Uns fragt ja mal wieder keiner. Fragte einer, so käme von uns die Antwort, dass wir Krieg und Frieden keineswegs länglich finden, uns der mäandernde Erzählfluss von Marcel Proust außerordentlich gefällt und wir nach jeder im Bus weggesnackten Novelle empört rufen: Wie, schon fertig?

Wir prahlen an dieser Stelle deswegen damit, weil wir neulich im Internet gesehen haben, dass dort die hiesigen Mover und Shaker neuerdings hinter ihren geteilten Leseempfehlungen Warnhinweise platzieren: "Achtung – Longread!!!" stand da zum Beispiel, und man kann darüber grübeln, ob drei Ausrufezeichen der Brisanz dieser Auskunft angemessen sind. Eine andere Website präsentierte literarisch gemeinte Texte, bei denen sogleich die geschätzte Lesedauer mitgeteilt wird.

Nun ist das, weil wir Legionäre des Augenblicks ja sowieso mit unserer Lebenszeit haushalten müssen, im Grunde gut zu wissen. Man fühlt sich zwar leicht gegängelt, als sei man schon ein Fall für "Schopenhauer für Manager", "Kant für Kinder" und "Musil für Muffel". Aber die Servicekomponente ist durchaus ausbaufähig. Buchhändler könnten uns beim Buchkauf in Zukunft freundlich darauf hinweisen: "Dieser Roman dauert etwa vier bis sechs Stunden, genießen Sie ihn im Mondschein auf einem Bett aus Rindenmulch und in Gegenwart eines ungesüßten Minztees. Aber sechs Stunden, das ist natürlich ’ne Menge Holz." Und wer tatsächlich an Aufmerksamkeitsstörungen leidet oder sich wie Karl Kraus fragt, woher er nur die Zeit nehmen soll, das alles nicht zu lesen, dem hilft zumindest der neuste Lesetrend, der von einigen Nachrichtenwebsites ausprobiert wird. Da werden allen Artikeln mittlerweile sogenannte Bulletpoints vorangestellt, die den Inhalt des Artikels zusammenfassen und den Vorteil besitzen, den Rest gar nicht erst lesen zu müssen. Auch das hat Zukunft! 900 Seiten Moby Dick könnten künftig zusammenschnurren auf:

Mann steigt auf Schiff.

Schiffskapitän jagt weißen Wal.

Großes Drama.

Einiges kommt ans Licht.

Wal versenkt Schiff.

Alle tot, bis auf Mann.

Die ästhetischen Verluste sind im Verhältnis zur generellen Ersparnis zu verkraften. Aber was fangen wir jetzt mit der restlichen Zeit an?