Da ist einer zu weit gegangen. Schon vorher hat sich das Gelände eigentümlich verschoben unter den Schritten, ruhigen sechs Achteln pro Takt, nach chromatischem Schlingerkurs weiß man gar nicht recht, wie man an diese As-Dur-Schwelle geraten ist. Noch ein Schritt, und der führt in die Wüste. So leer ist alles, so steil türmt sich der blanke Himmel auf, dass die Welt stillsteht in und zwischen den trockenen Akkorden, f-Moll, c-Moll, Des-Dur ... Eine ausweglose Weite, aus der nur ein einziger Trick heraushelfen kann, ein Trick, auf den nur einer kommen kann: Mozart.

Ebenjener Wolfgang Amadeus Mozart, der im Andante seines d-Moll-Streichquartetts KV 421 zu weit gegangen ist. Absichtlich natürlich und in der Hoffnung, dass es jemand merkt und mit ihm geht. Was dem Chiaroscuro Quartet gelungen ist, vielleicht als erstem. Die Männer vom Alban Berg Quartett haben es 1987 geahnt, waren aber einfach zu vital, die Jungs vom Quatuor Ebène gestalteten hier vor vier Jahren eine anmutige Terrasse, nicht gerade mit Blumenkübeln, aber keineswegs trostlos. Alina Ibragimova, Pablo Hernán Benedí, Emilie Hörnlund und Claire Thirion jedoch wagen sich weiter hinaus.

Sie lassen aus diesen Akkorden alles Leben weichen und machen die Stille dazwischen zum Ereignis. Und haben sie nicht schon zu Beginn des Werkes die Gravitation spüren lassen, die den ersten Ton, fahl und vibratolos gespielt, um eine Oktave nach unten zieht? Danach blühen die Farben umso erstaunlicher. Da kann auch ein Ton der zweiten Geige fesseln, der messa di voce unter den Girlanden der ersten Geige herausglänzt (in der ersten der Finalvariationen). So tief dringen die Musiker ein in den Klang des Gewebes, dass aus dem vertrauten oft auch ein fremder Mozart hervortritt, einer, der mehr weiß, als er sagt.

Diese CD riskanter Extreme erscheint zu einer Zeit, in der das dringend nötig ist. Der Boom der Streichquartette – ein anhaltender historischer Rekord in Quantität wie Qualität – lässt allmählich Gefährdungen der Szene hörbar werden, vor allem eine ästhetische Nivellierung vieler Spitzenmusiker, die dem Repertoire, mit berauschender Perfektion, ein edles Styling verpassen. Einen vorläufigen Gipfel erreicht dabei das hochumjubelte Schumann Quartett – gegründet 2007, zwei Jahre nach den Chiaroscuros. Wer sich die jüngst erschienene CD der Kölner anhört, vergeht bei Mozart schier in Schönheit.

Dabei klingt das D-Dur-Quartett KV 575 nicht einfach nur an der Oberfläche makellos. Den edlen Kirchenhall brauchen diese Musiker nicht, um etwas zu verbergen; da ist bis ins Detail poliert und austariert worden. Vom Komma bis zum Sentiment ist alles wohldosiert, die Musik schimmert von Eleganz und schnurrt wie eine seidig gekämmte Katze. Dabei haben Erik, Ken und Mark Schumann sowie Bratschistin Lisa Randalu jedes Persönliche gleich mit herausgekämmt. Wer die guten alten ABQs gleich danach hört, erschrickt vor der Individualität der Musiker wie vor einem unerwarteten Bekenntnis.

Indessen zählt Günther Pichler, einst Primarius des ABQ, zu den Lehrern der Schumanns, und es mag sein, dass sie bei Konzertauftritten über die "tönend bewegte Form" hinausgeraten, die einst Eduard Hanslick polemisch gegen "verrottete Gefühlsästhetik" in Anschlag brachte. Etwas mehr von Letzterer täte dem zweiten Streichquartett von Charles Ives ebenso gut wie dem einzigen von Giuseppe Verdi. Es ist auch da, als hätten die Kölner an geschmeidigen Linien, blühenden Tönen, an der Homogenität und einer gleichsam abstrakten Beweglichkeit gefeilt, doch kaum gefragt: Was hat, was will er denn bloß?