auch milde und mitfühlend, wie es sich für einen Gottesmann von Welt gehört. Mit so jemandem lassen sich Landesherren gerne ablichten beim Provinzbesuch. Das Problem ist nur: Der Mann auf dem Foto ist gar kein Priester, das sagt zumindest die Deutsche Bischofskonferenz. Eine obskure Vereinigung soll ihn geweiht haben, die in keiner Verbindung zur römisch-katholischen Kirche steht, weshalb Hubertus Groppe, so heißt der Mann, offiziell als exkommuniziert gilt. Für die Deutsche Bischofskonferenz ist der Fall damit erledigt: Hubertus Groppe sei ein Schwindler, heißt es, ein Felix Krull mit Priesterkragen. Er sonne sich im Glanz eines Amtes, das ihm von Amts wegen nicht zukomme. Man könne ihn keinesfalls ernst nehmen oder ihm vertrauen. Weiß er überhaupt, was er tut?

Groß, stattlich, mit rotem Gesicht und Goldkreuz am Revers steht Hubertus Groppe in seiner Paderborner Wohnung. Die Wohnung riecht muffig, das Mobiliar ist alt, auf dem Tisch liegt eine DVD: "Nackt unter Wölfen". Bruder Hubertus macht sich fertig. Er will nach Marsberg, in die Jugendpsychiatrie St. Johannesstift. Dort verbrachte er die 13 schlimmsten Jahre seines Lebens. Sie machten ihn zu dem Mann, der er heute ist. In Marsberg will er in der Kapelle die Messe lesen. Ein runder Mann trägt ihm die Plastiktüte. Darin: die Krankenakte von Groppe, Hubert, unehelich geboren 1952, ins Waisenhaus gebracht 1952, in die Psychiatrie überwiesen 1957, entlassen 1970. Der runde Mann heißt Hans-Konrad und verehrt Hubertus sichtlich. Den einen versuchte die Mutter als Säugling in der Pader zu ertränken, den anderen wollten die Eltern per Staubsauger abtreiben. Deshalb hat Hans-Konrad einen Hirnschaden und ist, wenn er redet, nur schwer zu verstehen. Hubertus hat Hans-Konrad vor Jahren bekehrt. Zusammen verteilen sie Brote gegen Spenden und benennen sie nach Papst Benedikt XVI. Denn Hubertus ist Bäcker, beziehungsweise er war es. Eine eigene Bäckerei hat er schon seit Jahren nicht mehr. Hubertus ist arbeitslos, er hat wenig, braucht wenig. Er sei ja ein bescheidener Mann Gottes, sagt er. Und so ziehen Hubertus und Hans Konrad los, der Kapelle entgegen, um die Messe zu feiern, die sie niemals feiern dürfen.

Der Weg nach Marsberg ist weit. 40 Minuten über die A 33. Draußen: Sauerland. Drinnen: Hubertus, der begeistert leere Kirchen zählt. "Und da gibt’s seit drei Jahren keinen Priester, und da seit zwei, und da seit vier." Es sei offensichtlich, lautet sein Fazit: Die Kirche brauche ihn. Alle, die behaupten, er sei kein Mann Gottes, sollten sich nur mal umschauen hier: überall Leere, Unglaube, Bedarf. "Es will mir nicht in den Kopf." Hans-Konrad schaut aus dem Fenster. Irgendwann murmelt er: "Schrecklich, schrecklich." Wir sind da.

Wenn die braunen Schwestern schliefen, kamen die Nonnen

Vor uns eine Art Schloss im Nirgendwo des Sauerlands mit Türmen, Erkern, Schnörkeln, Zinnen. Das ist die Kinder- und Jugendpsychiatrie Marsberg, das ehemalige St. Johannesstift. 1881 nahmen zwei Barmherzige Schwestern hier erstmals ein "wahnsinniges" Kind in ihre Obhut. Tausende folgten. Im Dritten Reich setzten die Nazis den Nonnen einen Arzt mit Parteibuch und ein Rudel braune Krankenschwestern vor die Nase. Der Arzt und die Schwestern spritzten 50 Kinder tot, mit Luminal, einem Mittel gegen Epilepsie, und nannten es Erlösung. Wenn die braunen Schwestern schliefen, kamen manchmal nachts die Nonnen und hielten Wache an ihrer statt. Sie sahen, wussten, schwiegen und vergaßen. Aber es gab auch andere, die halfen – und zwar den Kindern, nicht den Schwestern aus Berlin.

