Der Bildbegriff sei "pathosanfällig", meint Sigrid Weigel in ihrem Buch Grammatologie der Bilder. Dies vor allem dann, wenn die "Herkunft der Bilder aus dem Totenkult" abgeleitet werde, wie dies in den letzten Jahren insbesondere Hans Belting in einigen imposanten bildwissenschaftlichen Studien getan hat. Doch muss Weigel sich fragen lassen, ob das von ihr propagierte Bildverständnis nicht noch viel pathosanfälliger ist. Immerhin bezeichnet die Berliner Literaturwissenschaftlerin in ihrem Opus magnum das Bild als "Abkömmling der Doppelnatur Christi". In insgesamt zehn Kapiteln spielt sie von jeweils anderen Ausgangspunkten aus die These durch, Bilder seien die Sichtbarmachung von etwas "genuin Unzugänglichem oder Unsichtbarem", Inkarnation von etwas, das seinerseits – als etwas Über- oder Vorsinnliches – entzogen bleibt. Im Geiste von Jacques Derridas Grammatologie interessiert es Weigel, die Spuren jenes Noch-nicht-Bildhaften zu verfolgen, die in einem Bild zur Geltung kommen – die différance , "in welcher das Erscheinen und die Bedeutung ihren Anfang nehmen".
Sigrid Weigel: Vom Himmel hoch, da kommen die Bilder her
Das Unsichtbare wird sichtbar: Sigrid Weigel erkundet die christlichen Wurzeln unserer Bildwelt.