Als ich ein Junge war, hat meine Kreativität mich beschützt. Sie hat mich abgeschirmt von dem, was andere von mir wollten. Während sie auf mich einredeten, war ich in einer eigenen Welt. Das ist das Tröstliche an der Kreativität: Sie nimmt der Außenwelt das Bedrohliche, weil man vieles gar nicht mitbekommt. In der Schule zeichnete ich unter dem Tisch nackte Frauen, die Bilder verkaufte ich an meine Klassenkameraden. Später merkte ich, dass ich auch angezogene Frauen sehr gut zeichnen konnte. Das war der Beginn meiner Karriere.

Kreativität ist eigentlich ein verkommenes Wort. Ich würde niemals sagen, etwas sei meine "kreative Leistung". Heute sind ja alle kreativ. Man sagt "Ich mach was Kreatives", wie man früher sagte "Ich habe Kopfschmerzen". Die Kreativität soll etwas Leichtes sein, stets locker und gut gelaunt. In Wirklichkeit ist es aber gar nicht leicht und locker, kreativ zu sein. Man ist nicht Herr über seine Ideen – die Ideen sind Herr über einen selbst. Kreativität verschlingt einen, weil sie alle Aufmerksamkeit einfordert. Sie fragt nicht, was mit dem sozialen Umfeld geschieht. Sie kann einen versklaven. Sie kann einen einsam machen und in den Abgrund ziehen. Deswegen ist der Kreative auch immer etwas meschugge.

Ich glaube, Kreativität liegt näher an Wahnsinn und Besessenheit, als wir es wahrhaben wollen. In vergangenen Zeiten hat man gerne Schizophrene malen lassen. Erst durch die moderne Psychiatrie wurden solche Leute als psychisch krank wahrgenommen – mit katastrophalen Auswirkungen auf den Wert ihrer Werke. Edvard Munch etwa war wegen seiner bipolaren Störung in Behandlung – und floh aus der Psychiatrie aus Angst vor dem Stigma. Sein berühmtes Bild Der Schrei ist nichts anderes als die Wiedergabe einer "besessenen Situation", die er wirklich erlebt hat, als er über eine Brücke ging. Die Farben veränderten sich, die Landschaft weichte auf, Panik ergriff ihn. Dadurch, dass er diese Situation immer wieder malte, bannte er sie. Und auch das gehört zum kreativen Schaffen: Indem man Dinge bannt, macht man sie kontrollierbarer. Was aber wäre ein Munch wert gewesen, hätte man sein Werk als therapeutisches Malen eingeordnet?

Ob etwas als Leistung erkannt und gewürdigt wird, hängt nicht nur vom Kreativen ab. Ein Werk braucht im Einsteinschen Sinne immer Verabredung mit Raum und Zeit. Nur in einem bestimmten Rahmen zu einem bestimmten Zeitpunkt kann es als Kunstwerk erkannt werden. Heute sind Bilder von Martin Kippenberger unbezahlbar. Aber vor 20 Jahren hätte niemand ohne besonderen kulturellen Hintergrund eine Arbeit von ihm als Kunst wahrgenommen. Er war ja auch kein besonders guter Maler.

Wir sehen Kreativität und Inspiration gerne auf das Individuum bezogen: Man hat eine Eingebung und schafft dann das große Werk. Aber der Künstler funktioniert nur mit seinem Publikum. Nimm ihm die Zuschauer, und er ist nicht mehr. Was ist ein Bild ohne die Galerie, ein Buch ohne Leser, eine Symphonie ohne den vollen Saal? Auch ich musste mein Publikum erst finden. Für mich waren das in den siebziger Jahren die Hamburger Snobs. Dort in den Villen von Pöseldorf fand ich den Resonanzboden, über den ich meine Models schreiten lassen konnte. Seit ich in der Jury von Germany’s next Topmodel bin, zählen zu meinem Publikum auch kreischende 16-Jährige, die ein Selfie mit mir machen möchten. Wie gesagt: Alles hat seine Zeit und seinen Raum.

Die Gesellschaft muss den Kreativen also goutieren, sie muss ihn zulassen. Darin sind wir Deutschen übrigens eher schlecht. Wir bewegen uns traditionell etwas stiernackig und bockbeinig durch die Geschichte. Man lässt keinen deutschen Designer zu, man lässt keine große Literatur zu, und die Maler würdigt man erst im Abstand von 20 Jahren.

Das Publikum allein genügt aber auch nicht. Kreativität braucht die Bewegung. Das gilt ganz besonders für mein Metier, die Mode. Mode muss immer jetzt sein, sie verträgt keinen Abstand. Wenn man sich heute Bilder von Originalkleidern von Yves Saint Laurent an den Models seiner Zeit anschaut, könnte man glauben, das habe sich vor 80 Jahren abgespielt. So schnell bewegt sich die Mode. Sie sehnt sich stets aus der Zeit, in der sie spielt. In der Mode begannen die achtziger Jahre schon in den Siebzigern und die Siebziger in den Sechzigern. Mode braucht die Beschleunigung. Gerade aber ist unsere Gesellschaft in Bewegungsstarre. Überall wünschen wir uns "Selbstentschleunigung". Darum ist die Mode unserer Zeit so orientierungslos. Sie kann sich auf keinen Fortschritt, keinen öffentlichen Dialog mehr beziehen – und verliert deswegen die Sprache. Wir sehen nur noch verkleidete Menschen bei gesellschaftlichen Anlässen über rote Teppiche gehen und Kleider tragen, von deren Bedeutung sie selbst keine Ahnung haben.

Ich kann mit Entschleunigung nichts anfangen. Ich werde als Designer immer wieder gefragt, ob ich nicht mal langsam machen wolle. Ich könne doch die Beine in den Pool hängen und einen Caipirinha kommen lassen. Ich will mich aber nicht entschleunigen. Ich habe kein Interesse am "guten Leben". Es ist langweilig. Meine Kreativität unterhält mich, sie holt mich morgens aus dem Bett. Ich will wissen, ob das Buch, das ich geschrieben habe, erschienen ist, das Bild, das ich gemalt habe, fertig bearbeitet ist, ob meine Entwürfe genäht sind. Ich treffe Menschen, mit denen ich früher um die Häuser zog, die mir jetzt von ihren Zipperlein erzählen. Dazu habe ich nichts beizutragen, es interessiert mich nicht.

Kreativität ist aber auch unzuverlässig. Mir geht es oft so, dass zwanzig bis dreißig Leute darauf warten, dass ich eine Eingebung habe – und sie kommt nicht. Die Mode hat ihre festen Termine im Kalender – aber die Kreativität hält sich nicht daran.

Man kann lernen, Ideen besser zuzulassen. Es stimmt nicht, dass Drogen helfen. Die machen einen vielleicht radikaler in dem, was man tut. Aber die eigentliche, unschuldige Idee, die tief in einem schlummert, kommt nur hervor, wenn man völlig nüchtern ist. Wenn es nichts gibt, woran man denken muss. Nichts, was einen ablenkt. Keine Kopfschmerzen, keine Müdigkeit, keinen Hunger. Monotone Tätigkeiten helfen: Gemüse schneiden, Spaghetti kochen. Wenn man Glück hat, kommt Fortuna vorbei und reicht das Streichholz, mit dem man den eigenen Docht anzünden kann. Wenn sie nicht kommt, hilft nur ein Trick: Man sagt genau das Gegenteil dessen, was man zuletzt gesagt hat, und behauptet, es wäre ein neuer Einfall.

Wolfgang Joop ist einer der erfolgreichsten deutschen Modedesigner. Er ist Juror in der Sendung "Germany’s next Topmodel".