Ein Abstecher auf den Anstaltsfriedhof. Bruder Hubertus geht durch die Reihen: rechts Kinder, links Kinder, oben vergessene Nonnen, unten verstorbene Götter in Weiß. Hubertus posiert. Sein Fuß ruht auf einem Ärztegrab. Hans-Konrad dokumentiert das Ganze mit der Kamera. Später wird sein Fotolächeln im Internet gleich neben Hannelore Kraft zu finden sein.

Wie schwül es ist: nirgends Luft! Hubertus flüchtet unter einen Baum, überall ist Zwielicht. Hans-Konrad gähnt. Er reicht Hubertus die Plastiktüte. Von Seite eins der Akte schaut ein Junge mit Latzhose wie ein Sträfling in eine Welt, die ihn nicht mag. "Ich", sagt Hubertus. "Groppe, Hubert", sagt die Akte, "Größe 110,5 cm, Gewicht 23,7 kg, runder Schädel ohne wesentliche Deformierungen, Umfang 51,5 cm. Hinterkopf nur wenig ausgeprägt, niedrige, noch leicht balkonartig vorspringende Stirn". Der Junge entspricht den "Durchschnittsleistungen seiner Altersstufe". Er ist also gesund. Wie kam er hierher? "Von Anfang an", heißt es weiter, erwies sich Groppe, Hubert, "als typisches Heimkind mit ausgeprägter Heimroutine". Er muckt nicht, mault nicht, verlangt keine Liebe oder Aufmerksamkeit, tut, was man sagt, wenn man es sagt, nässt nur selten ins Bett, wirkt aber trotzdem schlampig und irgendwie verdächtig. Was macht so ein Junge hier? Bruder Hubertus sagt leise: "Meine Mutter."

Sie hieß Thea. Einige im Dorf behaupteten, sie wurde vergewaltigt von Paul, dem Bäcker, ausgerechnet dem Bäcker. Doch vielleicht hatten Paul und Thea auch nur Spaß, das reichte damals schon, um als Dirne zu gelten. Paul war verheiratet. Er wollte Hubert nicht, und Thea wollte er auch nicht. Niemand wollte Thea mehr im Dorf, als alle wussten, was sie für eine war. Sie versuchte Hubert loszuwerden, um die Schande loszuwerden. Nach der Geburt, steht in der Krankenakte, war Thea "zunehmend reizbar-unwirsch verstimmt, wurde krankhaft misstrauisch und entwickelte einen Verfolgungswahn, entnahm aus Telefongesprächen, man wolle sie umbringen, vergiften". Sie wird eingewiesen. Diagnose: "Schizophrenie, paranoide Form, bei intellektueller Minderbegabtheit". Thea bekommt Elektroschocks und Psychopharmaka. 1956 wird sie in die Erwachsenenpsychiatrie nach Marsberg überwiesen. Hubert ist jetzt der Sohn einer "Schwachsinnigen". Als er sich im Waisenhaus prügelt, kommt auch er in die Psychiatrie. Nur einen Steinwurf entfernt von Thea wächst er auf. Alle paar Monate darf er sie besuchen. Sie ist ihm fremd, so wie Paul. Als der Jahre später stirbt, versucht Hubert gerade Krankenpfleger zu werden. Jemand gibt ihm einen Tipp: "Dein Vater ist hier." Er besucht ihn in der Leichenhalle. Da liegt Paul nackt, kalt und tot. Sein Sohn schaut ihn an wie der Metzger das Fleisch. Er fühlt gar nichts. Irgendwann geht er. Und später muss er noch mal gehen, als sie im Krankenhaus erfahren, dass Hubert als Kind in Marsberg war.

Einmal versucht Hubert, mit Thea über Paul zu reden. Sie flieht und bricht den Kontakt ab. Die Ärzte sagen, die Besuche wühlten sie zu sehr auf. Einige Zeit sieht Hubert seine Mutter noch. Dann hat sie Freigang und wankt die Straße herunter – auf ihn zu und an ihm vorbei. Erst vor ein paar Jahren ist Thea gestorben. 50 Jahre war sie in Marsberg in der Anstalt. Bruder Hubertus erfährt von ihrem Tod per Post. Er soll die Begräbniskosten tragen. Doch er hat nichts. Er lebt von Hartz IV. – Es wäre eine Farce, wäre es keine Tragödie.

Bruder Hubertus zwinkert ins Licht. Es ist schon spät. Sie wollen ja noch die Messe halten irgendwann. Und Hubertus will das wirklich. "Ich bin Priester", sagt er und setzt hinter jedes Wort ein Ausrufezeichen. Alle, die wie die Bischofskonferenz etwas anderes behaupteten, hätten keine Ahnung oder wollten ihn vernichten. Gut, er habe nie Theologie studiert. Jesus aber auch nicht. Außerdem habe er ein paar Kurse im Fernstudium belegt. Mehr sei eben nicht drin gewesen. In Marsberg gab es nur die Sonderschule. Und weil er auf der Sonderschule in Marsberg war, gab ihm später im Leben keiner eine Chance. Dabei wollte Hubertus schon als Kind Priester werden. Zum Priester schauten in Marsberg alle auf, selbst die Nonnen. Er war unangreifbar. Auf ihn und die anderen Kinder schauten dagegen immer alle nur herab. Sie waren verdächtig, man konnte ihnen nicht vertrauen oder sie ernst nehmen, zudem waren sie "schwachsinnig", wie es damals hieß. Doch jetzt habe er wirklich keine Zeit mehr. "Komm, Hans-Konrad." – "Ja, Hubertus." Zusammen gehen sie Richtung Schloss. Patienten dösen in der Sonne, schwatzen, essen Currywürste im Café. Jemand schreit. Aber nur kurz.

Im Internet ist Hubertus ein Star, der meist verlacht wird

Ein dünner Mann schwankt heran. Er ruft: "Mama! Mama!" Das ist Franz-Josef, Anfang 40, aber 20 Jahre älter aussehend. Franz-Josef ist in Marsberg Patient seit Jahrzehnten. Er lallt: "Gestern ist meine Mutter gestorben." Bruder Hubertus legt den Arm um ihn, lächelt. Hans-Konrad macht ein Foto. "Soll ich für sie beten?" Franz-Josef nickt. "Dann sag denen mal, dass ich in der Kapelle die Messe lesen soll." Franz-Josef nickt wieder. Hubertus lässt ihn das Stufengebet beten: "In nomine Patris et Filii et Spiritus Sancti." Aber Franz-Josef kommt über die erste Zeile nicht hinaus. Bruder Hubertus schüttelt den Kopf, spricht das Gebet zu Ende und geht weiter.

Er bleibt nicht lang allein. Ein Mann folgt ihm, Typ Sozialarbeiter. Er ruft: "Können Sie mir mal sagen, was Sie hier wollen?" Hubertus dreht sich um: "Und können Sie mir mal sagen, warum ich nicht mehr zum Sommerfest eingeladen werde?" Der Sozialarbeiter zuckt zusammen. "Äh, ich weiß auch nicht, was da falsch …" Hubertus unterbricht ihn, will wissen, ob er katholisch ist. Es stellt sich heraus: Der Sozialarbeiter ist Heide. Bruder Hubertus macht sich daran, die arme Seele zu erretten. Der ist das sichtlich unangenehm. Die ganze Zeit schaut sie Hubertus so an. Kennt sie ihn? Etwa aus dem Internet?

Im Internet ist Hubertus ein Star. Dort will er über Facebook und Skype der Jugend sein Wort Gottes predigen. Bruder Hubertus liebt die Jugend. Wer keine Jugend hatte, will wissen, wie sie ist. Er genießt auch die Aufmerksamkeit, die ihm im Internet zuteil wird, und verwechselt sie mit Liebe. In Marsberg gab es keine Liebe, wer liebte, war verdächtig. So wie Groppe, Hubert, aus der Akte, fünf Jahre und acht Tage alt: "In graduell unterschiedsloser Zuwendung schmiegt er sich an jeden Erwachsenen an und kann in seiner übergroßen Liebebedürftigkeit geradezu aufdringlich und lästig sein." Doch statt ihn zu lieben, sieht die Jugend in Bruder Hubertus vor allem den Schwindler, den schrägen Typen. Sie lacht über ihn, stellt kleine Videos mit ihm auf Youtube, lädt ihn zu Abi-Streichen ein, um ihn auf der Bühne vorzuführen. Sogar ins "Dschungelcamp" soll er, wenn es nach einer Facebook-Gruppe geht. Und Hubertus, merkt er nichts davon? "Doch", sagt er. Aber dann klingelt wieder sein Handy. Kirchenglocken dröhnen. Er sieht auf das Display, irgendein Schüler, der Hubertus’ Nummer aus dem Netz hat. "So geht das den ganzen Tag." Bruder Hubertus ist sichtlich stolz. "Kann ich nicht gut mit der Jugend? Welcher Priester wird sonst so oft von seinen Schülern angerufen?" Dann geht er ans Telefon. Er hört eine Weile zu, schweigt, schließlich sagt er: "Zerstöre dich nicht! Höre auf Gott: Nimm keine Drogen!" Er legt auf. Der Sozialarbeiter ist irritiert. Er will nur weg. Ob Hubertus irgendetwas brauchen kann, fragt er. Hubertus zeigt ihm die Tüte: "Bringen Sie die zum Auto." Der Sozialarbeiter geht. Die Tüte bleibt da. Egal! Der Weg ist frei. Nichts steht mehr zwischen Hubertus, dem Schloss und der Kapelle darin.

Zwielicht umgibt ihn, weiße Wände, lange Flure, Erinnerungen. Hubertus ist zu Hause. Hier steht die Luft. Hier kennt er zu jeder Ecke eine Geschichte, wartet hinter jeder Tür ein bekanntes Gesicht auf ihn. Er zählt Namen auf: Schwester Herminia, Schwester Kilianis, Schwester Meinolfine. Nonnen, die seit Jahren nicht mehr leben, geistern als Erinnerungen über menschenleere Flure. Früher waren hier überall Nonnen, dazu Pfleger, Ärzte und natürlich Kinder, so viele Kinder. Doch die Erinnerung trügt. So viele Ärzte waren es nicht, nur vier. Und Nonnen gab es in Wahrheit auch nur wenige. Und die es gab, mussten an der Pforte sitzen, in der Wäscherei arbeiten, den Gutshof leiten, in der Küche kochen, Kinder erziehen, sie unterrichten, sie baden, sie füttern, sie ins Bett bringen. Selbst im Schlaf mussten die Kinder überwacht werden. Es hätte ja sonst was passieren können. Viele der Schwestern hatten deshalb kein eigenes Zimmer, oder Freizeit, oder Privatbesitz, oder Intimsphäre. Meist schlief die Stationsschwester im Bereitschaftszimmer neben dem Schlafsaal mit den 30 Betten. Dort gab es ein Loch in der Tür. Durch das Loch konnte man alles sehen, alles. Denn es hätte ja sonst was passieren können.

Totale Aufgabe, totale Kontrolle, totale Überforderung

Wenn die Bereitschaftsschwester schlief, passierte oft sonst was. Dann gehörte der Saal den Hausburschen, älteren Jungen, Handlangern der Macht. Die genossen die Macht, alles machen zu können. Die Nonnen wussten, sahen und vergaßen. Sie hatten ihr Leben Gott und den Kindern geweiht. Jetzt merkten sie, was das hieß: totale Aufgabe, totale Kontrolle, totale Überforderung. Manchmal wurde es aber auch ihnen zu viel. Dann rutschte ihnen die Hand aus, oder der Stock, oder der Knüppel. Die Kinder waren ja auch wirklich schwierig. Es gab welche mit "Schwachsinn ersten Grades, mit mongoloider Idiotie, mit Epilepsie, spastischen Lähmungen, Psychosen, echten Geisteskrankheiten, Hirnschäden". Sogar gesunde Kinder waren darunter, Groppe, Hubert, beispielsweise. Wie sollten die Nonnen mit ihnen allen umgehen? Sie hatten keine Ausbildung. Therapie? Was sollte das sein? Also gaben sie den Kindern Medikamente, um sie ruhigzustellen, tunkten sie in Badewannen mit Eiswasser, fesselten sie an Stühle und Betten, sperrten sie in dunkle Räume und vergaßen sie.

Aber wer hatte damals überhaupt schon eine Ausbildung? Die Pfleger waren gelernte Bäcker, Schuster, Dachdecker, die keiner mehr wollte, die im Krieg gewesen waren und den Horror im Kopf hatten. Sie sehnten sich nach Frieden, bauten Häuser am Anstaltsfriedhof, ließen Anstaltskinder für sich arbeiten und gaben ihnen Fanta und Pfennige. Sie sonnten sich in ihrer Großzügigkeit, denn siehe: Die Kinder waren glücklich! Sie kannten keine Fanta. Zu den Essenszeiten gab es Hagebuttentee und Schnibbelböhnchen und alles, was Kinder sonst noch hassen. Und wenn der Horror stärker war oder die Lust oder wenn er einfach Langeweile hatte, warf ein Pfleger auch schon mal ein Kind aufs Bett, prügelte es mit Fäusten, machte sonst was mit ihm. Aber nicht nur Pfleger und Nonnen prügelten, auch die Kinder prügelten, und zwar einander, mit Stühlen, mit Latten, mit allem. Gewalt war verboten, damals wie heute. Aber wen störte das? Es waren die Fünfziger.

Manchmal kamen auch Leute vom Landschaftsverband. Die sollten alles überprüfen. Doch sie schauten gar nicht richtig hin, wollten nur die Kinder singen sehen ihnen zum Gefallen: "Wenn der Frühling kommt,/ von den Bergen schaut,/ wenn der Schnee im Tal/ und von den Hügeln taut,/ wenn die Finken schlagen/ und zu Neste tragen/ dann beginnt die liebe, gold’ne Zeit." Die Stimme von Bruder Hubertus kriecht über die Flure, als er die Lieder seiner Jugend singt.

Mit den Jahren verändert sich Groppe, Hubert. Bald ist er nicht mehr das routinierte Heimkind, das weder muckt noch mault. Je älter er wird, desto öfter schreit er, gibt Widerworte, bekommt Prügel, teilt aus. Seine Veränderung bleibt nicht unbemerkt. Er gilt nun als "mürrisch", knatschig", "übel gesinnt" und "ichbezogen". Er bekommt Psychopharmaka. Man untersucht ihn auf Epilepsie. Mehrfach verabreicht man ihm Paraldehyd, ein starkes Narkosemittel. Drei Tage schläft er dann und stinkt danach bestialisch. Aber alles hilft nichts: "Größe 136 cm, Gewicht 33 kg – Hubert war zeitweilig unerträglich heute. Häufig zeigt er eine demonstrativ aggressive Note, traut sich aber in der Gegenwart des Personals meist nicht, es bis zum Letzten kommen zu lassen. Immerhin wagt er es auch hier, vor die Stirn zu tippen, Fratzen zu schneiden, die Faust zu ballen. Entlädt sich häufig in dramatischen Primitivaktionen. So kann es passieren, dass er sich den Pullover aufreißt und ›Luft! Luft! Luft!‹ schreit." Bruder Hubertus atmet schwer und geht weiter, immer weiter.

Nur im Religionsunterricht und in der Kirche ist Hubert noch folgsam. Religion bedeutet Flucht für ihn, Stille, Abgeschiedenheit. Nur hier findet er Anerkennung und Liebe. Alte Mütterchen streichen ihm nach der Messe über den Kopf, wenn er sagt, dass er Priester werden will. Selbst die Nonnen sind zufrieden. 1967 hat Groppe, Hubert, ein "Gut" in Katechismus. Sonst hat er nur Dreien und Vieren. Er entweltlicht sich. Es geht ihm gut dabei.

Aber dann geht doch wieder alles schief. Groppe, Hubert, hat einen mürrischen Tag. Er reißt Schwester Herminia die Haube herunter. Er kommt in die Gummizelle. Danach wird er verlegt. Hubert ist nicht mehr tragbar für die anderen. In der neuen Abteilung läuft alles besser: weniger Schläge. Hubert arbeitet in der Arbeitskolonne Friedhof. Er pflegt die Gräber, zupft das Unkraut. Dann lernt er bei einem Bäcker aus der Gegend. Als er 1970 entlassen wird nach 13 Jahren in Marsberg, kann er eigentlich alles, was es zum Leben braucht: Er kann backen und jäten.

In der Kinder- und Jugendpsychatrie Marsberg ist er Gott begegnet

Lange ist das her. Mehr als ein halbes Leben später eilt Groppe, Hubert, über die Marsberger Flure und sucht nach seiner Kapelle. Namen und Erinnerungen fliegen wie Landschaften vorbei. Aus einer der Türen reckt sich ein Kopf: "Kann ich Ihnen helfen?" Doch Bruder Hubertus beachtet die Frau zu dem Kopf nicht weiter. Er eilt nach oben, nimmt zwei Stufen auf einmal, und die Frau ihm hinterher: "Kann ich helfen, kann ich helfen?" Aber sie kann nicht helfen. Er steht vor der Tür. Das also ist die Kapelle. Bruder Hubertus drückt die Klinke herunter.

Die Tür ist verschlossen.

Einen langen Moment verharrt er, sagt nichts. Dann erst bemerkt er die Frau: "Haben Sie den Schlüssel?" Aber die Frau hat den Schlüssel nicht. Da will Hubertus weiter, er rennt von Tür zu Tür, von Gesicht zu Gesicht, von Erinnerung zu Erinnerung, rastlos. Und so könnte sich die Geschichte wiederholen auf ewig, als Farce, als Tragödie, wenn nicht Hans-Konrad wäre. Jetzt tritt er vor ins Licht und legt seinem Freund die Hand auf die Schulter: "Lass gut sein, Hubertus." Da lässt der es gut sein.

Später öffnet sich dann doch eine Tür, aber es ist eine andere. Eine weite Halle ist zu sehen: die Eingangshalle der Kongregation der Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul in Paderborn. Hubertus ist nicht da und Hans-Konrad auch nicht. Am Empfang sitzt eine Schwester, die jeden Besucher anschaut, als wäre er der erste seit mehr als tausend Jahren. Ob sie auch in Marsberg war? Unwahrscheinlich. In den Achtzigerjahren taten die Nonnen dort den letzten Dienst. Die Schwester zeigt mit zitterndem Finger in eine Richtung: "Da!" Wieder eine Tür. Sie ist offen. Altes Porzellan steht auf einem Eichentisch mit Spitzendeckchen. Alles riecht wie Katholizismus, alles fühlt sich auch so an. An dem Tisch sitzt Schwester Cäcilie, die Generaloberin der Barmherzigen Schwestern. Cäcilie ist eine warmherzige Frau. Sie hat schon viele Psychiatrieopfer an dem Tisch mit dem Spitzendeckchen sitzen sehen. Manchmal weinten sie, manchmal umarmten sie sie. Oft sogar. Ob sie glaubt, dass Bruder Hubertus leidet?

"Er leidet. Das ist offensichtlich."

Will ihm denn keiner helfen?

"Ich will ihm helfen. Aber er möchte keine Hilfe. Nicht von mir. Nicht von uns. Nicht von der Kirche."

Bruder Hubertus glaubt Priester zu sein. Er glaubt es wirklich, dabei hätte er tausend gute Gründe, die Kirche zu hassen.

"Das ist die Tragik seines Lebens."

Warum hilft die Kirche ihm dann nicht und lässt ihn in Marsberg die Messe halten? Einmal zumindest.

"Das geht nicht."

Warum nicht?

"Er ist kein Priester. Er ist exkommuniziert. Er hat nicht mal studiert. Er hat nur Sonderschule."

Aber er denkt, er hat das Recht, alles zu sein, was er will, weil er als Kind in Marsberg war. Er hat sich sogar weihen lassen deshalb.

"Deshalb ist er ja exkommuniziert."

Aber ist das richtig? Sollte man so umgehen mit jemandem wie ihm?

"Nein, das sollte man nicht. Aber es geht nun mal nicht anders."

Und das Mitgefühl? Was ist damit?

Schwester Cäcilie steht auf. Sie lacht nicht. Unendlich lange schenkt sie Kaffee nach. Sie sieht aus, als denke sie an etwas anderes.

Und da sitzt Groppe, Hubert, im Auto auf der A 33 zwischen Marsberg, Paderborn und dem Parkplatz Letzter Heller. Eine Weile schweigt er, dann zählt er wieder leere Kirchen. Er freut sich über jede, die ihn braucht. Es geht ihm besser so. Wann nur, Hubertus, bist du Gott begegnet? Er lächelt endlich wieder.

"In Marsberg natürlich. Wo sonst?"

Es ist einer dieser Tage. Hubert ist mal wieder zeitweise unerträglich. Die Schwestern entscheiden: Hubert muss schlafen. Er bekommt eine Spritze. Drei Tage dauert es, bis er nach dem Paraldehyd wieder zu sich kommt. Er kann seine Arme nicht rühren. Er kann seine Beine nicht rühren. Er stinkt bestialisch. Aber er fühlt sich geborgen, zum ersten Mal im Leben. Alles ist hell und warm. Überall ist Luft. Er atmet. Hubert weiß nicht, wo er ist und wer er ist, aber er spürt, jemand ist im Zimmer und beugt sich über ihn. Eine Stimme fragt: "Hubertus, hörst du mich?"

Seitdem ist er da für sie.